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Dienstag, April 16, 2024
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    Polizeigewalt in den USA: „Diversität“ in der Polizei ist keine Lösung

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    Bei einer Verkehrskontrolle prügeln fünf Polizisten auf Tyre Nichols ein. Am 10. Januar, drei Tage nach dem Angriff, stirbt Nichols im Krankenhaus. Was uns dieser Fall von tödlicher Polizeigewalt offenbart – Ein Kommentar von Fridolin Tschernig.

    In den USA wirft die Staatsanwaltschaft fünf schwarzen Polizisten „second-degree murder“ vor und hat Anklage erhoben. Der Strafttatbestand ist vergleichbar mit dem „Totschlag“ im deutschen Strafrecht. Die fünf Polizisten wurden am 20.1, wegen „unverhältnismäßiger Gewaltanwendung“ und „nicht gestellter Hilfeleistung“, nachdem sie knapp zwei Wochen zuvor bei einer Verkehrskontrolle auf den ebenfalls afroamerikanischen Tyre Nichols eingeprügelt hatten.

    Was war bei der Verkehrskontrolle passiert?

    Am 7.1. um 20 Uhr am Abend hielten die Polizisten Tyre Nichols wegen „rücksichtslosem Fahrverhalten“ („reckless driving“) an. Beim Herantreten an das Auto soll es laut Aussage der Polizisten eine „Auseinandersetzung“ gegeben haben, in deren Folge Nichols wegrannte.

    Nach einer kurzen Verfolgung nahmen die Polizisten Nichols fest und verprügelten ihn im Zuge dessen auf brutale Art und Weise. Kurz darauf riefen sie für den bewusstlosen Tyre Nichols einen Krankenwagen.

    Ein paar Tage später verbreiteten die Angehörigen Nichols’ ein Foto in den sozialen Medien, welches ihn bewusstlos im Krankenhausbett mit angeschwollenem Gesicht und Beatmungsgerät zeigt.

    Am 10. Januar verstarb Tyre Nichols als weiteres Opfer rassistischer Polizeigewalt im Krankenhaus in Memphis. Die Autopsie zeigte klar: Er verstarb in Folge schwerer körperlicher Misshandlung.

    Weiterhin existiert noch ein Bodycam-Video der gesamten Verkehrskontrolle und des Angriffs durch die Polizisten. Die Familie und ihre Anwälte, welche dieses Video bereits sehen konnten, beschreiben den Angriff als „unverfälschte und unverfrorene“ Gewalt, Nichols sei „eine menschliche Piñata“ für die Polizisten gewesen.

    Unterdrückerisch und gewalttätig unabhängig von der eigenen Hautfarbe

    Der Fall Nichols zeigt deutlich, dass Afroamerikaner:innen in den USA weiterhin unterdrückt und brutal niedergehalten werden. Willkürlich werden sie mal hier, mal dort von der Polizei durch racial profiling angehalten und kontrolliert. Und bei manchen dieser „zufälligen“ Stops, sterben die Angehaltenen am Ende, so ist es schon Dutzende Male geschehen.

    Darüber hinaus zeig sich hier, dass es letztendlich egal ist, welche Hautfarbe ein Polizist oder eine Polizistin hat. Die fünf Polizisten, die Nichols ermordeten, hätten auch Mexikaner oder Weiße sein können. Wer genau in der Uniform steckt, ist tatsächlich nebensächlich. Alle Polizist:innen gehen ihrer Aufgabe nach und der Rassismus wohnt nicht nur Individuen, sondern der Institution Polizei inne.

    Das zeigt uns auch, dass liberale Forderungen nach einem höheren Anteil von schwarzen und/oder migrantischen Polizist:innen in Antwort auf rassistische Polizeigewalt ins Leere laufen. Gerade in Deutschland wird diese Forderung jedoch immer wieder erhoben. Auch die Polizei selbst versucht den grassierenden Rassismus mit der Anwerbung von Migrant:innen zu kaschieren.

    Umso wichtiger ist es, dass wir gerade angesichts der unverkennbar rassistischen Polizeimorde auch in Deutschland – wie zum Beispiel an Oury Jalloh, an Mouhamed Lamine oder Achidi John, immer wieder die Funktion der Polizei als Schutzmacht des Kapitals gegenüber den Ausgebeuteten betonen.

    Die tödliche Gewalt gegen Migrant:innen und Schwarze ist nur die Spitze eines Systems von Unterdrückung, Niederhaltung und Einschüchterung. Und in diesem System ist es sowohl in den USA als auch in Deutschland nachrangig, welche Hautfarbe oder welchen Migrationshintergrund Polizist:innen haben.

     

    • Seit 2022 Autor bei Perspektive. Schreibt als Studierender aus Sachsen insbesondere internationalistisch über die Jugend, Antimilitarismus und das tagespolitische Geschehen. Vorliebe für Gesellschaftsspiele aller Art.

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