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Sonntag, Juli 14, 2024
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    Gratisgetränk für „Blank ziehen“ und „Only(Party)Fans“ ab 16: Hagener Jugendliche starten Kampagne gegen Sexismus im Club Capitol Hagen

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    Wenn 17-Jährige ihre Brüste zeigen, gibt es ein Gratisgetränk – damit warb zuletzt der Hagener Club “Capitol”. Erst nach Eingreifen des Ordnungsamts wurde der Punkt gestrichen.  Eine Gruppe Hagener Jugendlicher entschloss sich schließlich, etwas gegen die “sexistische Atmosphäre” im Club zu tun. Was mit einem Instagram-Post begann, wurde schnell eine laufende Kampagne der Internationalen Jugend. – Perspektive sprach vor Ort mit den Initiatorinnen der Kampagne.

    Der Club “Capitol” in Hagen ist ein Treffpunkt für Jugendliche in einer Stadt, in der es an Versammlungsorten mangelt. Die Stadt bietet wenig Perspektiven, Angebote wie Jugendzentren gibt es kaum. Das Capitol ist sich seiner Machtposition als einziger Club der Stadt scheinbar bewusst, und so konnte es – trotz jahrelanger Gerüchte über die patriarchale Atmosphäre in der Diskothek – Kritik bisher immer gekonnt ignorieren.

    Als es dann doch öffentliche Kritik gab, kam sie von unerwarteter Seite: Der Instagram-Account “58. Weltmacht” – der Name bezieht sich auf die Postleitzahl der nordrhein-westfälischen Großstadt – ist eher weniger für seine Ernsthaftigkeit bekannt. Sarkastisch, aber auch mit einem gewissen Lokalpatriotismus wird dort über die Eigenheiten Hagens gelacht. Umso erstaunter waren viele Follower:innen, als der Account Ende Mai in einem Post dem Capitol die Sexualisierung minderjähriger Frauen und einen generell fahrlässigen Umgang mit Sexismus vorwarf.

    Gratisgetränk für „Blank ziehen“

    Fokus des Posts waren vor allem zwei Veranstaltungen des Capitols: Zum einen das Event “Hot and Horny” sowie die Veranstaltung “Only (Party) Fans”. Bei den Events wurde Frauen, die ein kurzes Kleid, Minirock oder Hotpants trugen, ein Cocktail für umsonst versprochen.

    Auch ein Gratisgetränk für “Blank ziehen” – meint das Zeigen der Brüste – sowie ein “Twerk Battle” waren Programmpunkte. Beide Events waren „Ü16“ und so auch Minderjährigen zugänglich. Erst nach Eingreifen des Ordnungsamt wurde der Programmpunkt “Blank ziehen” gestrichen.

    Öffentliche Kritik spielte das Capitol herunter. In einer Instagram-Story postete der Club selbst die Frage: „Ist es nicht komisch eine OnlyFans-Party für Minderjährige anzubieten?“. Die eigene Antwort darauf: „gute professionelle Antworten bei Capitol Hagen“, dazu als Emojis eine Mücke und ein Elefant.

    Doch nicht nur die Veranstaltungen seien laut dem Post ein Problem. In dem Social-Media-Beitrag warf das Kollektiv dem Club ebenfalls vor, dass dort eine generell unsichere Atmosphäre für Frauen herrsche. So gebe es beispielsweise kein Safeword wie “Angel shot” oder “Luise ist hier”, mit dem Frauen bei Belästigung oder Übergriffen an der Theke unauffällig um Hilfe bitten können.

    Der Post stieß auf Resonanz. Innerhalb eines Tages hatte er über tausend Likes und wurde auch weit über Hagen hinaus geteilt und besprochen.

    Perspektive Online hat das mit den Vorwürfen konfrontiert. In einer ausführlichen Stellungsnahme weist der Geschäftsführer die Vorwürfe zurück, will sich jedoch nicht schriftlich zitieren lassen. Eine weitere Anfrage auf konkrete Stellungnahme lässt das Capitol unbeantwortet.

    „Wir sollten bei so etwas nie wegschauen.“

    Auf die Frage, warum sie sich diesem für die Seite eher untypischen Thema gewidmet haben, antworteten zwei der Verfasserinnen: „Sexualisierung von Frauen in unserer Gesellschaft ist allgegenwärtig und wir sollten bei so etwas nie wegschauen.“

    Ein kurzer Rock oder Hot Pants seien zwar keine Einladung zur Belästigung, trotzdem würden Frauen mit Dresscodes wie im Capitol gezielt sexualisiert. „Darüber hinaus haben wir schon selber erlebt oder von Freund:innen gehört, wie sie dort belästigt wurden. Da viele junge Frauen in diesen Club gehen, wollten wir vor allem darauf aufmerksam machen und aufklären”, so die Verfasserinnen gegenüber Perspektive Online.

