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Mittwoch, Mai 29, 2024
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    Internationale Arbeiter:innen-Solidarität gegen die Knechtung in Bangladesch und anderswo

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    In den letzten Jahrzehnten konnten wir immer wieder beobachten, wie sich die Arbeiter:innen in besonders ausgebeuteten Ländern erheben. Im letzten Jahr geschah dies unter anderem bei den Streiks der Textilarbeiter:innen in Bangladesch. Zu diesen Kämpfen in weit entfernten Teilen der Welt fehlt uns oft der Bezug. Warum es trotzdem wichtig ist, sich mit ihnen zu solidarisieren und was sie mit unserer Lage in Deutschland zu tun haben. – Ein Kommentar von Tabea Karlo.

    Im Herbst letzten Jahres schlug die Regierung Bangladesch landesweite Streiks und Demonstrationen für bessere Arbeitsbedingungen und Lohnerhöhungen in der Textilbranche gewaltsam nieder. Ein halbes Jahr später dauern die Kämpfe der Beschäftigten weiter an. Bangladesch steht hierbei stellvertretend für die Bedingungen vieler Arbeiter:innen aus abhängigen und besonders ausgebeuteten Ländern, die am unteren Ende der kapitalistischen Nahrungskette stehen.

    In Deutschland ist derweil die “Konsumkritik” auf dem Vormarsch. Immer wieder wird durch Politiker:innen gegen Kinderarbeit, Massenproduktion, niedrige Löhne und schlechte Arbeitssicherheit gewettert: die Deutschen sollen ihre Verantwortung wahrnehmen und bei „verantwortungsvolleren“ Unternehmen einkaufen. Zeitgleich lehnen dieselben Politiker:innen strengere Richtlinien im Zuge des neuen Lieferkettengesetzes ab oder enthalten sich zumindest – und das, nachdem sie Monate lang selbst dafür gesorgt hatten, dass dieses immer weiter aufgeweicht und wichtige Passagen gestrichen wurden.

    Die Frage bleibt also, wie viel steckt hinter der „Moral“ der deutschen Politik? Und was haben die Bedingungen und Kämpfe in anderen Ländern denn nun mit uns zu tun? Das Beispiel der Textilproduktion in Bangladesch gibt Antworten.

    Das neue “Lieferkettengesetz” ist ein Schlag ins Gesicht von Opfern neokolonialer Ausbeutung

    Arbeitskämpfe in Bangladesh

    Im November letzten Jahres gab die Regierung in Bangladesch eine Erhöhung des Mindestlohns in der Textilwirtschaft auf 12.500 Taka, etwa 105 Euro, bekannt. Damit liegt der Mindestlohn etwas über dem vorher vom Arbeitgeberverband BGMEA angebotenen Betrag, allerdings noch immer weit unter dem, was die Textilarbeiter:innen forderten. Die Textilgewerkschaften forderten fast das Doppelte; aufgrund der gestiegenen Lebenshaltungskosten reichen 12.500 Teka in Bangladesch praktisch nicht zum Leben.

    Selbst diesen mickrigen Mindestlohn mussten sich die Arbeiter:innen heftig erkämpfen. Die Bekanntgabe folgte rund einem Monat, nachdem die Regierung im Oktober landesweite Streiks und Demonstrationen massiv angegriffen hatte. Durch die Repression der Regierung starben damals vier Beschäftigte, mehr als 43.000 wurden angeklagt und 132 Gewerkschafter:innen inhaftiert. Elf von ihnen sitzen noch heute im Gefängnis. Die Gründe: “Terrorismus”, “Vandalismus” und andere “kriminelle Handlungen”.

    Unter anderem aufgrund der starken Repression ist der Organisierungsgrad der Arbeiter:innen gering: Nur etwa 5 Prozent der Menschen in Bangladesh sind gewerkschaftlich organisiert. In einem Interview mit Amnesty International schildert Nazma Akter, Präsidentin der Gewerkschaft Sommilito Garment Sramik Federation die schwierige Lage der Gewerkschaften. So würde Organisierung derzeit vermehrt über Hausbesuche stattfinden, weil es so große Angst gäbe, am Arbeitsplatz erwischt zu werden.

    Was hat das mit Deutschland zu tun?

    Deutsche Unternehmen und Unternehmen, die hierzulande einen großen Absatzmarkt haben, zum Beispiel einige große Kleidungshersteller, profitieren von genau diesen Arbeitsbedingungen und der niedrigen gewerkschaftlichen Organisierung. Sie drücken die Löhne in Ländern wie Bangladesch und lassen dort dann billig produzieren. Selbiges gilt übrigens auch für viele andere Produktsparten, z.B. Handys, aber auch Einzelteile von Autos etc.. Die Profitmargen, die dann bei ihnen verbleiben, sind gigantisch hoch.

