Der neue Corona-“Expertenrat“ aus fast allen medial bekannten Virolog:innen zeichnet düsterste Zukunftsbilder: Deutschlands Krankenhäuser könnten durch die Omikron-Variante noch massiver überlastet werden, Teile der „kritischen Infrastruktur“ wegen zu vieler Erkrankter ausfallen. Unionsfraktionsvize Müller spricht im Extremfall von bis zu 700.000 Neuinfektionen – pro Tag. Derweil schloss Gesundheitsminister Lauterbach aber einen Lockdown vor Weihnachten aus. Das Corona-Chaos hält auch bei der neuen Regierung an.

Es ist die erste öffentliche Stellungnahme des neuen Corona-“Expertenrats“, den die neue Ampel-Bundesregierung einberufen hat. Darunter sind bekannte Namen wie Christian Drosten von der Berliner Charité, aber auch Hendrik Streek von der Uni Bonn. Alle 19 Mitglieder haben einstimmig eine Erklärung zur neuen „Omikron-Variante“ des Corona-Virus abgegeben. Und sie liest sich düster:

So bringe die Omikron-Variante eine „neue Dimension“ in das Pandemie-Geschehen: „Omikron zeichnet sich durch eine stark gesteigerte Übertragbarkeit und ein Unterlaufen eines bestehenden Immunschutzes aus. Dies bedeutet, dass die neue Variante mehrere ungünstige Eigenschaften vereint. Sie infiziert in kürzester Zeit deutlich mehr Menschen und bezieht auch Genesene und Geimpfte stärker in das Infektionsgeschehen ein“, heißt es dazu im dreiseitigen Papier.

Dies könne zu einer explosionsartigen Verbreitung führen: In Dänemark, Norwegen, den Niederlanden und Großbritannien werde bereits eine nie dagewesenen Verbreitungsgeschwindigkeit mit Omikron-Verdopplungszeiten von etwa 2-3 Tagen beobachtet. Es sei bisher nicht davon auszugehen, dass im Vergleich zur Delta-Variante Menschen ohne Immunschutz einen milderen Krankheitsverlauf aufweisen würden.

700.000 Neuinfektionen – pro Tag

Erste Studienergebnisse zeigten zudem, dass der Impfschutz gegen die Omikron-Variante rasch nachlässt und auch immune Personen symptomatisch erkranken, wenn auch der Schutz vor schwerer Erkrankung „wahrscheinlich teilweise erhalten“ bleibe – eine erstaunlich schwache Formulierung. Mehrere Studien zeigten jedoch deutlich verbesserten Immunschutz nach erfolgter Boosterimpfung mit den derzeit verfügbaren mRNA-Impfstoffen.

Sollte sich die Ausbreitung der Omikron-Variante in Deutschland so fortsetzen, wäre ein relevanter Teil der Bevölkerung zeitgleich erkrankt und/oder in Quarantäne. Zuvor hatte bereits der Vizevorsitzende der CDU/CSU Fraktion, Sepp Müller, davon gesprochen, dass er im schlimmsten Fall mit bis zu 700.000 Neuinfektionen pro Tag rechne. Dann würden sich alle Menschen, die in Deutschland „Müller“ heißen, an einem einzigen Tag mit Omikron infizieren. Worauf Müller seine Zahlen stützte, ist nicht bekannt.

Gesundheitssystem belastet – und die Kritische Infrastruktur

Der Corona-“Expertenrat“ warnt vor einer „extremen Belastung“ nicht nur des Gesundheitssystems, sondern auch der gesamten kritischen Infrastruktur. Darunter fallen Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, Telekommunikation, Strom-und Wasserversorgung, aber auch Medien, Banken und das Militär. Es bedürfe deshalb „einer umfassenden und sofortigen Vorbereitung des Schutzes der kritischen Infrastruktur unseres Landes“ – zusammen mit der Bundeswehr.

Im Bericht aus Berlin hatte zuvor bereits Gesundheitsminister Karl Lauterbach erklärt, dass dies bereits vorbereitet werde, daran arbeite man – auch zusammen mit Generalmajor Carsten Breuer, dem Chef des Corona-Krisenstabs. Damit könnte das Militär noch mehr Bedeutung im Katastrophenschutz gewinnen und somit auch mehr Macht über die Kontrolle der Pandemie-Bekämpfung.

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Lockdown ja oder nein?

Der Corona-“Expertenrat“ wird bei der Notwendigkeit, Maßnahmen zu erlassen, zwar deutlich, konkretisiert sie aber nicht. Laut der mathematischen Modelle könne eine Überlastung des Gesundheitssystems und die Einschränkung der kritischen Infrastruktur nur „zusammen mit starken Kontaktreduktionen eingedämmt werden.“ Das Wort Lockdown fällt nicht, doch der Verweis auf auf andere Länder wie die Niederlande zeigt, dass tatsächlich Lockdown-ähnliche Maßnahmen gemeint sind. So wurde am Samstag in den Niederlanden ein landesweiter Lockdown verhängt.

Dabei wurde erst kurz vorher genau das von Gesundheitsminister Lauterbach ausgeschlossen: „Nein, einen Lockdown wie in den Niederlanden vor Weihnachten – den werden wir hier nicht haben“, sagte der SPD-Politiker im Bericht aus Berlin. Was nach Weihnachten kommt, bleibt jedoch unklar.

Auch die FDP zeigte sich offen für Kontaktbeschränkungen: „Natürlich sind wir bereit, wenn man diese Instrumente braucht, sie auch anzuwenden, wenn das dazu beiträgt, beispielsweise Schulschließungen und flächendeckende Lockdowns zu verhindern“, sagte der Justizminister Marco Buschmann. Dabei sind Kontaktbeschränkungen genau der Kern eines Lockdowns, auch wenn dieser vielleicht nicht landesweit stattfindet.

Derweil wurden bereits Forderungen nach einer erneuten Bund-Länder-Konferenz noch vor Weihnachten unter anderem von den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und NRW laut. Schon am Dienstag könnte also eine nächste MPK-Konferenz stattfinden.


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