Konrad Adenauer, erster Bundeskanzler der BRD, nutzte den Auslandsgeheimdienst zur Spionage innerhalb der SPD-Führung. Das ergab die Auswertung von Akten der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung.

Zehn Jahre lang habe Konrad Adenauer, erster Bundeskanzler und Mitbegründer der CDU, mithilfe des Bundesnachrichtendienstes (BND) die Konkurrent:innen der SPD-Führung bespitzeln lassen. Laut Historiker Klaus-Dietmar Henke, Sprecher der „Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des BND“, ergaben dies Dokumente der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Nach seinen Recherchen nutzte Adenauer zwei Informanten des BND – einer von ihnen soll direkter Teil der SPD-Spitze gewesen sein. Er ermöglichte es, dass der Kanzler häufig noch am gleichen Tag Berichte aus dem SPD-Vorstand auf dem Schreibtisch hatte. Fast 500 solcher vertraulichen Berichte sollen in das CDU-Kanzleramt gelangt seien.

Adenauer regierte die BRD in den Jahren 1949 bis 1963. Während seiner Amtszeit wurde aus dem 1946 gegründeten Nachrichtendienst „Organisation Gehlen“ – benannt nach ihrem langjährigen Leiter Reinhard Gehlen (seinerseits ehemaliger Chef des Militärgeheimdienst „Fremde Heere Ost“ des Hitler-Faschismus – am 1. April 1956 der Bundesnachrichtendienst BND.

Die Bespitzelung der SPD-Führung fand Henke zufolge ab der zweiten Legislaturperiode Adenauers 1953 bis zum Sommer 1962 statt und war eine der bedeutendsten Operationen unter Gehlen, der nach seiner Gründung auch erster Präsident des BND war. Als Begründung für die Spionage führt der Historiker die Sicht der CDU-Spitze auf die SPD an:

“Die SPD war der Feind; manchmal sprach der Kanzler gar von einem ‘Todfeind’. Die Vorstellung, dass sie an die Macht kommen könnte, war für Adenauer ein Albtraum, der ‘Untergang Deutschlands’, wie er wiederholt gesagt hat.”

Die Konrad-Adenauer-Stiftung selbst und auch eine Sprecherin der CDU wollten der Nachrichtenagentur dpa zufolge die Veröffentlichungen bisher nicht kommentieren.

In Verbindung mit der russischen Invasion in der Ukraine wird in der letzten Zeit häufig das Bild der „westlichen Werte“ heraufbeschworen, denen sich Europa und insbesondere Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschrieben hätten, und die nun mit schweren Waffen verteidigt werden müssten.

Auf welchen Werten die heutige BRD aufgebaut wurde, bestätigen diese Erkenntnisse ein weiteres Mal: Wenn selbst eine SPD, die auch damals schon lange keine Bedrohung mehr für den Kapitalismus und seine Herrschenden darstellte, als solch ein Feind angesehen wurde, der vom eigentlichen Auslandsgeheimdienst im Inland ausspioniert werden musste, wird klar, wie „frei“ und „demokratisch“ die bürgerliche Herrschaft in Deutschland tatsächlich war und heute noch ist.


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