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Dienstag, Juni 18, 2024
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    Das neue Image der Fast Fashion-Industrie – und was dahinter steckt

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    In den letzten Wochen folgte ein Skandal in der Fast Fashion-Industrie dem nächsten. Marken wie das chinesische “Shein” oder schwedische “H&M” betreiben skrupellos Greenwashing, beschönigen also die Arbeitsbedingungen in ihren Fabrikhallen und klauen Designs. – Ein Kommentar von Elodie Fischer

    Laut der gemeinnützigen Organisation “British Fashion Council” existiert momentan genügend Kleidung auf der Welt, um die nächsten 6 Generationen der Weltbevölkerung einzukleiden. Doch die Fast Fashion-Industrie produziert weiterhin schlecht verarbeitete Kleidung in rasantem Tempo. Besonders die chinesische Billigmarke “Shein” genießt mittlerweile einen schlechten Ruf in der Öffentlichkeit. Nun versuchte das Unternehmen, mit einer gesponserten Reise von Influencer:innen, das eigene Image aufzupolieren.

    Textiler „Abfallkolonialismus” – wo landet die Überproduktion von H&M und Co.?

    “Investigativer Journalismus” sponsored by Shein?

    Im Juni lud Shein sechs Influencer:innen aus den USA nach Guangzhou in China ein, um zu berichten, wie die Kleidung von Shein designed, produziert und versandt wird. Ihre Eindrücke von der Reise sollten die Influencer:innen auf ihren Plattformen in den Sozialen Medien teilen. Shein zahlte die Anreise, Hotels und die Verpflegung der Influencer:innen, die bereits zuvor mit Shein zusammengearbeitet hatten. Doch in ihren Videos präsentierten die Influencer:innen – anders als erhofft – den Besuch der Shein-Fabrikhallen als ungefilterten Blick hinter die Kulissen: Die Influencerin Dani Carbonari  z.B. sprach davon, dass sie als “investigative Journalistin” die Produktions- und Arbeitsbedingungen bei Shein nach diesen Eindrücken hinterfrage.

    Doch wie investigativ kann ein Journalismus sein, der von eben der Firma, die hinterfragt werden soll, gesponsert wird? Gar nicht. In ihrem Video spricht Dani Carbonari noch davon, wie überrascht sie darüber gewesen sei, dass die Arbeiterin, die das PR-Team von Shein für das Gespräch ausgewählt hatte, positiv von den Arbeitsbedingungen spreche und glücklich darüber sei, für Shein zu arbeiten. Eine Dokumentation von Channel 4 aus dem Jahr 2022 hingegen, bei der versteckte Kameras in Sheins Fabrikhallen gebracht wurden, zeichnete ein anderes Bild: Arbeiter:innen müssen bis zu 18 Stunden-Schichten arbeiten, bekommen nur einen Tag im Monat frei und verdienen bis zu zwei Cent pro Kleidungsstück. – Die von Shein bezahlte Reise war kein Journalismus, sie war eine Werbekampagne.

    Ein weiterer Aspekt, der von den Influencer:innen über Shein immer wieder hervorgehoben wurde, war derjenige der Nachhaltigkeit und Klimafreundlichkeit, die mit innovativen Technologien erreicht würden. Shein ist nicht die einzige Fast Fashion-Marke, die versucht, mit dem sogenannten “Greenwashing” ihr Image aufzupolieren. Als Greenwashing versteht man die PR-Taktik von Unternehmen, sich als umweltfreundlich zu verkaufen, ohne dies tatsächlich zu sein.

    H&M: Recycling landet auf Mülldeponie

    Dieses Vorgehen des Greenwashings wird von vielen Fast Fashion-Marken genutzt, so auch von H&M: Seit 2013 bietet der Textil-Konzern in Filialen weltweit eine Recycling-Option an, bei der Kund:innen alte Kleidung bei H&M abgeben können und einen Coupon erhalten, um dafür neue Kleidung beim Unternehmen zu kaufen. Die schwedische Zeitung Aftonbladet hat daraufhin einige Kleidungsstücke abgegeben und mit Ortungsgeräten versehen. Diese Kleidungsstücke wurden – entgegen H&Ms Versprechen, sie auf verantwortungsbewusste Weise zu recyclen – um die Welt geschickt und landeten häufig auf Mülldeponien.

    Dies ist auch nicht verwunderlich: Viele der heute in der Textilindustrie genutzten Stoffe sind eben nur schwer recyclebar. Dennoch nutzt H&M das Recycling-Versprechen und suggeriert damit seinen Kund:innen, dass Klimaschutz auch im Kapitalismus möglich sei. – Doch die Skandale um Shein und H&M zeigen, dass das nicht stimmt: Nachhaltiger Klimaschutz kann im Kapitalismus nicht funktionieren, denn hier steht der Profit im Vordergrund.

    H&M verklagt Shein

    Einmal mehr machte die Textilindustrie Anfang letzter Woche Schlagzeilen, denn nun verklagt H&M Shein für das Klauen seines Designs. Dabei ist auch H&M selbst für die Praktik des Design-Diebstahls von meist unbekannten Künstler:innen bekannt, die es sich nicht leisten können, gegen ein riesengroßes, weltweites Unternehmen rechtlich vorzugehen. Deshalb ist es egal, wie der Rechtsstreit der Textilindustrie-Giganten ausgeht. Beide Unternehmen arbeiten mit denselben Marketing-Methoden: Sie stehlen oder kopieren Designs, beuten ihre Arbeiter:innen aus und ruinieren die Umwelt.

    Aus diesem Grund ist es umso wichtiger, dass eine Kritik an der Textilindustrie nicht der allzu beliebten Konsumkritik verfällt: Oft werden Konsument:innen dafür verunglimpft, dass sie Fast Fashion-Kleidung einkaufen, doch die wirklich Verantwortlichen finden wir am Kopf die Firmen.

    Im Jahr das ein oder andere Kleidungsstück weniger zu kaufen, mag vielleicht dem eigenen Geldbeutel (und Gewissen) gut tun. Um den Klimawandel zu bekämpfen, braucht es aber eine antikapitalistische Bewegung, die gegen die eigentlichen Verursacher:innen des Klimawandels kämpft.

    Die Klimakatastrophe ist der dringende Ruf nach einem neuen System

    • Perspektive-Autorin seit 2023, politisiert über Palästina-Aktivismus. Schreibt vor allem über Frauen- und Arbeiter:innen-Kämpfe. Studiert und arbeitet im Kulturbereich in Berlin, gibt gerne Buchempfehlungen.

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