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Donnerstag, Mai 30, 2024
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    Uni-Besetzung in Leipzig: “Äußert man sich heutzutage gegen Krieg, wird man von Medien und Staat verteufelt”

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    Am Dienstag wurde die Universität Leipzig – so wie viele andere Universitäten weltweit – von Studierenden besetzt, und ein Protestcamp wurde errichtet. Dabei ging es um die „Solidarität mit dem palästinensischen Volk”, das aktuell durch die „Besatzung Israels einen Genozid” erlebe. Universitätsleitung und Staat räumten die Besetzung. – Ein Interview mit Demonstrantin Emma Karst*.

    Was war der Hintergrund eurer Besetzung?

    Hintergrund des Protestcamps sowie der Besetzung des Hörsaals in Leipzig war die Bodenoffensive der israelischen Streitkräfte (IDF) auf die Stadt Rafah im südlichen Gazastreifen vor zwei Tagen. Rafah ist der letzte Fleck in Gaza, auf dem über 1,4 Millionen Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht sind. Die Grenzen zu Ägypten sind geschlossen und der Rest des Gazastreifens ist zerstört. Damit setzte der israelische Staat seine Vertreibungs- und Vernichtungspolitik gegenüber dem palästinensischen Volk fort und machte umso deutlicher, dass es nie um die Bekämpfung der Hamas, sondern die vollständige ethnische Säuberung Palästinas geht.

    Diese Offensive ist aber nicht der alleinige Grund für unsere Besetzung. Das palästinensische Volk leidet bereits seit über 76 Jahren unter der israelischen Kolonialbesatzung. Immer wieder kam es direkt in Palästina zum Widerstand dagegen. Aber auch in anderen Ländern haben sich insbesondere an den Universitäten Studierende und palästina-solidarische Menschen zusammengeschlossen, um gegen den anhaltenden Völkermord zu protestieren. So erleben wir eine Welle an studentischen Protesten, die besonders die Verstrickungen der Universitäten mit Israel in den Vordergrund stellen. Paris, New York, Madrid, Berlin und jetzt Leipzig sind nur einige Beispiele von vielen, wie sich seit dem 7. Oktober und auch schon davor Widerstand gegen den Völkermord sowie die Mittäterschaft Deutschlands regt.

    Kannst du uns mehr über den Ablauf der Besetzung erzählen?

    In den frühen Nachmittagsstunden am Dienstag wurden zeitgleich der größte Hörsaal der Universität Leipzig, das Audimax, besetzt und ein Protestcamp auf dem Hauptcampus der Uni errichtet. Die Besetzung diente uns dabei als Druckmittel, um unsere Forderungen gegenüber der Universität durchzusetzen und uns Gehör zu verschaffen. Auf der Kundgebung am Innenhof der Uni wurden dann Zelte aufgeschlagen, Pavillons aufgebaut, Info-Tische aufgestellt, Musik abgespielt und Flyer verteilt, um mit den Studierenden vor Ort in Kontakt zu kommen.

    Die Universitätsleitung gab uns recht schnell ein Ultimatum: Entweder wir würden den Hörsaal innerhalb von 15 Minuten verlassen oder wir würden geräumt werden. Nach rund fünf Stunden erfolgreicher Besetzung des Audimax’ stürmten mehrere Dutzend BFE-Polizist:innen in Absprache mit der Unileitung – und ohne auch nur ein Kooperations- oder Verhandlungsgespräch angeboten zu haben – das Audimax. Dafür verschaffte die Uni der Polizei auch mit Vergnügen Zugang zum Keller, wo dann auch die ED-Behandlungen stattfanden. Zeitgleich wurden auch Studierende auf der mittlerweile angemeldeten Kundgebung brutal abgeführt.

