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Mittwoch, Mai 22, 2024
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    Künstliche Intelligenz: Fortschritt oder Menschheitsgefahr?

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    Seit der Veröffentlichung des Sprachassistenten ChatGPT ist die Diskussion über Künstliche Intelligenz wieder im vollen Gange. Selbst die eigenen Entwickler des Chatbots warnen in einem Aufruf vor der Gefahr einer Auslöschung der Menschheit durch KI. Tatsächlich sollten wir uns jedoch eher die Frage stellen, in wessen Händen sich die Technologie befindet. – Ein Kommentar von Thomas Stark

    Im November 2022 veröffentlichte das US-Unternehmen OpenAI den Sprachassistenten ChatGPT. Diesem kann man über eine Webseite Fragen zu allen erdenklichen Themen stellen und erhält — nicht immer, aber auch nicht selten — erstaunlich gute Antworten. ChatGPT kann automatisch Artikel, Reden und andere Texte schreiben sowie Computercodes erzeugen. Microsoft integriert den Chatbot derzeit in zahlreiche seiner Produkte.

    ChatGPT ist derzeit das wohl bekannteste Beispiel für Künstliche Intelligenz. Darunter werden Computersysteme verstanden, die in der Lage sind, menschliche Intelligenz zu imitieren, z.B. durch das automatische Erstellen von Texten. Mit wirklicher Intelligenz hat das natürlich wenig zu tun. Die Software von ChatGPT macht im Prinzip nichts anderes, als das nächste Wort für einen gegebenen Satzteil statistisch vorherzusagen. Dafür wurde das sogenannte “Neuronale Netz”, der Kern des Programms, mit einer riesigen Menge von Texten aus Büchern, Webseiten und vielem mehr trainiert.

    ChatGPT hat die Diskussion über Künstliche Intelligenz wieder stark befeuert: Wird die neue Technologie zahlreiche Jobs wegautomatisieren, z.B. in den kreativen Berufen? Wird die Verbreitung von Fake News auf eine neue Stufe gehoben? Ende Mai warnten Dutzende Persönlichkeiten aus der KI-Forschung, darunter OpenAI-Chef Sam Altman, sogar vor einer Auslöschung der Menschheit durch KI, ähnlich wie in Science-Fiction-Dystopien. Sie forderten, ihre Entschärfung müsse eine ebenso hohe Priorität haben wie Pandemien und Atomkriege.

    Die Debatte ist nicht neu: Schon 2017 hatten sich Elon Musk und Mark Zuckerberg medienwirksam über die Gefahren durch KI gestritten. Da beide auch jetzt wieder in die Debatte eingestiegen sind und ebenso wie Altman ihr Geld mit der Technik verdienen, liegt der Verdacht einer gezielten PR-Kampagne nahe.

    Die Diskussion hat jedoch einen realen Hintergrund: KI wird schon lange auch für militärische Zwecke eingesetzt, z.B. in Form unbemannter Drohnen: Je autonomer diese Systeme agieren und sich selbst verbessern können, desto mehr kann die Kriegsführung von menschlichen Faktoren, wie z.B. der Moral einer Armee, entkoppelt werden. Aufgrund solcher Fragen beschäftigen sich heute auch Geostrategen wie der frühere US-Außenminister Henry Kissinger mit dem Thema. Dieser warnt etwa davor, dass KI in Kriegssituationen ein Vorgehen empfehlen könnte, das „der Präsident und seine Berater für erschreckend unklug“ halten: „Wenn wir uns auf die Antwort verlassen, können wir sie nicht noch einmal überprüfen.“

    Solche Erwägungen weisen auf das eigentliche Problem hin, das hinter der KI-Diskussion steckt: Die technologische Entwicklung ist nämlich längst über die gesellschaftlichen Verhältnisse des Kapitalismus hinausgewachsen. Technologien wie Künstliche Intelligenz oder Atomenergie erfordern, dass sie nach einem gesellschaftlichen Plan eingesetzt werden, den es nur in einer sozialistischen Gesellschaft geben kann. Es sind die Bedingungen der kapitalistischen Konkurrenz und des imperialistischen Kampfes um die Neuaufteilung der Welt, die das zerstörerische Potential von Technologien wie KI hervorbringen. Will die Arbeiter:innenklasse außerdem, dass die neue Technologie ihre eigenen Arbeits- und Lebensbedingungen verbessert, anstatt diese zu bedrohen, muss sie die gesamten Produktionsmittel eben in ihre eigenen Hände nehmen. Altman, Musk und Zuckerberg zeigen auch deshalb mit dem Finger auf die Maschinen, um alle Welt von dieser Frage abzulenken.

    • Perspektive-Autor seit 2017. Schreibt vorwiegend über ökonomische und geopolitische Fragen. Lebt und arbeitet in Köln.

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