Was wollen die streikenden Flüchtlinge in Deggendorf? – ein Interview mit Joseph Alpha

Am 15 Dezember traten über 200 Menschen von Sierra Leona in einem bayrischen „Transit-Zentrum“ in Deggendorf in einen „Streik der geschlossenen Türen“. Kinder und Jugendliche gingen nicht mehr zur Schule, Erwachsene bestreikten ihre 80-Cent-Jobs. Am Samstag, den 16.12 starteten sie sogar einen Hungerstreik und organisierten eine Demonstration am Mittwoch den 20.12. Neonazis planten einen Gegen-Protest. Was sind ihre Forderungen?
Wir haben mit Joseph Alpha, einem der protestierenden Flüchtlingen gesprochen.

PO: Warum habt ihr euren Protest gestartet?
Joseph: Sie wollten einen unserer Kollegen nach Italien Abschieben. Um 3 Uhr kam die Polizei um ihn zu holen. Auf dem Weg zum Flughafen behandelten sie ihn brutal. Als sie dort auf dem Weg zum Flugzeug waren, war es noch schlimmer – wie Folter. In vielen Fällen, wenn sie Menschen nach Italien zurückbringen, haben sie innere Blutungen, wenn sie dorthin kommen. Am Flughafen beobachtete ein Journalist die Situation und schaffte uns im Camp über die Situation zu informieren. Wir haben in unserem Lager viel Lärm gemacht, also kam die Polizei. Wir haben seine Freilassung gefordert – dann haben sie ihn freigelassen. Aber er musste alleine zurückkommen. Als er ankam, hatte er Blut am ganzen Körper. Nach diesem Vorfall begannen wir unseren Protest

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Ihr habt eine Erklärung veröffentlicht, dass „die ganze Welt wissen sollte, wie Deutschland Einwanderer behandelt“. Was sind die Hauptprobleme, unter denen ihr leidet?

Wir fordern, die Abschiebungen nach Italien und Sierra Leone zu stoppen. Besonders Kinder, kranke Leute und beschnittene Frau. Außerdem fordern wir Schul-Möglichkeiten für uns. Dies ist wichtig, um sich in die Gemeinschaft integrieren zu können. Die Qualität des Essens ist sehr schlecht. Wir brauchen eine Kücheneinrichtung – damit wir für uns selbst kochen können. Indem sie uns diese Gelegenheit nicht geben, verhungern sie uns zu Tode. Auch verstehen wir nicht, was die Sicherheit-Leute im Camp sagt, also wollen wir Leute, die mit uns kommunizieren können. Zuletzt sind die Sanitäranlagen und die Hygiene insgesamt sehr schlecht. Wir müssen mit 8 Personen in einem winzigen Zimmer leben.

 

Wie viele Leute schließen sich dem Protest an?

Am Anfang waren wir 209 – nur Leute aus Sierra Leone. Aber jetzt sind wir fast 250, weil andere Nationalitäten beigetreten sind: Gambianer, Araber, Senegalis.

Eine Neonazi-Gruppe wollte am Samstag, dem 23.12 gegen  euch protestieren. Was ist an diesem Tag passiert?

Wir haben von dieser Demonstration nichts gesehen. Aber es kamen viele deutsche Unterstützer mit einer Demonstration zu unserem Camp. Sie waren sehr nett, sie tanzten und feierten mit uns. Das haben wir wirklich genossen.

Was sind die wichtigsten Gründe um Sierra Leone zu verlassen?

Wir haben verschiedene Gründe. Einige flüchteten wegen politischer Einschüchterung. Wir haben ein Zwei-Parteien-System in Sierra Leone und immer wenn eine Partei in der Macht ist, wird die andere eingeschüchtert. Einige sind aufgrund von Belästigung durch die Polizei geflohen. Einige Frauen wegen der Genitalverstümmelung.

Wie ist die aktuelle Situation eures Protestes?

Wir haben am Freitag, dem 15. begonnen zu protestieren. Wir sagten, wir würden weder zur Schule noch zu den 80-Cent-Jobs gehen. Wir sind am Samstag, den 16. bis zum Mittwoch den 20., in einen Hungerstreik getreten. An dem Tag haben wir eine Demonstration in Deggendorf organisiert. Wir hatten eine friedliche Demonstration, wir sind keine Kriminellen. Am Donnerstag haben wir mit Verhandlungen begonnen, also haben wir unseren Hungerstreik gestoppt. Aber der Schul- und Arbeitsstreik werden weitergehen und wir sind jederzeit bereit, den Hungerstreik wieder aufzunehmen. Jetzt wegen Weihnachten wurden die Verhandlungen gestoppt, aber wir hoffen, dass wir bald Resultate haben werden. Sie haben versprochen, niemanden abzuschieben, bis wir die Verhandlungen beendet haben.

Ergänzung:

Diese letzte Antwort ist durch zeitliche Überschneidung (Übersetzung und Rücksprache) überholt.

In einer aktuellen Pressemitteilung vom Abend des 27.11 schreiben die Geflüchteten:

„Aus den heutigen Verhandlungen mit dem BAMF sind wir optimistisch, dass die Behörden nicht bereit sind, sich um die Notlage zu kümmern und die isolierte Situation der Flüchtlinge in Deggendorf zu ändern. Mit unserem Verständnis dieses Teils fordern wir eine bundesweite Solidarität für unseren Kampf gegen die Flüchtlingsverfolgung in Deggendorf und ganz Bayern.
Ein Treffen ist für den 13. Januar 2018 in München geplant. Aber mehr Informationen über den Veranstaltungsort werden später kommuniziert, sobald er fertig ist.“