Der Stromanbieter-Skandal rund um “Stromio / Grünwelt” ist einer der größten seit der Pleite von  TelDaFax vor ungefähr 10 Jahren. Nachdem Kund:innen über Nacht der Strom abgeschaltet wurde, möchten sich nun 4.400 von ihnen an einer Sammelklage beteiligen.

Kurz vor Weihnachten erlebten viele Kund:innen von Stromio und Grünwelt eine unangenehme Überraschung. Quasi über Nacht klemmten die Anbieter ihnen den Strom ab. Einige Wochen zuvor passierte den Kund:innen der Firma “gas.de” etwas Ähnliches, auch ihnen wurde von heute auf morgen kein Gas mehr geliefert. Alle drei Firmen haben eine Gemeinsamkeit, sie gehören zu einem Firmengeflecht rund um den Unternehmer Ömer Varol.

Als wäre das nicht erstaunlich genug, lässt sich darüber hinaus fest stellen, dass sich bis heute keine der Firmen in einem Insolvenzverfahren befindet. Nach Angaben der Unternehmen werden gerade Endabrechnungen an die Kund:innen erstellt.

Der WDR hat nun einige der Firmenstandorte in Kaarst besucht, bzw. man könnte wohl eher sagen, er hat versucht, sie zu besuchen. Als die Reporter:innen ankamen, öffnete ihnen niemand. Die Büroräume seien bis auf drei Feuerlöscher komplett leer geräumt gewesen.

Ob die Büroräumlichkeiten tatsächlich kurzfristig geräumt worden sind, bereits länger leer stehen oder sogar an andere Firmen vermietet wurden, lässt sich den Journalist:innen zufolge nicht zu 100 Prozent sagen. Ob die Endabrechnungen, die nach Eigenaussage des Konzerns momentan angefertigt werden, nun von den Angestellten des Konzerns aus dem Homeoffice heraus erledigt werden, ist ebenfalls unklar.

Hinter dem Firmengeflecht von Varol steckt letzten Endes die Firma “Callax Holding”. Callax Holding ist im Gegensatz zu den anderen Firmen weiterhin tätig und eine relativ große Nummer auf dem Telekommunikationsmarkt. Die Fäden der Unternehmen scheinen in die Niederlande zu laufen. Dem WDR-Bericht zufolge ist es nicht das erste Mal, dass Varol auf dem Strommarkt scheitert. Er scheint es bereits in Großbritannien versucht zu haben. “Brilliant Energy” ist dort 2019 vom Markt gegangen.

Das Berliner Legal-Tech-Unternehmen “Veneko” verfolgt das Vorhaben, eine Sammelklage einzureichen, um von den Energiediscountern Stromio, Gas.de und Grünwelt-Energie Schadensersatz zu fordern. Dazu äußerte sich der Veneko-Geschäftsführer Tobias Hirt in einem Interview mit dem Handelsblatt. Das wird dann die erste öffentlich bekannte Sammelklage gegen den Kaarster Strom- und Gas-Anbieter. Die Sammelklage organisiert Veneko gemeinsam mit Matthias Moeschler. Dieser schreibt, dass sich über seinen Blog “Verbraucherhilfe Stromanbieter” rund 4.400 Ex-Kund:innen der Unternehmen gemeldet haben, die an einer Schadensersatzklage interessiert sind.

Veneko selbst macht mit der Schadensersatzklage Gewinn. Zwar fallen vorab für die Kläger:innen keine Kosten an, allerdings behält das Legal-Tech-Unternehmen rund ein Drittel der Gewinne ein, wenn die Forderungen durchgesetzt werden. Der aus der Einstellung resultierende Schaden könnte sich laut Schätzungen des Handelsblatts auf einen dreistelligen Millionenbetrag belaufen.

Die Anbieter selbst begründen die Kündigungen mit den „Preisexplosionen an den europäischen Energiehandelsplätzen“. Wie sie nun auf die Schadensersatzforderungen reagieren werden, ist unklar.


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