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Samstag, Mai 25, 2024
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    Was die „Nakba” war – und warum sie noch heute andauert

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    Zum heutigen „Nakba”-Tag am 15. Mai rufen in zahlreichen Städten palästinensische und Palästina-solidarische Kräfte zu Demonstrationen auf die Straßen. Damit soll an die Vertreibung der Palästinenser:innen im Zuge der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 erinnert werden. Auch heute dauert die Unterdrückung des palästinensischen Volks noch an. – Ein Kommentar von Mohannad Lamees.

    Das arabische Wort „Nakba“ bedeutet „Katastrophe“. Es bezeichnet das Schicksal der im Zuge der israelischen Staatsgründung im Jahr 1948 zu Hunderttausenden vertriebenen und getöteten arabischen Einwohner:innen Palästinas. Diese standen – und stehen auch heute – dem politischen Anspruch Israels als einem zionistischen Staat im Wege.

    Die zionistische Bewegung trat bereits lange vor der Staatsgründung, nämlich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, für einen explizit jüdischen Nationalstaat in Palästina ein. Im Zuge dessen organisierten die europäischen Zionist:innen die Migration von zehntausenden Jüd:innen aus Europa nach Palästina, das damals noch zum Osmanischen Reich gehörte.

    Das Gebiet zwischen dem Mittelmeer und dem Fluss Jordan sei „ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land” – diese Vorstellung soll der Begründer des Zionismus, Theodor Herzl, geäußert haben. Herzls Grundgedanke tritt seitdem immer wieder in der Geschichte Israels und der Unterdrückung der Palästinenser:innen in Erscheinung. So leugnen auch heute noch immer viele Zionist:innen, dass Palästinenser:innen überhaupt einen Anspruch auf Freiheit und Selbstbestimmung hätten und treten offen für eine vollständige Inbesitznahme von ganz Palästina ein.

    Siedlungskolonialismus mit Weltmacht im Rücken

    Um ihr Ziel der Errichtung eines jüdischen Staats in Palästina zu erreichen, suchten die Zionist:innen bereits früh den Schulterschluss mit größeren imperialistischen Mächten: Mitten im Ersten Weltkrieg sicherte Großbritannien mit der Balfour-Erklärung den Zionist:innen seine Unterstützung zu. Die Briten stachelten den Hass zwischen Jüd:innen und Araber:innen an und erhofften sich so, ihre eigenen Interessen in Palästina und in der Nähe des Suez-Kanals besser durchsetzen zu können.

    Für den damaligen britischen Kolonialminister und späteren britischen Premierminister Winston Churchill war die Unterstützung des Zionismus, wie er selbst in einem 1920 erschienen Artikel darlegte, außerdem Teil des Kampfs gegen eine internationale jüdisch-kommunistische Weltverschwörung. Der Zionismus, so hofften viele Antisemit:innen damals, würde die Jüd:innen Europas endlich an einem anderen Ort versammeln und somit international für Ordnung sorgen.

    Mit der Niederlage des Osmanischen Reiches fiel Palästina nach dem Ersten Weltkrieg den Briten als Mandatsgebiet zu. Dadurch erreichte die zionistische Kolonialisierung Palästinas unter dem Schutz der Briten tatsächlich neue Dimensionen: Lebten 1918 noch 60.000 Jüd:innen in Palästina, so wuchs diese Zahl bis zum Ende des Mandats 1948 auf über das Zehnfache an. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Befreiung zahlreicher inhaftierter Jüd:innen aus den faschistischen Lagern war Palästina eines der Hauptziele für die als “displaced persons” bezeichneten Überlebenden.

    Längst hatten sich zu diesem Zeitpunkt paramilitärische zionistische Organisationen und Milizen gebildet, die gegen die Briten rebellierten und die mittlerweile als überflüssig empfundene Schutzmacht loswerden wollten. Diese Milizen griffen auch immer wieder die palästinensischen Einwohner:innen an und schufen seit den 1930er Jahren immer größere zusammenhängende Gebiete unter zionistischer Kontrolle. Den immer wieder dagegen aufkommenden palästinensischen Widerstand konnten die Briten nur unter großer Kraftanstrengung unterdrücken.