    Bereits beim Unglück im April 2013, als der neunstöckige Fabrikkomplex „Rana Plaza” in Bangladesch einstürzte und 1.138 Arbeiter:innen ihr Leben verloren, kam heraus, dass dort vor allem Kleidung für diverse europäische Modefirmen wie Primark, Benetton, Mango, C&A und KiK produziert wurde. Daran hat sich bis heute nichts verändert.

    Im Juni 2023 wandte sich Shahidul Islam, ein Angestellter bei „Prince Jacquard Sweater” wegen nicht gezahlter Löhne an sein Management. Kurze Zeit später wurde er  – wahrscheinlich von einem Auftragsmörder – getötet. Die Firma produziert unter anderem für das deutsche Unternehmen „New Yorker“.

    Im Februar dieses Jahres wurden zwei Gewerkschafter, Shariful Islam und Jagdish Babu, vor dem Fabrikeingang der „Libas Textiles Factory” brutal geschlagen. Libas produziert unter anderem für H&M, C&A, Mango und NKD.

    Warum Konsumkritik nicht hilft

    Genau 11 Jahre nach dem “Unglück” in Rana Plaza, das weniger ein Unglück und mehr das gezielte „Aufspielsetzen” des Lebens vieler Arbeiter:innen war, stimmte die EU am vergangenen Mittwoch über das neue Lieferkettengesetz ab. Deutschland enthielt sich, was faktisch wie eine Nein-Stimme zählt.

    Dabei ist das Lieferkettengesetz schon an sich ein schlechter Scherz. Es gilt vollumfänglich erst ab 2032, dann auch nur für Unternehmen ab 1.000 Beschäftigten mit einem Jahresumsatz von mehr als 450 Millionen Euro. Also für nur 5.5000 Unternehmen in der gesamten EU. Die Sorgfaltspflicht für nachgelagerte Lieferketten ist so weit eingeschränkt, dass sie fast bedeutungslos ist. Selbst das war dem deutschen Staat und Kapital, das sich unter anderem in Form verschiedener Unternehmerverbände massiv gegen das Gesetz gewehrt hat, noch zu viel.

    Unternehmen sollen also nicht prüfen müssen, ob ein Großteil ihres Profits über Kinderarbeit, Zwangsarbeit oder sonstiges erwirtschaftet wird. Unter dem Banner der Konsumkritik wird eben diese Prüfung dann aber auf die Bevölkerung im eigenen Land abgewälzt: die könne ja einfach „verantwortungsbewusst“ einkaufen. Das ist natürlich Quatsch und es zeigt vor allem, dass es nicht um Menschenrechte, sondern um Profite geht.

    Im Rahmen der Solidarität sind uns die Arbeiter:innen anderer Länder natürlich nicht egal. Wir fühlen ihr Leid und ihre Ausbeutung, und wir wollen etwas daran verändern – aber wie, wenn es nicht reicht im Supermarkt zum teuren Produkt zu greifen?

    Internationale Produktionsketten – ein wunder Punkt beim Kapital

    Die Antwort liegt – kompliziert und einfach zugleich – im Aufbau einer internationalistischen Arbeiter:innenbewegung. Im Rahmen des Aufbaus einer solchen Bewegung spielt auch die Organisation von internationalen Arbeitskämpfen eine besondere Rolle.

    Internationale Produktionsketten ermöglichen heute dem deutschen Kapital, aber auch anderen Imperialisten, ihre Profite immer weiter auszudehnen und dabei die Menschen in den abhängigen Ländern besonders stark auszubeuten. Die Produktionsketten erfüllen also eine wichtige Funktion fürs Kapital, werden dabei aber zugleich zu ihrer Achillesferse.

    Denn was besonders wichtig ist, macht in der Regel auch besonders angreifbar: Wie wir es in der Vergangenheit immer wieder bei Streiks, aber auch bei Schiffsunglücken wie im Suezkanal, Konflikten mit den Huthi-Rebellen und Umweltkatastrophen gesehen haben, sind die Produktionsketten störanfällig. Zwischenfälle und Konflikte können schnell dazu führen, dass Produkte nicht mehr rechtzeitig ankommen, um weiterverarbeitet oder verkauft zu werden.

    Genau diesen Schwachpunkt müssen wir uns bewusst machen und lernen, ihn in Arbeitskämpfen auszunutzen: er zeigt uns, dass sich uns – wenn wir international zusammenarbeiten und die Stärke unserer Klasse nutzen – schnell viele Möglichkeiten bieten.

    • Perspektive-Autorin seit 2017. Berichtet schwerpunktmäßig über den Frauenkampf und soziale Fragen. Politisiert über antifaschistische Proteste, heute vor allem in der klassenkämperischen Stadtteilarbeit aktiv. Studiert im Ruhrpott.

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