In Wuppertal starb am vergangenen Montag der 25-jährige Giorgos Zantiotis in Polizeigewahrsam. Erst sechs Tage später gibt es nach öffentlichem Druck überhaupt eine Bekanntmachung des Todesfalls durch die Polizei Wuppertal. Die verspätete Meldung der Polizei wirft einige Fragen auf und muss kritisch hinterfragt werden. – Ein Kommentar von Julius Kaltensee.

Am Montagfrüh starb der 25-jährige Giórgos Zantiótis in Wuppertaler Polizeigewahrsam. Die Öffentlichkeit bekam davon lange Zeit nichts mit. Am Samstag wurde dann auf dem Infoportal Indymedia der griechischen Hauptstadt Athen ein Video veröffentlicht, das die brutale Festnahme durch die Polizei belegte. Zu sehen ist, wie mehrere Polizeibeamte auf Zantiótis sitzen und ihn zu Boden drücken.

Am Samstagabend wird das Video dann in den sozialen Medien veröffentlicht, am Sonntag morgen bestätigt die Polizei Wuppertal „einen Todesfall in Polizeigewahrsam“ – doch nicht von sich aus, sondern erst auf Nachfrage von Perspektive Online.

Sonntagnachmittag dann die erste offizielle Erklärung staatlicherseits: Die Staatsanwaltschaft Wuppertal räumte ein, dass der 25-Jährige in Gewahrsam der Wuppertaler Polizei nach einer Blutentnahme verstarb. Diese sei angeordnet worden, da bei ihm der Verdacht auf Drogeneinfluss bestanden habe. Kurz nach der Entnahme sei Zantióti kollabiert und jegliche Reanimationsversuche hätten keinen Erfolg gehabt.

Auf dem Video ist zu sehen, dass die Schwester, die den Vorfall filmte, mehrmals schreit, dass ihr Bruder Probleme mit dem Magen hätte und das Verhalten der Polizisten zu gewaltsam sei. Dies steht der Aussage der Polizei Wuppertal gegenüber, die berichtete, dass der 25-Jährige einen Polizisten angegriffen habe und er nur durch den Zuzug weiterer Einsatzkräfte in Gewahrsam genommen werden konnte.

Das Polizeipräsidium Hagen führte daraufhin das Todesermittlungserfahren und kam zu dem Ergebnis, dass für den Tod eine Grunderkrankung verantwortlich sei und die Polizisten aus Wuppertal keinerlei Schuld treffe.

Keine Meldung wert?

Doch die Polizei erachtete es nicht für nötig, die Öffentlichkeit über diesen tödlichen Vorfall zu informieren. Erst, als das Video der gewaltsamen Festnahme auf Indymedia geteilt wurde, anschließend in den Social Media landete und dann herauskam, dass eine dementsprechende Polizeimeldung bislang fehlte, musste die Polizeistelle in Wuppertal reagieren.

Sie hätte es nicht für nötig gehalten, „einen internistischen Notfall zu melden“ und es deshalb nicht für medienrelevant erachtet. Warum ein Tod in Polizeigewahrsam weniger relevant als zum Beispiel ein PKW-Brand in Wuppertal (02.11) oder ein Verkehrsunfall in Wuppertal-Vohwinkel (28.10.) sei, bleibt dabei unbeantwortet.

Beide Vorfälle wurden ordnungsgemäß dem Presseportal der Polizei hinzugefügt, während sich für einen toten 25-Jährigen erst auf Druck der Öffentlichkeit und erst sechs Tage später die „Mühe“ gemacht wurde. Deshalb entsteht zu Recht der Verdacht, dass die Polizei diesen Vorfall bewusst verschweigen wolle und dass der Bericht der angeblich „neutralen“ Polizei Hagen vielleicht doch nicht wirklich neutral gewesen sei.

Grundsätzlich ist es nach wie vor ein Skandal, dass es in Deutschland für Polizeigewalt immer noch keine unabhängige und wirklich neutrale Stelle gibt, die eben nicht aus Kolleg:innen der Täter besteht.

Tod in Gewahrsam

Bestärkt wird der Verdacht, dass an dem Bericht der Polizei einiges gelogen sein könnte, auch maßgeblich dadurch, dass es in der Vergangenheit schon viele ähnliche Fälle gab, in welchen Menschen in Polizeigewahrsam starben und die Schuld dabei ausschließlich auf die Opfer geschoben wurde.

Zu nennen ist dabei vor allem der Fall Oury Jalloh, zu welchem – genau einen Tag nach dem Tod von Zantiótis – ein neues Gutachten vorgestellt wurde, das erneut dem Bericht der Polizisten widerspricht. Die Polizei Dessau hatte damals behauptet, Jalloh hätte sich selbst angezündet, obwohl er auf seiner Matratze fixiert wurde. Mehrere Gutachten hatten diesem Bericht widersprochen und gehen nach wie vor davon aus, dass Jalloh von Polizist:innen angezündet wurde, während er auf der Matratze hilflos fixiert war.

Laut Recherchen der Initiative „Death in Custody“ sind seit 1990 insgesamt 181 von Rassismus betroffene Menschen in Polizeigewahrsam gestorben. Alleine deshalb gilt es den Fall Zantiotis kritisch zu begleiten und die offizielle Erklärung der Polizei zu hinterfragen.

„Tod in Gewahrsam“ – Dokumentation geht online

Einen Beitrag dazu muss auch kritischer Journalismus leisten: Polizeimeldungen ohne Recherche abzuschreiben und der Öffentlichkeit als absolut, sprich „objektiv“ darzustellen – wie es noch immer viele Medien tun – , verkennt, dass die Polizei großes Interesse daran hat, eigenes Fehlverhalten zu vertuschen und unter den Teppich zu kehren.

Dies wird unter anderem dadurch deutlich, dass verschiedene Polizeipräsidien immer häufiger auf sozialen Medien eigene Berichte teilen und ihre Berichte somit als Nachrichten tarnen.

Es ist also unbedingt nötig, Meldungen der Polizei grundsätzlich und immer zu hinterfragen und sich die vielen Toten in Gewahrsam, die nicht seltenen rassistischen Übergriffe und rechten Polizei-Netzwerke im Staatsapparat bewusst zu machen und vor Augen zu führen.


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