Im Tarifstreit der nordwestdeutschen Eisen- und Stahlindustrie hat die IG Metall neue Warnstreiks in elf Städten angekündigt. Am Dienstag startet die vierte Verhandlungsrunde mit den Kapitalverbänden. Die IG Metall hat die Forderung von 8,2 Prozent mehr Lohn über 12 Monate aufgestellt. Diese würde – wenn überhaupt – nur die Rekordinflation von fast 8 Prozent ausgleichen.

In der Metall- und Elektroindustrie ist die Gewerkschaft deutlich bescheidener. Die Kapitalseite will sogar nur 4,7 Prozent über 21 Monate zahlen.

Angesichts der momentanen Preissteigerungen könnten einige der aktuellen Tarifkämpfe als Konflikte der Groteske in die Geschichte eingehen. Die offizielle Teuerungsrate wurde im Mai auf 7,9 Prozent geschätzt und dürfte in der Realität vieler Arbeiter:innen noch deutlich höher liegen. Währenddessen hat die IG Metall in der Metall- und Elektroindustrie mit 6,2 Prozent mehr Lohn über zwei Jahre eine Forderung aufgestellt, die nicht einmal mehr den Anschein erweckt, als sollte den sich verschlechternden Lebensbedingungen der Arbeiter:innen Einhalt geboten werden.

Gewerkschaftschef Hofmann bemühte sich denn auch kaum darum, die Forderung als kämpferische Zielsetzung zu verkaufen. Die IG Metall orientiere sich vielmehr an der Zielinflation der Europäischen Zentralbank von 2 Prozent und addiere die Steigerung der Produktivität von 1,1 Prozent über zwei Jahre. Hofmann räumte dann selbst ein, dass eigentlich zweistellige Lohnerhöhungen gefordert werden müssten, wenn man die reale Inflation als Maßstab nehmen würde.

Etwas andere Maßstäbe scheinen für die Gewerkschaft bei den Stahlarbeiter:innen zu gelten. Hier fordert die IG Metall eine Lohnerhöhung von 8,2 Prozent – und das über eine Laufzeit von 12 Monaten. Damit ist die Lohnforderung mehr als zweieinhalbmal so hoch wie in der Metall- und Elektroindustrie. Und trotzdem gleicht sie allenfalls die aktuelle Teuerung aus, die im Laufe des Jahres ohnehin noch weiter ansteigen dürfte.

Warnstreiks der Hafenarbeiter:innen in Deutschland

Der Kapitalseite wiederum sind selbst diese bescheidenen Forderungen zu viel. In der Stahlindustrie bieten sie lediglich 4,7 Prozent, und das bei einer Laufzeit von 21 Monaten. Vor der vierten Verhandlungsrunde am Dienstag hat die Gewerkschaft daher zu Warnstreiks in elf Städten aufgerufen, darunter Bremen, Georgsmarienhütte, Salzgitter und Duisburg. Beim letzten Warnstreik am 1. Juni haben sich im Tarifgebiet nach Gewerkschaftsangaben etwa 16.000 Beschäftigte in 50 Betrieben an dem Streik beteiligt.

In der Stahlindustrie liegt der gewerkschaftliche Organisierungsgrad traditionell besonders hoch. Zudem hat die Branche für das deutsche Kapital eine strategische Bedeutung. Die Knappheit des Materials infolge von Lieferengpässen hat sich seit dem Frühjahr durch den Ukraine-Krieg verschärft.


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