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Sonntag, März 3, 2024
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    Häusliche Gewalt – nicht erst an Weihnachten bekämpfen!

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    Alle Jahre wieder warnen Hilfsorganisationen und Beratungsstellen schon in der Vorweihnachtszeit vor steigenden Fallzahlen  häuslicher Gewalt an Weihnachten. Während bürgerliche Medien versuchen, dieser Tendenz mit reißerischen Überschriften zu verarbeiten, indem sie die Feiertage als ‚Fest der Hiebe‘ bezeichnen, ist häusliche Gewalt und Gewalt gegen Frauen jedoch nicht an eine Jahreszeit gebunden. – ein Kommentar von Olga Goldman

    So wie jede Krise ist auch Weihnachten ein hervorragender Katalysator für Gewalt. Erhöhte Stresslevel, steigender Alkoholkonsum, Familienkonflikte, Isolation und Abhängigkeit sind die wahren Geister der Weihnacht und befeuern die Gewalt, welches im Licht der brennenden Kerzen umso kenntlicher wird. Für viele Familien stellt Weihnachten eine finanzielle Belastung dar. Die hohen Erwartungen an das Fest der Liebe, der Wunsch in das Schablonenmuster der ‚perfekten Familie‘ zu passen, kann den Druck noch verstärken. Frauen werden dabei oft zu den Hauptverantwortlichen gemacht und leisten einmal mehr die Sorgearbeit. Patriarchales Fehlverhalten und Aggressivität sind ohne den Fluchtweg auf die Arbeit und das Zusammengepferchtsein auf engem Raum fast vorprogrammiert.

    Trotzdem das Problem jedes Jahr aufs Neue benannt und benannt wird und die Partnerschaftsgewalt laut Bundeskriminalamt weiter ansteigt, fehlt es in vielen Gegenden an Beratungsstellen und Frauenhausplätzen. Aktuell gibt es immer noch kein bundesweites Finanzierungssystem für Frauenhäuser und die Finanzierung ist von Land zu Land und teilweise sogar von Kommune zu Kommune unterschiedlich. Auch am Ende des Jahres 2023 ist die Bilanz klar: Die Politiker:innen haben nichts zu bieten als leere Worte und haltlose Versprechen. Weder in den eigenen vier Wänden noch am Arbeitsplatz werden Frauen ausreichend vor geschlechtsspezifischer Gewalt geschützt. Himmelwärts verdrehte Blicke und fromme Heuchelei werden daran nichts ändern.

    Gewalt gegen Frauen – ob physisch, psychisch oder sexualisiert – ist fest im Patriarchat verankert. Das Heim im nuklearen Familienmodell, in dem der pater familias, der Familienvater, mit unbestrittener Macht herrscht, ist und kann daher nie ein ‚sicherer Hafen‘ für Frauen sein. Es stellt einen Raum dar, in dem die Behauptung körperlicher Dominanz oder das Abwälzen psychischer Traumata auf die Frauen im Haushalt durch den Staat so lange legitimiert wird, bis es die Produktionsverhältnisse auf eine Art und Weise einschränkt, dass eine Intervention nötig wird.

    Darüber hinaus werden Frauen innerhalb einer Familieneinheit häufig reproduktive Aufgaben übertragen, wie etwa unbezahlte Hausarbeit, die Betreuung alter und kranker Menschen und das Stillen der Bedürfnisse des Patriarchen. Auch an Weihnachten tritt diese Arbeitsteilung zutage. Frauen, die kochen. Frauen, die organisieren. Frauen, die für alles verantwortlich sind und für alles verantwortlich gemacht werden. Ich wage zu behaupten, dass Weihnachten, wie ich es kenne, ohne die Frauen in meiner Familie, nicht stattfinden würde. Der vermeintlich private Bereich des Zuhauses ist in der Realität niemals privat, sondern basiert auf politischen Ideologien und patriarchal-hierarchischen Geschlechterkulturen, die den Status quo aufrechterhalten.

    Gewalt gegen Frauen ist daher keine Tragödie, welche sich jedes Jahr an Weihnachten ereignet, sondern ein strukturelles Problem, welches auf Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnissen beruht. Deswegen brauchen wir auch nicht auf Weihnachten zu warten, um unsere Solidarität mit allen Frauen und von Gewalt betroffenen Menschen Ausdruck zu verleihen. Der Kampf für die wahrhaftige Befreiung der Frau vollzieht sich mit jeder Minute, jeder Stunde, im Zuhause und auf der Straße.

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