    Mit ihren schlechten Erfahrungen waren sie nicht allein. In den Kommentaren schilderten viele Gäste des Clubs ihre eigenen Erfahrungen. Einige schrieben dem Account auch persönlich. Die Berichte beschreiben eine Atmosphäre, welche die Frauen als gefährlich und bedrohlich empfanden und von sexueller Belästigung im Club. „Null Schutz für Mädchen und Frauen“, schreibt eine Userin öffentlich unter den Post.

    Der DJ habe Frauen auf der Tanzfläche aufgefordert, sich auszuziehen und sie ausgebuht, wenn sie nicht Folge leisteten. Auch – so die Kommentare – würden Safewords wie “Luise” nicht nur kaum benutzt werden, vielen Mitarbeitern wären sie zudem auch noch unbekannt. Generell wäre das Personal oft unhöflich und aggressiv.

    Auch Vorwürfe des Rassismus wurden erhoben. Auf der Google-Seite des Capitols selbst kommentieren etliche Personen unabhängig voneinander, dass ihnen am Eingang aufgrund ihrer Haut und Haarfarbe der Einlass verwehrt wurde oder dass sie dort rassistisch beleidigt wurden.

    Auch das weist der Geschäftsführer zurück, will sich jedoch auch hierzu nicht zitierfähig äußern.

    “Gegen sexualisierte Gewalt und Clubbesitzer, die das tolerieren.”

    Für die Jugendlichen hinter „58. Weltmacht“ war klar: Das Thema kann nicht nur im Internet bleiben. Zusammen mit der sozialistischen Jugendorganisation “Internationale Jugend” wurde überlegt, wie man die Kampagne weiterführen könne. Schließlich kam die Gruppe zu dem Entschluss, dass der Ort, an dem man am besten über Sexismus im Capitol aufklären könne, das Capitol selbst sei.

    Am Abend, an dem die Veranstaltung “Hot and Horny” stattfand, traf sich die Gruppe vor dem Club, um dort Flyer zu verteilen und mit den Partygänger:innen ins Gespräch zu kommen. Über die positive Reaktion vieler Menschen waren sie selbst überrascht. Die meisten Menschen vor Ort reagierten offen und interessiert, gerade junge Frauen berichteten von ihren eigenen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt.

    Auch wurde in der Nähe des Clubs ein Banner mit der Aufschrift “Ein kurzer Rock ist keine Einladung – Gegen Übergriffe und Clubbesitzer, die das tolerieren” aufgehängt. Wenige Tage später tauchten im Stadtbild zudem Plakate gegen patriarchale und sexualisierte Gewalt auf.

    Doch für die Mitglieder ist es das noch nicht genug. Weitere Aktionen sind geplant. Dass die Kampagne mit so viel Begeisterung und Engagement geführt und aufgenommen wurde, freut auch die Gruppe selbst sehr. Vor allem, da es sich dabei um ihre ersten großen Aktionen handelte.

    Die Internationale Jugend existiert deutschlandweit in acht Städten. Die Ortsgruppe Hagen/Wuppertal ist die jüngste. Umso wichtiger war es für die Gruppe, dass sich ihre erste Kampagne gegen patriarchale Gewalt richtet. “Der Kampf gegen das Patriarchat hat in der politischen Arbeit oft immer noch nicht den Stellenwert, den er haben sollte.” Mit einer Kampagne wie dieser zu beginnen, sei auch „für die Zielsetzung und Entwicklung unserer Gruppe enorm wichtig”, so ein Mitglied gegenüber Perspektive Online.

    Party ohne Patriarchat?

    Als besonders positiv bewertet es die Gruppe, dass sie ihre Positionen nicht versteckt, sondern offen Tabuthemen wie Patriarchat und sexualisierte Gewalt anspricht. Der Hauptfokus der Kampagne gegen Sexismus habe zwar auf dem Capitol gelegen, es sei jedoch auch klar, dass der Club kein Einzelfall ist: “Wir glauben, dass es dieses Problem in allen Clubs gibt. Dahinter steckt System.” Ein System, das sich nicht nur auf die Clubszene beschränkt. “Sexualisierte Gewalt und Sexismus betrifft uns immer und überall, solange wir im Patriarchat leben”

    Auch in Zukunft möchte die Internationale Jugend deshalb weiterhin auf das Thema aufmerksam machen. Auf die Bitte um abschließende Worte antworteten die Initiatorinnen der Kampagne: “Für uns ist dieses Thema noch nicht abgeschlossen. Setzt auch ihr euch damit auseinander, informiert euch und passt aufeinander auf”.

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