    Circa 13 Leute waren wir im Hörsaal. Als die Bullen unsere Verbarrikadierung einrissen und uns mit Schmerzgriffen abführten, hörte man immer wieder kämpferische Parolen von innerhalb und außerhalb der Universität. Hier wurde auch nochmal klar, dass die Freiheit Palästinas nicht isoliert von anderen Kämpfen erreicht werden kann. „Viva Viva Palästina“ ertönte neben antimilitaristischen Parolen wie „Klasse gegen Klasse – Krieg dem Krieg“. Auch versuchten wir, die Verbindung mit anderen antikolonialen Kämpfen wie zum Beispiel dem in Kurdistan hervorzuheben. Zudem stellten wir mit Rufen wie „Jugend, Zukunft, Sozialismus“ oder „Kampf, Bewusstsein, Organisation – Für die soziale Revolution“ nochmal in den Vordergrund, dass wir eben für eine gänzlich andere Gesellschaft kämpfen müssen, um dem Ziel von einem freien Palästina näher zu kommen. Dafür müssen wir uns jedoch organisieren!

    Wie nicht anders zu erwarten war, versuchte auch eine Gruppe von 30 Zionist:innen, das Protestcamp – erfolglos – zu stören und griff wohl auch beteiligte, palästina-solidarische Studierende an.

    Was habt ihr für Repressionen erfahren?

    Sobald der Hörsaal geräumt war, wurden alle beteiligten Besetzer:innen und auch einzelne Teilnehmer:innen der angemeldeten Kundgebung auf dem Hauptcampus unter Schmerzgriffen abgeführt. Von jeder:m von uns, die sich im Hörsaal befanden, wurden die Personalien aufgenommen und unsere Sachen durchsucht. Danach wurden wir – mit unseren Händen durch Kabelbinder auf dem Rücken gefesselt – auf die ‘Dimitroffwache’ gefahren. Dort wurden wir dann nochmal einzeln behandelt, Fingerabdrücke festgehalten, Fotoaufnahmen aus verschiedenen Winkeln gemacht, und es wurde versucht, uns einen DNA-Test anzudrehen.

    Trotz dieser Repressionen und Schikanen von der Polizei ließen wir uns keine Minute lang unterkriegen. Wir riefen ununterbrochen Parolen und sangen Lieder – während wir unter Schmerzgriffen abgeführt wurden: im Bullenwagen, auf dem Weg zur Dimitroffwache und auf der Dimitroffwache selbst.

    Wir hielten alle zusammen und waren entschlossen, den Repressionen zu trotzen.

    Nach und nach wurden wir dann nach einer künstlich in die Länge gestreckten Identifikationsfeststellung entlassen. Wir wurden warm, lautstark und kämpferisch von Freund:innen außerhalb der Dimitroffwache mit Essen, Getränken und Decken empfangen und blieben dort gemeinsam, bis auch die letzte gefangene Person gegen 3 Uhr frei war. Den Besetzer:innen wird bisher der Hausfriedensbruch sowie die Vermummung auf einer Versammlung vorgeworfen.

    Zu keinem Zeitpunkt war jemals jemand alleine. Und wenn, dann hörten wir die Stimmen von solidarischen Teilnehmer:innen und Freund:innen. Allgemein war die Stimmung sehr kämpferisch und keinen Moment lang von Zweifeln an der Aktion oder Ängsten geprägt. Wir hielten alle zusammen und waren entschlossen, den Repressionen zu trotzen.

    Zeitgleich fand in Solidarität mit der Besetzung eine Kundgebung im Innenhof der Universität Leipzig statt. Kannst du noch mehr über die Forderungen des beteiligten Protestbündnisses erzählen?

    Verschiedene internationalistische, sozialistische und kommunistische Organisationen, die bereits in den letzten Monaten regelmäßig Aktionen und Demonstrationen in Solidarität mit dem palästinensischen Befreiungskampf organisierten, fanden sich sehr spontan im Palestine Campus-Bündnis zusammen, was sich erst wenige Stunden vor der Besetzung gründete. Unter ihnen waren unter anderem internationalistische Organisationen wie Defend Kurdistan, Internationalistische Jugendkommune oder das irische Solidaritätsnetzwerk Saor éire Anois (SéA). Neben ihnen waren es vor allem auch sozialistische und kommunistische Organisationen, wie die Föderation Klassenkämpferischer Organisationen (FKO), Young Struggle, Zora, der Kommunistische Aufbau, die Kommunistische Organisation, SDAJ, Revolution und die Revolutionäre Kommunistische Partei (RKP), die sich an den Protesten beteiligten.

