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Dienstag, März 5, 2024
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    Deir Yasin: 75 Jahre Massaker, Vertreibung und Vertuschung

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    Heute vor 75 Jahren massakrierten Zionist:innen im Dorf Deir Yasin mehr als hundert arabische Bewohner:innen. Die Gefangenen wurden in Jerusalem vorgeführt, die Überlebenden vertrieben. Der israelische Staat sorgt sich bis heute darum, dass dieses blutige Ereignis in Vergessenheit gerät. – Ein Kommentar von Fridolin Tschernig.

    Am 9. April 1948 griffen die Irgun und Lehi, beides zionistische paramilitärische Organisationen, das Dorf Deir Yasin an. Die englische Kolonie Palästina war damals mitten im Bürgerkrieg von 1947/48, der am 14. Mai 1948 in den ersten israelisch-arabischen Krieg übergehen sollte. Zu dieser Zeit war Jerusalem (al-Quds) ein besonders umkämpftes Gebiet, da hier ein Großteil der jüdischen Einwander:innen wohnte. Jerusalems Versorgungslinien für die jüdischen Teile der Stadt waren ab März 1948 von arabischen Kämpfer:innen besetzt und blockiert.

    Das Dorf Deir Yasin mit ungefähr 600-800 Einwohner:innen lag 5,5 Kilometer von Jerusalem entfernt, also im Speckgürtel der Stadt. Das Dorf war lange Zeit friedlich und schmiedete sogar Friedenspakte mit angrenzenden jüdischen Siedlungen. Anfang April gab es dann Berichte, dass auch aus dem arabischen Dorf Schüsse abgefeuert würden, und Jugendliche unterstützten ein benachbartes Dorf bei einem Gegenangriff gegen die zionistische Besatzung.

    Außerhalb von solchen Berichten und seiner Nähe zu Jerusalem hatte Deir Yasin keinen strategischen Wert. Die zionistischen Milizen, die Irgun und die Lehi, griffen dann am Morgen des 9. April , kriechend und verdeckt, das größtenteils unbewaffnete Dorf an. Die “Haganah”, die später zur IDF (israelische „Verteidigungs“- Kräfte) werden sollte, unterstützte den Angriff.

    Nach anfänglichen Schwierigkeiten, weiter vorzurücken, gelang es den Zionist:innen am Ende des Tages, das gesamte Dorf – oder das was noch davon übrig war – unter ihre Kontrolle zu bringen.

    Massakriert

    Das Vorgehen der zionistischen Milizen war äußerst brutal und hatte nichts mit „einfacher militärischer Praxis“ zu tun. Nachdem sie auf den Straßen und zwischen den Gebäuden von Deir Yasin angelangt waren, begann der Häuserkampf. In alle Gebäude, an denen sie vorbeikamen, warfen sie entweder eine Granate durch die Fenster oder sprengten das Gebäude direkt, berichtet der ehemalige Kommandeur der Irgun, Ben Zion Cohen. Dabei war es egal, wie viele Leute sich noch im Haus selber befanden, oder ob sie sich überhaupt gewehrt hatten. Die Angreifer bewegten sich so von Gebäude zu Gebäude und sie berichteten später selbst, dass es grauenhaft war, ganze Familien in Stücke zu reißen. Zwar wurden auch Gefangene gemacht, aber auch die wurden kurze Zeit später ebenso ermordet.

    Kinder, Jugendliche, alte Menschen oder junge Eltern: es war egal ob sie sich wehrten oder nicht. Es ging nicht darum, dieses Dorf einfach einzunehmen, so Yehoshua Zettler, es wäre sogar ganz egal gewesen, welches arabische Dorf es war. Der Lehi-Kommandant berichtet, dass es den Tätern um die Außenwirkung gegangen sei, damit allen Araber:innen in Palästina klar werden sollte, welcher Terror auf sie warten würde.

    Und so wurden über 100 Bewohner:innen von Deir Yasin ermordet. 10 von ihnen sollen aktiv Widerstand geleistet haben. Die Restlichen wurden durch Granaten in ihren eigenen Häusern in Stücke zerrissen, von einstürzenden Häuserbrocken erschlagen, geköpft, an die Wand gestellt und erschossen oder an einen Baum gefesselt und bei lebendigem Leibe verbrannt.

    Gefangene wurden dann als Trophäen behandelt und „im Siegesrausch“ auf Transporter geladen und nach Jerusalem befördert. Dort wurden sie durch die Stadt gefahren und den Passant:innen auf der Straße vorgeführt, wo sie beworfen, bespuckt und beschimpft wurden. Danach wurden sie umgebracht.

    Einige hundert konnten fliehen, andere sind als Waisen nach Jerusalem gebracht worden. Tote wurden vom Jugend-Batallion der Haganah verscharrt. – Das war kein „normaler Angriff“, das war keine „einfache militärische Operation“, das waren Exekutionen. Deir Yasin – das war ein Massaker.

    Vertrieben

    Das Deir-Yasin-Massaker war kein einfacher Zufall. Der Zionismus musste von Anfang an die zentrale Frage klären, wie man eine jüdische Mehrheit in Palästina kreiert, um den eigenen Anspruch auf das Land zu untermauern. Mit dem “Plan Dalet” wurde auf diese Frage dann im März 1948 die Antwort gefunden: Umsiedlung und Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung mit allen Mitteln bei gleichzeitiger Ansiedlung von zionistischen Siedler:innen. Die militärische Führung der Zionist:innen vertrieb so die Einwohner:innen von über 200 Dörfern, noch bevor der Staat Israel am 14. Mai 1948 gegründet wurde.

    In der Folge dieses Plans und dem zionistischen Terror gegen die palästinensische Bevölkerung kam es zu dem, was wir heute als die „Nakba“ (dt. die Katastrophe) bezeichnen, in deren Rahmen über 750.000 Palästinenser:innen mit allen Mitteln aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

    Deir Yasin war eines dieser Dörfer, die in das Visier der zionistischen Besatzung geraten waren. Heute ist von Deir Yasin nicht mehr übrig als alte Ruinen auf dem Gelände einer Einrichtung für psychisch Kranke, “Kfar Shaul”.

    Vertuscht

    Die Erinnerungen einiger der Täter hat die Filmemacherin Neta Shoshani in ihrer Dokumentation „Born in Deir Yasin“ aus dem Jahr 2017 festgehalten. Bei der Produktion des Films war sie auf große Probleme gestoßen, überhaupt noch physische Beweise für das, was in dem Dorf bei Jerusalem wirklich passiert ist, zu finden. Der israelische Staat hütet nämlich alle aufgenommenen Fotos wie ein Staatsgeheimnis. Und die zionistischen Angreifer:innen sind trotz ihres hohen Alters und dem Fakt, dass sie schon lange nicht mehr in der israelischen Armee dienen, zur Verschwiegenheit verpflichtet.

    Die Sorge des israelischen Staats ist, dass die Fotos Ereignisse zeigen würden, die das internationale Ansehen von Israel verschlechtern und andauernde Konflikte verstärken würden: Es wären handfeste Beweise für das Massaker an Unschuldigen in Deir Yassin als einem der traurigen Höhepunkte der ethnischen Säuberung Palästinas.

    • Seit 2022 Autor bei Perspektive. Schreibt als Studierender aus Sachsen insbesondere internationalistisch über die Jugend, Antimilitarismus und das tagespolitische Geschehen. Vorliebe für Gesellschaftsspiele aller Art.

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