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Donnerstag, Mai 30, 2024
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    Interview: „Die Jugendhilfe befindet sich am Kollaps“

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    Kolleg:innen der Berliner Jugendhilfe haben eine Kundgebung organisiert, um gegen die systematische Überlastung zu demonstrieren. Von bis zu 60 Fällen pro Kolleg:in berichten die Beschäftigten aus dem Jugendamt. Wir haben mit zwei Kolleginnen einer Jugendwohngruppe über ihre Arbeitsbedingungen und Forderungen gesprochen.

    Warum seid ihr heute auf der Kundgebung “Jugendhilfe befindet sich im Kollaps”?

    Doreen Abt: Ich habe schon länger das Gefühl, dass sich etwas ändern muss in der Jugendhilfe. Von der Veranstaltung haben wir ganz kurzfristig erfahren und spontan entschieden hin zu gehen.

    Christine Dresner: Die Situation der Jugendhilfe-Landschaft in Berlin ist überhaupt nicht mehr tragbar, und es verschlimmert sich stetig; die Überlastung der Jugendämter, die Sparpolitik sorgt dafür, dass betroffene Jugendliche und ihre Familie keine Hilfe bekommen und gleichzeitig sind dadurch die Arbeitsbedingungen für uns katastrophal

    Wir müssen nicht hoffen, dass die Politik alleine etwas daran ändern wird, dafür müssen wir Beschäftigte selbst kämpfen, auf die Straße dafür zu gehen, ist unbedingt notwendig.

    Mit welcher Motivation seid ihr Sozialarbeiterinnnen geworden?

    Doreen Abt: Ich wollte mit Menschen arbeiten. Das hat mich einfach am meisten interessiert.

    Christine Dresner: Mit Menschen, insbesondere mit jungen Frauen zu arbeiten, die vor so vielen Herausforderungen in dieser Lebensphase stehen, bei denen ich sie gerne unterstützen möchte

    Wie ist die Situation bei euch auf Arbeit? Merkt ihr Verschlechterungen über die letzten Jahre?

    Christine Dresner: Ich habe im Lockdown dort angefangen zu arbeiten, also war die Situation von Anfang an problematisch; Jugendämtern haben teilweise gar nicht gearbeitet, und den Bewohnerinnen ging es aufgrund der Situation psychisch so schlecht, dass wir ständig im Krisenmodus arbeiten mussten.

    Man merkt, dass in den Jugendämter ein noch stärkeres Spardiktat stattfindet; die Inflation und nicht steigendes Budget tun den Rest. Überstunden habe ich noch und nöcher. Die letzte Tarifrunde in Berlin war ein einziger Reinfall.

    Doreen Abt: Ich arbeite seit 3,5 Jahren in der Wohngruppe und bin die Dienstälteste. Wir hatten lange Zeit kein stabiles Team und haben über Jahre personell unterbesetzt gearbeitet. Seit wenigen Monaten haben wir das Glück, alle Stellen besetzt zu haben und uns wieder ausreichend auf die Klientinnen konzentrieren zu können und nicht mehr im “Notfallmodus” zu arbeiten.

    Wir bemerken beispielsweise in den letzten Jahren, dass Jugendämter kaum mehr Zeit für die Einzelfälle haben, wichtige Hilfeplan-Gespräche absagen müssen oder gar nicht mehr für uns erreichbar sind. Auch bemerken wir, dass bei einzelnen Bezirken der finanzielle Gürtel enger geschnallt wurde und die Jugendämter schneller dazu übergehen, Fachleistungsstuden zu kürzen und Jugendhilfemaßnahmen früher zu beenden. Das führt teilweise dazu, dass aus unserer Sicht die Klientinnen nicht mehr die Hilfe bekommen, die sie eigentlich benötigen und ihnen auch zusteht.