    Als Bündnis fordern wir die Offenlegung aller Investitionen und Beziehungen mit und zu Israel und die vollständige Beendigung all jener. Wir fordern die Uni auf, den Völkermord am palästinensischen Volk als solchen offiziell und schriftlich anzuerkennen, die Repression gegen palästina-solidarische Stimmen am Campus zu beenden und die irreführende IHRA-Antisemitismusdefinition abzulegen.

    Wie der Pressesprecher Marius Schneider des Bündnisses Palestine Campus auch beschreibt: „Wir stehen heute hier, weil wir als Studierende der Uni Leipzig nicht wollen, dass die Uni Leipzig mit Forschungsstellen kooperiert, die direkt oder indirekt den Krieg in Palästina finanzieren. Wir werden unseren Protest weiterführen, bis unsere Forderungen erfüllt sind, und unser Widerstand wird sich hier nicht brechen lassen.“

    Die Protestaktionen wurden sowohl von Universitätsleitung als auch bürgerlichen Medien schnell als antisemitisch bezeichnet, die Sicherheit von jüdischen und israelischen Studierenden und Mitarbeitenden sei „akut gefährdet“. Was sagt ihr zu den Vorwürfen?

    Äußert man sich heutzutage gegen Krieg, wird man von Medien und Staat verteufelt. Egal, ob es sich um die Ukraine handelt, wo einem vorgeworfen wird, „Putinfreund“ zu sein, nur wenn man sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine ausspricht. Oder eben die Verurteilung des Genozids am palästinensischen Volk, was pauschal als „antisemitisch“ abgestempelt wird.

    Für uns ist jedoch klar: Der Kampf für die Befreiung Palästinas, der Kampf für eine Welt ohne Krieg und Besatzung und der Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus sind nicht voneinander zu trennen. Auf übelste Art und Weise wird von denjenigen, die von diesen Kriegen profitieren, versucht, diese Kämpfe gegeneinander auszuspielen und unsere Schlagkraft zu zersplittern. Wir kämpfen für ein Palästina, das für jeden frei ist – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Religion oder Ethnie. Und auch die Stimmen unzähliger jüdischer Menschen, die sich weltweit und auch in Israel gegen den Genozid und gegen die Gleichsetzung von Judentum und Zionismus aussprechen, zeigen, dass der palästinensische Befreiungskampf legitim ist und Hand in Hand mit dem Kampf für eine befreite Gesellschaft für alle geht.

    Wir sind offen für jede:n und freuen uns, mit so vielen Menschen wie möglich in Kontakt zu kommen und in die Diskussion zu treten – israelische und jüdische Studierende und Mitarbeitende selbstverständlich mit eingeschlossen.

    Denjenigen Zionist:innen, die sich gerne als Stimme von Juden und Jüdinnen inszenieren, dabei aber einen Völkermord versuchen zu rechtfertigen, und damit vollständig auf der Seite der deutschen und israelischen Staatsräson und Kriegspolitik stehen, treten wir natürlich entschlossen entgegen.

    Womit geht es jetzt weiter?

    Eins ist klar: Wir werden nicht aufhören zu protestieren, bis Palästina frei ist und der Krieg Israels gegen die palästinensische Bevölkerung aufgehört hat. Solange dieser Genozid andauert, werden wir Widerstand auf unseren Straßen und in unseren Universitäten organisieren. Genaueres und wie es weiter geht, könnt ihr aber gerne auf unserem Insta-Account palestine.campus nachschauen oder bei den einzelnen Organisationen.

    *Name geändert, echter Name der Redaktion bekannt.

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