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Dienstag, April 23, 2024
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    Gesichtserkennung bald schon auch zur Überwachung von Mitarbeiter:innen?

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    Das New Yorker Unternehmen „Clearview Al“ ist auf Gesichtserkennungssoftware spezialisiert. Bisher arbeitet es vor allem mit der Polizei zusammen, jetzt will es seinen Einsatzbereich erweitern und setzt darauf, dass auch Firmen sich für die Überwachungswerkzeuge interessieren.

    Der umstrittene amerikanische Konzern „Clearview Al“ entwickelt Gesichtserkennungsoftware, die momentan nur zu Strafverfolgungszwecken eingesetzt wird. Nun zeigt ein 55-seitiges Investoren-Prospekt, das die Washington Post zitierte, dass der Konzern plant, sein Zielgruppe zu erweitern. So möchte Clearview nun vor allem auch andere Unternehmenschefs ansprechen.

    Die Software soll das Überwachen von Angestellten der sogenannten „Gig Economy“ ermöglichen. Darunter fallen vor allem Beschäftigte, die immer kurzzeitig mit kleineren Aufträgen für Unternehmen tätig sind. In der Regel sind sie sowieso schon schlechter gestellt als reguläre Angestellte. Um deren umfassende Überwachung umsetzen zu können, hat Clearview eine gigantische Biometrie-Datenbank aufgebaut.

    In sie werden Bilder aus öffentlich zugänglichen Social-Media-Profilen, Firmenwebsites und anderen Internetseiten kopiert – ohne die Betroffenen zu informieren und trotz der Beschwerden mehrerer Betreiber:innen. Ermittlungsbehörden können außerdem, sobald sie Zugang zur Datenbank haben, eigene Fotos von Verdächtigen hochladen und bekommen dann angezeigt, ob es biometrische Übereinstimmungen gibt.

    Dabei nennt die Software dann auch immer den jeweiligen „Fundort“, also zum Beispiel ein Facebook-Profil. Darüber hinaus soll die Anzahl der Gesichtsfotos in der Datenbank innerhalb eines Jahres von derzeit 10 Milliarden auf 100 Milliarden ansteigen.

    Ist man einmal Teil der Clearview-Datenbank, dann ist das Entkommen schwierig. Der Journalist Patrick Beuth startete dazu einen Selbstversuch, in dem er versuchte, seinen Daten von der Firma löschen zu lassen. Diese bestätigte selbst auf den ausdrücklichen Wunsch des Journalisten keine vollständige Löschung aller Daten.

    Nicht nur Beuth hat Bedenken gegenüber Clearview. In mindestens fünf US-Bundesstaaten wurde der Konzern bereits verklagt, in Kanada, Schweden und Großbritannien laufen Untersuchungen. Darüber hinaus beschäftigen sich verschiedene Bürgerrechtler:innen aus mehreren europäischen Staaten mit dem Geschäftsmodell von Clearview.

    Im Dezember letzten Jahres hieß es in einer Clearview-Präsentation, der Konzern wolle sicher stellen, dass »fast jeder Mensch identifizierbar sein wird«. Darüber hinaus wolle man neue Produkte entwickeln, den internationalen Vertrieb stärken und mehr Geld für Lobbyarbeit ausgeben, um die Verabschiedung vorteilhafter Gesetze voranzutreiben.

    Die Firma plant, dass dafür ein zusätzliches Kapital von etwa 50 Millionen Dollar benötigt wird. Zuletzt hatte Clearview im Juli etwa 30 Millionen Dollar gesammelt. Im Prospekt heißt es außerdem, die Tatsache, dass sich Unternehmen wie Microsoft, IBM und Google aus dem Markt zurückgezogen oder ihn gar nicht erst bedient hätten, eine Chance für die Firma darstelle. Wie realistisch und seriös die Angaben des Prospekts insgesamt sind, ist laut der Washington Post unklar.

    In Zukunft solle es keine Clearview-App für Privatpersonen geben, teilte die Firma mit. Man habe sich „noch nicht entschieden“, ob man seine Dienste an kommerzielle Interessenten verkaufen werde. In der Präsentation werden allerdings Banken, Einzelhandel und E-Commerce als potentielle Märkte genannt.

    Noch 2020 behauptete Clearview, dass das Unternehmen nicht plant, mit dem privaten Sektor zusammen zu arbeiten. Damals hatte „Buzz Feed News“ herausgefunden, dass Clearview bestimmten Unternehmen kostenlose Testaccounts angeboten hatte. Gründer Hon Ton-That äußerte sich in der Washington Post dazu: »Unsere Prinzipien spiegeln die aktuelle Nutzung unserer Technologie wider. Wenn die Nutzung sich ändert, werden unsere Prinzipien angepasst, wie es nötig ist.«

     

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