Der Kreditversicherer “Allianz Trade” rechnet mit einem Anstieg der globalen Insolvenzen um 10% bis Ende dieses Jahres. Für das Jahr 2023 wird sogar ein Anstieg auf 19% weltweit prognostiziert. Damit gehen Entlassungen und Arbeitslosigkeit einher. Wir Arbeiter:innen profitieren jedenfalls nicht. – Ein Kommentar von Yousef Al-Balah.

Auf der ganzen Welt spitzen sich die Krisen derzeit zu. Doch die großen Unternehmen – oft Monopole auf ihrem Gebiet – profitieren derweil oft sogar in der Krise. Wenn wie in Österreich derzeit der stärkste Pleitenanstieg in Europa seit Jahrzehnten vor sich geht und die Zahl der Firmeninsolvenzen um 96% gegenüber der Vorjahresperiode steigt, dann bedeutet das vor allem den Bankrott kleinerer Unternehmen und den Verlust der Arbeitsstelle für Arbeiter:innen. Im Falle Österreichs sind derzeit rund 5.000 Unternehmen von der Pleite betroffen.

Der deutsche Sonderfall

Während sich diese kapitalistische Krise auch in größeren Staaten wie Frankreich (46% mehr Insolvenzen) und Großbritannien (51% mehr Insolvenzen) verschärft, gestaltet sich das Geschehen in Deutschland mit Prognosen von 5% (2022) bzw. 17% (2023) „relativ milde“, so die Analyse einer Tochterfirma der “Allianz Bank”.

Hierzulande ist dennoch die Bereitschaft der Unternehmen, neues Personal einzustellen, angesichts der drohenden Rezession so schlecht wie seit anderthalb Jahren nicht mehr. Das zeigt, dass diese vom Kapitalismus verschuldete Krise am Ende uns Arbeiter:innen am stärksten trifft. Wir werden als bloße Zahlen im kapitalistischen System von den Wirtschafsbossen und Entscheider:innen herum geschoben. Hieß es zunächst noch, es gäbe einen Fachkräftemangel und wir sollten alle schnellstens bestimmte Ausbildungen etc. machen, sollen wir uns nun mit Arbeitslosigkeit abfinden.

In Deutschland konnten viele größere Unternehmen (von den großen deutschen Monopolen im Autobau und dem Bank- bzw. Versicherungswesen ganz zu schweigen) die Krise dieses Jahr noch durch angehäufte Rücklagen abfedern. Im Jahr 2023 wird es dann wahrscheinlich auch für viele mittlere Unternehmen enger.

Diese besondere Anhäufung von Kapital in Deutschland resultiert hierzulande aus einer ausbeuterischen Unterbezahlung der deutschen sowie besonders der immigrierten oder pendelnden ausländischen (oft osteuropäischen) Arbeiter:innen. Deutsche Unternehmen haben somit in den letzten Jahren viel billig produzieren und in großen Mengen ins Ausland exportieren können, sozusagen auf dem Rücken der Arbeiter:innen. Hinzu kommt, dass viele deutsche Monopole ihre Profite, die sie mit noch billigeren Arbeitskräften im Ausland machen, letztendlich ihren Besitzer:innen in Deutschland zugute kommen lassen.

Der Staat hilft dem Monopol

Zudem hat der deutsche Staat einigen von ihnen immer wieder stark unter die Arme gegriffen. Diese staatlichen Subventionen werden vor allem von unseren Steuergeldern bezahlt, sodass unsere Klasse damit doppelt ausgebeutet wird. “Die Aussicht auf weitere Staatshilfen hat in der aktuellen Situation sicher dazu beigetragen, dass mancher [Insolvenz-] Antrag nicht gestellt wurde”, sagte Christoph Niering dazu, Vorsitzender des Berufsverbands der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID). 

Die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen haben in Deutschland ca. 2.600 Unternehmen vor der Pleite bewahrt. “Sollte sich die Energiekrise noch weiter verschärfen und die Rezession stärker ausfallen als bisher erwartet, reichen die aktuellen Maßnahmen zum Abfedern einer Pleitewelle allerdings nicht aus und es könnten deutlich mehr Insolvenzen drohen”, warnt der VID. Das Insolvenzgeschehen bleibt also nach wie vor „volatil“ (dt. schwankend, unstetig) und „stark von der weiteren Entwicklung staatlicher Unterstützung abhängig.” Dies zeigt, dass auch die Taschen des deutschen Staates nicht unendlich gefüllt sind. Uns stehen also noch härtere Zeiten bevor.

Überall profitieren die Monopole

Überdurchschnittlich betroffen von Insolvenzen sind weltweit vor allem kleine und mittlere Unternehmen (die sogenannten KMUs). “Große globale Pleiten, wie wir sie trotz niedriger Fallzahlen 2021 und insbesondere 2020 gesehen haben, sind aktuell nicht die Treiber hinter dem weltweiten Anstieg”, so Allianz Trade.

Wenn KMUs Pleite gehen, wird existierende Produktionskapazität günstig frei, die sich größere Unternehmen dann einverleiben können. Diese Konzentration von günstigem Kapital in den Händen der Monopole ist eine Art goldene Regel des Kapitalismus. Dafür muss regelmäßig Kapital freigelegt werden. Das passiert in Form von Krisen. Ähnliches sehen wir auch bei dem deutschen „Marshall-Plan“ für die Ukraine, mit dem laut Olaf Scholz bald deutsche Weltmonopole den offengelegten ukrainischen Markt erobern sollen.

Scholz: Deutsche Unternehmen sollen am Wiederaufbau der Ukraine verdienen

Wirtschaftskrisen: Eine kapitalistische Regelmäßigkeit

Der derzeitige Anstieg von Insolvenzen ist also eine Regelmäßigkeit im Kapitalismus, ebenso wie das Zustandekommen von imperialistischen Kriegen um die Vormachtstellung in Märkten und Ressourcenquellen.

Die Arbeiter:innenklasse darf sich nicht mit Erklärungen verblenden und paralysieren lassen, dass der Krieg in der Ukraine eine “Zufälligkeit” gewesen und die verschiedenen Krisen dadurch erst zustande gekommen seien. Auch wenn uns nun das Ende billiger Erdgaslieferungen aus Russland als Hauptfaktor für die aktuelle wirtschaftliche Misere in Deutschland verkauft wird – sie hat systemische Ursachen.

Tatsächlich befinden wir uns also schon seit längerer Zeit in einer Krisensituation, in der Pandemien und Kriege nur besondere Merkmale darstellen. Wir müssen deshalb unser objektives Interesse an einem selbstverwalteten Wirtschaftssystem erkennen und dürfen uns für die fremden Interessen der Kapitalist:innen nicht benutzen lassen.


Wir schreiben für Perspektive – ehrenamtlich und aus Überzeugung. Wir schalten keine Werbung und nehmen kein Geld von Staat oder Konzernen an. Hilf' uns dabei, unseren unabhängigen Journalismus zu erweitern: mit einer einmaligen Spende, einem regelmäßigen Beitrag bei Paypal, Steady oder am besten als Mitglied in unserem Förderverein.