    In den 1940er Jahren beschlossen die Briten deshalb, das Mandat über Palästina aufzulösen und die sich bekämpfenden Palästinenser:innen und Zionist:innen sich selbst zu überlassen – die Vereinten Nationen schlugen sodann 1947 einen Teilungsplan für das Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan vor. Weil die umliegenden arabischen Nachbarstaaten eine Teilung des Gebiets und einen zionistischen Staat nicht akzeptieren wollten, schritten die zionistischen Milizen selbst zur Tat.

    Ethnische Säuberung bis heute, aber der Widerstand lebt

    Als am 14. Mai 1948 der israelische Staat seine Unabhängigkeit erklärte, war die ethnische Säuberung Palästinas bereits in vollem Gange. Vom Herbst 1947 bis zur Staatsgründung ein halbes Jahr später hatten die Zionist:innen 440.000 Palästinenser:innen aus 220 Dörfern vertrieben. Auch mehrere Massaker hatten zu diesem Zeitpunkt bereits stattgefunden, darunter die berüchtigte Ermordung von 110 Palästinenser:innen durch die Zionist:innen in „Deir Jassin”. Bis zum Ende des Jahres 1949 war die Zahl der vertriebenen Palästinenser:innen sogar auf über 750.000 gestiegen. Sie flohen in die umliegenden arabischen Länder oder in den von den Zionist:innen noch nicht kontrollierten Teil Palästinas. Bis heute wird diesen Geflüchteten und ihren Nachkommen sowohl von Israel eine Rückkehr in ihre Heimat verweigert, als auch von vielen arabischen Staaten eine Anerkennung als gleichberechtigte Bürger:innen versagt.

    Die Staatsgründung Israels war zwar ein wichtiges Ziel der Zionist:innen, sie stellte jedoch keineswegs das Ende der Vertreibung und Unterdrückung der Palästinenser:innen dar: Vielmehr ist die „Nakba” der Anfang des Aufbaus eines zionistischen Staatsapparats, der heute ein Apartheid-System verwaltet und in den besetzten palästinensischen Gebieten regelmäßig ethnische Säuberungen durchführt und die Besiedlung palästinensischen Gebiets weiter vorantreibt. Auch die Ermordung von zehntausenden palästinensischen Zivilist:innen im Gaza-Streifen durch die israelische Armee nach dem Angriff palästinensischer Kräfte auf Israel am 7. Oktober gehört in die Reihe dieser jahrzehntelangen, mittlerweile vor allem von den USA und Deutschland unterstützten Politik.

    Das palästinensische Volk hat entgegen all dieser Angriffe immer wieder seine Widerständigkeit und seinen Willen zur Freiheit bewiesen. Aus den Entwicklungen der Vergangenheit ergeben sich in der Gegenwart die zahlreichen Kampfplätze, an denen sich die Palästinenser:innen gegen ihre Unterdrückung zur Wehr setzen müssen: Während die Zionist:innen nach wie vor den Palästinenser:innen das Recht auf Selbstbestimmung verweigern und den palästinensischen Widerstand mit allen Mitteln bekämpfen, paktieren arabische Staaten wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Jordanien mit der neuen Regionalmacht Israel und den USA, um ihre eigenen Interessen auf dem Rücken der Palästinenser:innen durchzusetzen. Und auch die palästinensische Bourgeoisie selbst, etwa in Gestalt der Autonomiebehörde unter Mahmud Abbas lässt sich regelmäßig von den Zionist:innen einspannen.

    All das sind Gründe genug, nicht nur am Nakba-Tag, sondern jeden Tag Solidarität mit dem palästinensischen Befreiungskampf zu zeigen.

    • Seit 2022 bei Perspektive Online, Teil der Print-Redaktion. Schwerpunkte sind bürgerliche Doppelmoral sowie Klassenkämpfe in Deutschland und auf der ganzen Welt. Liebt Spaziergänge an der Elbe.

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