Der 1. Mai ist seit hundert Jahren Kampftag der Arbeiter:innenklasse. Während manche Gewerkschaften ihn als Tradition begreifen und scheinbar der Form halber Maifeste organisieren, zeigt ein kurzer Blick in die Berichterstattung der vergangenen Wochen: Der 1. Mai als Tag unserer Klasse ist eine Tradition, die kein bisschen an Aktualität eingebüßt hat. – Ein Kommentar von Olga Wolf.

Schon im Dezember vergangenen Jahres prangerten Bündnisse wie der “Nicht auf unserem Rücken”-Zusammenschluss eine Inflation in Rekordhöhe an. Seitdem stiegen die Preise immer weiter, zuletzt befeuert durch den Krieg in Europa. Die Preissteigerungen – zuletzt um rund sieben Prozent – bedeuten für die Arbeiter:innen eine Reallohnsenkung. Sie arbeiten genauso fleißig, ausgebildet und viel wie vorher, können sich aber weniger leisten.

Es finden Lohnkämpfe statt – etwa unter den Flugbegleiter:innen oder in den Gesundheitsberufen. Die etablierten Gewerkschaften beweisen dabei ein ums andere Mal: Wenn von den Beschäftigten selbst kein Druck kommt, geben sie sich nicht nur mit Nullrunden zufrieden, sondern verkaufen sie als gutes Ergebnis.

Gegen Krieg und Krise

Die Kämpfe, die aktuell in Deutschland, aber auch international geführt werden, beschränken sich bei weitem nicht nur auf den Arbeitskampf. Gerade in Deutschland sind die Forderungen in anderen Bereichen der Gesellschaft noch viel lauter.

So sind die verschärften Teuerungen nicht der einzige Grund, aus dem Menschen Protest gegen den russischen Angriffskrieg organisieren. Denn in jedem Krieg stehen schon zu Beginn zwei Verlierer:innen und Gewinner:innen fest: Die Rüstungsindustrien weltweit und die Bevölkerung, die die Folgen jeden Krieges ertragen muss.

Repression und rechter Terror

Fast alle Bundesländer haben in den vergangenen Jahren neue Polizeigesetze erlassen, in Nordrhein-Westfalen eröffnet nun ein neues Versammlungsgesetz der Kriminalisierung von Protesten weitere Türen. Gleichzeitig werden immer neue “Skandale” in den Behörden öffentlich, die diese Gesetze durchsetzen sollen.

Die Landkarte der ‘Einzelfälle’ rechten Terrors, faschistischer Chats in Behörden und Todesopfer durch Polizeigewalt wird zunehmend dichter. Der Protest gegen diese Formen der Gewalt lässt sich davon nicht abhalten.

Tausende in Düsseldorf gegen das Versammlungsgesetz NRW – heftige Repressionen

So richten sich viele repressive Maßnahmen gegen den Klimaprotest, der sich nicht mit der Hoffnung zufrieden gibt, dass Unternehmen, die den Planeten bislang ausgebeutet haben, eine überraschende Kehrtwende machen. Bewegungen wie z.B. “Ende Gelände”, die mit ihren Aktionen des zivilen Ungehorsams ihren Forderungen Nachdruck verleihen, sind unmittelbar von den Verschärfungen des Versammlungsgesetzes betroffen.

Dabei sind die Folgen des Klimawandels schon jetzt nicht von der Hand zu weisen: Allein in Europa haben in den letzten Jahrzehnten Zehntausende ihr Leben durch Folgen des Klimawandels verloren.

Die Verursacher der Klimakrise müssen zur Kasse gezwungen werden!

Unzählige Fronten?

Diese Liste an Baustellen und guten Gründen, am 1. Mai auf die Straße zu gehen, könnte beliebig fortgesetzt werden. Doch Klassenkampf – auch am 1. Mai – bedeutet viel mehr und etwas anderes, als all diese unterschiedlichen Miseren nebeneinander wahrzunehmen und nacheinander anzugehen.

Wie schon Perspektive-Autor Julius Strupp am 1. Mai des vergangenen Jahres schrieb: “Die Verhältnisse schreien nach Veränderung!”. All diese Kämpfe, die bereits jetzt geführt werden – gegen die Teuerungen, für eine lebenswerte Umwelt, gegen das Patriarchat, für bezahlbaren Wohnraum – berühren unmittelbar die Lebensumstände unserer Klasse.

Der 1. Mai ist ein Tag, an dem wir diese Kämpfe verbinden und klar machen: Wir können nicht nur diese Angriffe auf unsere Lebensstandards abwehren, sondern auch ihre Ursache bekämpfen und überwinden! Wir haben hunderte aktuelle Gründe, heute auf die Straße zu gehen, und einer ist seit hundert Jahren aktuell: Die Überwindung des Kapitalismus, der Ausbeutung und des Kriegs.

Revolutionärer 1. Mai 2022: hier finden Demos statt


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