Die Schulen in Deutschland entwickeln sich zu Infektionsherden. Während bei den Wirtschaftshilfen alles schnell ging, ziehen sich Hilfen für Schulen, um diese pandemie-sicherer zu machen, seit Monaten hin. Diese drei Maßnahmen sollten jetzt an den Bildungseinrichtungen dringend umgesetzt werden. – Ein Kommentar von Tim Losowski

Die Linie der Politik beim Lockdown „light“ ist klar: die Wirtschaft offen halten. Damit das gelingt, müssen auch die Schulen offen bleiben, denn sonst können die Eltern nicht zur Arbeit. Das ist die kapitalistische Logik der Bundesregierung.

Doch auch aus einer linken Perspektive sollte man sich dafür einsetzen, dass ein Weg gefunden wird, wie Präsenz-Unterricht hygiene-konform stattfinden kann.

Die Gründe dafür sind das Recht auf Bildung – das allen Schüler:innen zusteht -, die Notwendigkeit von sozialem Kontakt unter den Schüler:innen sowie auch die steigende Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im kompletten Lockdown. Für viele ist es zu Hause eben gar nicht „safe“.

Schulen werden zu Infektionsherden

Derzeit erleben wir eine Vielzahl von Corona-Ausbrüchen an Schulen. Allein in NRW befanden sich zum Stichtag am 11. November mindestens 73.840 Schüler:innen in Quarantäne. Das waren 3,6 Prozent aller Schüler. Bei knapp 5.140 Schüler:innen (0,25 Prozent) wurde eine Infektion nachgewiesen.

Bei den Lehrer:innen waren mindestens 4.700 Kräfte (3,0 Prozent) in Quarantäne. Landesweit seien 19 Schulen geschlossen. An knapp 19 Prozent der Einrichtungen gab es Teilschließungen. An nahezu 81 Prozent aller Schulen findet trotz Pandemie regulärer Präsenz-Unterricht für alle Klassen statt.

Grund dafür ist zum einen eine langfristig verfehlte Bildungspolitik, zum anderen sind es aber auch zu kurzfristige Maßnahmen, die in den letzten sechs Monaten einfach nur halbherzig und vereinzelt ergriffen wurden. Folgende drei Maßnahmen sollten sofort umgesetzt werden:

1. Luftfilteranlagen für alle Klassen

Basierend auf den Studien der Goethe-Universität Frankfurt und der Universität der Bundeswehr in München ist davon auszugehen, dass mobile Luftfilteranlagen die Aerosol-Konzentration in einem Klassenzimmer innerhalb einer halben Stunde um 90% senken können.

Ein solches Gerät kostet etwa 3.000 Euro. Doch erst im Oktober hat die Landesregierung beispielsweise in NRW 50 Millionen Euro bereit gestellt, um solche Luftfilteranlagen zu kaufen. Mit dieser Summe kann jedoch maximal ein Sechstel aller Klassenzimmer ausgestattet werden. Eine weitere Erhöhung wäre also dringend nötig.

Entsprechend lautet die Kritik des Elternvereins: „Seit März kennen wir diese Situation, leider, und man hätte sich dann schon damals Gedanken machen müssen,“ sagt Andrea Heck gegenüber dem WDR. Das Geld für Luftreinigungsgeräte komme viel zu spät.

Hinzu muss ebenfalls eine unbürokratische Umbau-Soforthilfe für solche Schulen kommen, die eben nicht in allen Zimmern lüften können.

2. Flächendeckende Schnelltests

Schon seit März waren Verfahren für Antigen-Schnelltests auf Covid-19 bekannt. Sie funktionieren wie ein Schwangerschaftstest und sehen auch so aus. Innerhalb von 15 Minuten erhält man das Ergebnis, ob man corona-positiv ist. Doch die Politik überließ der Wirtschaft das Handeln. Diese rollte das Verfahren erst Monate später auf – weil sie mit den Labor-Tests viel mehr Profit machen konnte.

Nun endlich werden solche Schnelltests eingesetzt, beispielsweise in Rheinland-Pfalz. Künftig werde es für Kinder und Beschäftigte in Kitas, Grundschulen und in der Kindertagespflege anlassbezogene Schnelltests auf das Coronavirus geben, hieß es am Donnerstag aus Mainz.

Das ist ein wichtiger Schritt nach vorne, um Infektionsgeschehen schnell zu entdecken, und muss flächendeckend und deutschlandweit eingeführt werden.

3. Digitale Endgeräte für alle Schüler:innen – jetzt!

Seit Anfang der Pandemie wird über Schulcomputer für alle diskutiert. Die unbürokratische Lösung, einfach allen Schüler:innen das Geld für ein digitales Endgerät zukommen zu lassen, wurde verworfen.

Stattdessen wurde mit einem Ausleih-System die Arbeit auf die einzelnen Schulen abgewälzt. Doch die dafür notwendigen digitalen Endgeräte sind bis heute in vielen Schulen noch nicht angekommen.

Das liegt auch daran, das das „Sofortausstattungsprogramm“ zwar 500 Millionen Euro für digitale Endgeräte bereitgestellt hat (was auch noch lange nicht für jede:n Schüler:in reicht), jedoch keine Gelder für Wartungen. Dadurch zögern viele Schulleitungen, die Geräte zu bestellen aus Angst, nach einem Jahr mit einem Berg Elektroschrott dazustehen.

Statt des komplizierten Ausleih-Systems sollten den Schüler:innen unbürokratische Direktgelder bereitgestellt werden. Langfristig muss daran gearbeitet werden, dass jedes Kind von der Schule einen Computer gestellt bekommt. Kostenlose Lernmittel gehören zur Bildungsgerechtigkeit einfach dazu.

Erst wenn digitale Geräte für alle Schüler:innen bereit stehen, kann wirklich sinnvoll digitaler Unterricht mit Präsenz-Unterricht kombiniert werden.

Bildungsgerechtigkeit: Tablets für Alle SchülerInnen und LehrerInnen!

Es braucht eine Trendwende

Neben diesen drei kurzfristigen Maßnahmen (und es gibt noch weitere) bedarf es einer grundlegenden Umorientierung in der Bildungspolitik.

Dazu gehört insbesondere eine Offensive für kleinere Klassen mit maximal 15 Schüler:innen. Damit könnte nicht nur der Abstand gewahrt werden, sondern könnten auch aus pädagogischer Sicht die Schüler:innen besser gefördert werden. Dafür benötigt es natürlich mehr Lehrkräfte und mehr Schulen.

Zudem braucht es mehr Geld für den infrastrukturellen Ausbau an den Schulen: Marode Klassenzimmer, Schulen ohne Internet oder Computerräume müssen endlich der Vergangenheit angehören.

All dies kostet Geld. Dass das Geld da ist, hat sich ja bereits bei Staatshilfen für große Konzerne wie Lufthansa und TUI gezeigt. Nun wäre es an der Zeit, auch Millionen, besser Milliarden für die Millionen Schüler:innen und Lehrkräfte in die Hand zu nehmen.


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