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Mittwoch, Mai 29, 2024
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    Arbeitszeitverkürzung: Gefahr für den Wohlstand?

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    Die 40 Stunden Woche wird immer häufiger hinterfragt. Besonders junge Menschen wünschen sich eine bessere Balance zwischen Lohnarbeit und Freizeit. Doch ist die Forderung nach weniger Arbeitsstunden bei gleichbleibender Bezahlung angemessen? Gegner:innen argumentieren mit einem drohenden Wohlstandsverlust.

    Kürzlich hat die GDL, wenn auch erst ab 2029, die 35 Stunden Woche erkämpft und damit das Thema Arbeitszeitverkürzung wieder auf die Agenda gesetzt. Die 40 Stunden Arbeitswoche gilt bisher als Normalzustand in Deutschland. Doch immer mehr Menschen hinterfragen ihre Aktualität und Sinnhaftigkeit. Acht oder mehr Stunden Arbeit am Tag lassen zu wenig Zeit für Freunde, Familie und Hobbys – zur Erholung von der kräftezehrenden Lohnarbeit. Dazu reicht die Bezahlung gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise oft nur ganz knapp für die wichtigsten Bedürfnisse wie Wohnen, Mobilität und Essen.

    Warum also so viel Lebenszeit aufwenden, wenn es sich am Ende nicht lohnt? Daher stellen Gewerkschaften und linke Organisationen vermehrt die Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung. In einer nicht-repräsentativen Umfrage des NDR zeigt sich mit 75 Prozent Zustimmung ein Stimmungsbild mit einer großen Beliebtheit der 32 Stunden bzw. Vier-Tage Woche unter Arbeiter:innen.

    Ist weniger Arbeit schlecht für die Wirtschaft?

    Ein prominentes Argument gegen eine Arbeitszeitverkürzung ist die angebliche Schädigung der Wirtschaft. Wenn die Vier-Tage-Woche (32 Stunden Woche) eingeführt werden würde, dann würde dadurch die Produktivität sinken und die deutsche Volkswirtschaft schrumpfen. So lautet zumindest die Erzählung vieler Unternehmer:innen.

    Ein solches Szenario würde in der Realität jedoch höchstwahrscheinlich nicht eintreten. Das zeigen zahlreiche Versuche und Studien zur Arbeitszeitverkürzung. Im Jahre 2022 gab es beispielsweise in Großbritannien einen Testlauf mit der Vier-Tage-Woche. Dabei wurde das sogenannte „100-80-100 Modell“ angewandt, also 100 Prozent Bezahlung, 80 Prozent Arbeitszeit und 100 Prozent Leistung. Dieses Modell wurde bei 73 Unternehmen eingeführt und führte zu einem Erfolg der Studie.

    Es gab keine Produktivitätsverluste und die Mitarbeiter:innen waren motivierter. Es stellte sich heraus, dass Arbeitskräfte, die dank einer reduzierten Arbeitswoche weniger Stress ausgesetzt sind, in der übrigen Zeit effektiver arbeiten. Auch in Branchen, in denen beispielsweise durch Fließbandarbeit eine Arbeitszeitverringerung erst ein mal unproduktiver erscheinen würde, könnte durch eine Verringerung die Fehlerquote gesenkt werden.

    Die Reduzierung der Arbeitszeit führte zudem zu einem verbesserten körperlichen und psychischen Wohlbefinden der Arbeiter:innen, wodurch die Krankheitstage deutlich abnahmen. Angstzustände, Müdigkeit, Schlafprobleme und andere Burn-Out-Symptome gingen zurück. Dazu berichtete eine deutliche Mehrheit der beteiligten Personen von einer besseren „Work-Life-Balance“ sowie von positiven Auswirkungen auf ihr Familien- und Sozialleben.

    Rezession wegen Krankheitstagen? – Werbung im Nachrichtengewand

    Steigerung der Produktivität – Reiche profitieren

    Schaut man sich zudem die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung der Produktivität an, so zeigt sich eine starke Steigerung. In Deutschland stieg die Produktivität je Arbeitsstunde alleine zwischen 1991 und 2022 um über 30 Prozent.

    Gleichzeitig geht die Schere zwischen Arm und reich immer weiter auseinander und die Profite aus der ausgeweiteten Produktion fließen in die Taschen der Kapitalist:innen statt in die der Arbeiter:innen. „Während Milliarden von Menschen die Schockwellen von Pandemie, Inflation und Krieg ertragen müssen, boomen die Vermögen der Milliardär:innen“, sagt Serap Altinisik, die Vorstandsvorsitzende von Oxfam Deutschland.

    Laut Oxfam stiegen die Vermögen der fünf reichsten Menschen seit 2020 von 405 Mrd. Dollar auf insgesamt 869 Mrd. Dollar und damit deutlich schneller als die Inflationsrate. Im Gegensatz dazu verloren die ärmsten 60 Prozent der Weltbevölkerung seit 2020 20 Milliarden Dollar an Vermögen, und die Löhne von 791 Millionen Arbeiter:innen konnten mit der Inflation nicht mithalten, wodurch sie im Durchschnitt fast einen Monatslohn innerhalb von zwei Jahren verloren.

    Damit zeigt sich ein deutliches Ungleichgewicht zwischen der Produktivitätszunahme auf der einen und fehlenden realen Lohnerhöhungen bzw. Arbeitszeitverkürzungen für die Arbeiter:innen auf der anderen Seite.

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