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Sonntag, April 14, 2024
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    Anschlag in Hanau: Täterschutz statt Opferschutz

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    Der Vater des Hanau-Attentäters bedroht Angehörige der Opfer und Kinder an Grundschulen weiterhin. Die Polizei dreht die Verantwortung um und fordert die Betroffenen gar auf wegzuziehen. Jetzt wurde sogar der Polizeischutz vor dem Haus von Serpil Unvar abgezogen.

    Über drei Jahre nach dem rassistischen Anschlag in Hanau, bei dem der 43-jährige Tobias R. neun migrantische Menschen, seine Mutter und danach sich selbst tötete, haben die Angehörigen der Opfer noch immer keine Ruhe.

    Serpil Unvar, die Mutter des getöteten Ferhat Unvar und Gründerin der nach ihrem Sohn benannten antirassistischen Bildungsinitiative, wurde regelmäßig von dem Vater des Täters belästigt. In einem Interview mit dem Youtube-Kanal STRG_F erzählt sie von den Begegnungen: Der Vater tauchte danach regelmäßig vor ihrem Haus auf und starrte sie durch das Küchenfenster an: „Vier, fünf, sechs Minuten – bis die Polizei gekommen ist. Dann ist er weg“.

    Nach einem gerichtlichen Urteil müsste er mindestens 30 Meter sich von der Mutter entfernt halten, doch er versuche es immer weiter. Die Polizei sei nun in der Nähe ihres Hauses stationiert und würde den Vater des Täters davon abhalten, sich zu nähern. Mehrmals nahm die Polizei ihn in Gewahrsam, als er versuchte sich dem Haus zu nähern.

    Der Vater des Täters hat ähnlich rassistische und verschwörungsideologische Motive wie sein Sohn. Er versucht die Tat seines Sohnes zu rechtfertigen und meint, dass sein Sohn unschuldig sei und eine Geheimorganisation hinter dem Anschlag stecke. Auch die Tatwaffen forderte er in einem Gerichtsverfahren zurück.

    Obwohl der Vater laut den Recherchen von STRG_F eine dominante Rolle im Leben des erwachsenen Sohnes spielte und sogar im Jobcenter als sein gesetzlicher Vertreter auftrat, urteilte die Staatsanwaltschaft, dass er nicht in einer „strafrechtlich relevanten Weise an dem eigentlichen Anschlagsgeschehen mitgewirkt oder von diesem im Vorfeld gewusst haben könnte.“

    Drei Jahre nach Hanau: Was ist seitdem geschehen – und was müssen wir noch in Bewegung bringen?

    Neben der Mutter bedrohte der Vater auch Grundschulkinder im Hanauer Stadtteil Kesselstadt. Eltern berichten, dass die Kinder vom Vater des Attentäters gewarnt worden seien: Bald werde etwas Großes passieren, sie sollten besser aufpassen. Die Schulleitung hatte gegenüber den alarmierten Eltern nur beschwichtigende Worte übrig: Die Polizei habe mit dem Vater gesprochen, es bestehe kein Grund zur Sorge.

    Einige Eltern ergriffen deshalb selbst die Initiative und wandten sich über die sozialen Medien an die Öffentlichkeit. Im Gespräch mit Perspektive Online berichteten Eltern von Schüler:innen der Schule: “Als dieser Mann an der Schule aufgetaucht ist, hatten unsere Kinder sofort wieder große Angst”. Ohnehin sei die Angst in Hanau-Kesselstadt ein ständiger Begleiter: “Wir leben hier ständig mit dem Gedanken, dass wieder etwas passieren könnte.”

    Betroffene werden von Behörden wie Täter behandelt

    Immer wieder werden die Familienmitglieder von staatlichen Stellen rassistisch behandelt. Sie werden sogar mittels „Gefährderansprachen” bedroht, sich gegen den Vater des rechten Täters zu richten, der offensichtlich dessen Taten stützte.

    Gleichzeitig wird die Verantwortung für die Vorfälle von den Behörden umgedreht. Zwei Polizisten sagten z.B. zu Serpil Unvar: „Ich will fragen, warum ziehen sie nicht um, dann haben sie ihre Ruhe“. Die Betroffene erwiderte zu Recht: „Warum soll ich umziehen?“. Eine klassische Täter-Opfer-Umkehr: Die Angehörigen der Opfer sollen – wenn es nach der Polizei ginge – also einfach alle aus dem Stadtteil wegziehen, um die Probleme, die der Vater des Täters verursacht, zu beheben.

    Wieder einmal äußert sich die Mutter auf Twitter zu dem Vorgehen der Polizei: „Seit gestern sind die Polizisten, die mich vor dem Vater des Täters schützten wollten, weg. Mit der Begründung «vielleicht hat er sich ja verändert»“. Die Behörden sehen anscheinend keine Notwendigkeit, die Betroffenen weiterhin vor dem Vater des Attentäters zu schützen. Und das, obwohl er aufgrund seiner zutiefst rechten und rassistischen Gesinnung weiterhin eine große Gefahr für die Menschen vor Ort darstellt.

    Serpil Unvar hat kein Verständnis für das Vorgehen der Polizeibehörde, die nach eigener Aussage erst handeln könne, wenn der Vater des Täters selbst zugeschlagen hat. Sie fragt fassungslos: „Was bedeutet Gefahr? Wenn er nochmal ein, zwei von uns tötet, danach ist er gefährlich?“.

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