    Wenn wir einen freien Platz ausschreiben, bekommen wir zahlreiche Anfragen der Jugendämter teilweise mit sehr komplexen Problemlagen. Unsere Fälle sind insgesamt anspruchsvoller geworden. Psychische Erkrankungen haben besonders bei weiblichen Jugendlichen zugenommen und die adäquaten Hilfen wie ambulante oder stationären Therapieformen sind überall überlastet. Notwendige Unterstützungformen kommen aufgrund von langen Wartezeiten erst sehr verspätet bei den Klientinnen an. Dies verschärft häufig die Situation und führt dazu, dass wir immer häufiger psychische Krisen in der Wohngruppe abfangen müssen.

    Was berichten Kolleg:innen oder Klient:innen?

    Christine Dresner: Alle Kolleg:innen berichten von einer enormen Arbeitsdichte, von Überlastung und davon, das Ende dieses Wahnsinns nicht im Blick zu haben

    Die Klientinnen merken immer erst später, was los ist, da wir ja viel von ihnen abschirmen; neulich kamen unsere Jugendlichen aber sogar auf uns zu und haben gefragt, ob sie nicht auch protestieren können, damit wir mehr Geld und mehr Zeit für die Arbeit bekommen.

    Doreen Abt: Wir sind eine der wenigen glücklichen Einrichtungen, die aktuell alle Stellen besetzt haben. Überall klagen Kolleg*innen über Personalmagel und Überlastung. Es ist schwer gutes Personal zu finden und dies auch zu halten.
    In Zeiten der Überlastung haben sich unsere Klientinnen teilweise beklagt, dass wir so wenig Zeit für sie haben. Sie haben mitbekommen, dass wir uns bemühen allen gerecht zu werden. Sie versuchten aber auf ihre ganz unterschiedlichen Arten, Zeit für sich raus zu handeln.

    Was braucht es für Veränderungen?

    Doreen Abt: Die sozialen (und auch gesundheitlichen) Berufe müssen aufgewertet und finanziell entsprechend entlohnt und werden.

    Christine Dresner: Arbeit nach Bedarf und das nicht nur als Floskel. Dieser Bedarf wird nicht an irgendeinem Senatstisch, sondern von Kolleg:innen und Klient:innen festgelegt.

    Inflationsausgleich muss drin sein, es kann nicht sein, dass wir auf die Tarifrunde 2024 warten müssen; und da mache ich mir auch keine großen Hoffnungen, die Gewerkschaften haben bereits die letzten Male gezeigt, dass sie auf Seiten des Kapitals stehen.

    Hauptstadtzulagen und Tarifgehälter dürfen nicht nur im öffentlichen Dienst gelten; die Unterbezahlung bei Freien Trägern ist Symptom der Ökonomisierung der Sozialarbeit und dient nur dazu, auf Kosten der Beschäftigten die Ausgaben gering zu halten.

    Wie schätzt ihr die Aktion heute ein?

    Christine Dresner: Es ist wichtig, dass dieser Auftakt gemacht wurde, um zu sagen, dass es reicht. Wir müssen aber viel mehr tun, diese Aktion wird den Senat nicht in die Knie zwingen.

    Doreen Abt: Es ist ein Auftakt in die richtige Richtung. Bislang hat die Thematik noch wenig Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bekommen.

    Was ist euch noch wichtig, zu sagen?

    Christine Dresner: Wir müssen uns auch außerhalb von Gewerkschaften und Betriebsräten organisieren; im Kapitalismus kann es keine faire Lohnarbeit geben; daher müssen wir Tageskämpfe nach besseren Arbeitsbedingungen mit dem Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung verbinden.

    Mir ist der Widerstand im sozialen Bereich besonders wichtig, da dieser aufgrund der größtenteils weiblichen Beschäftigten noch mal prekärer ist.

    “Wir wollen einen Beitrag zur Vernetzung und Organisierung von Betriebskämpfen leisten”

    [Die Namen der Interviewpartnerinnen wurden von der Redaktion geändert.]

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