Wissenschaftler:innen und Angehörige treiben die Aufklärungen über die Rolle der Polizei beim rechten Anschlag von Hanau weiter voran. Neue Untersuchungen zeigen, dass das Haus des Attentäters rund eine Stunde lang nicht richtig bewacht wurde – nachdem der Mann bereits neun Menschen mit Migrationshintergrund ermordet hatte. Zudem stützen neue Videoaufnahmen die These, dass die Fluchttür in einer Bar bewusst verschlossen war. Damit rücken mögliche Absprachen zwischen Betreiber und Polizei wieder in die Öffentlichkeit.

Wie so oft bei rechten Anschlägen sind es privat in Auftrag gegebene Ermittlungen, die neue Erkenntnisse hervorbringen. Die Angehörigen-Initiative der Ermordeten vom Hanau-Anschlag hat nun die Ergebnisse der unabhängigen Ermittlungsagentur Forensic Achitecture in einer Ausstellung vorgestellt. Die forensischen Untersuchungen des rassistischen Anschlags von Hanau an diesem Tag werden in der Ausstellung zur „Geschichte zweier Türen“. Damit soll das polizeiliche Verhalten am 19. Februar 2020 vertieft beleuchtet werden, an dem Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kaloyan Velkov, Vili-Viorel Păun und Fatih Saraçoğlu starben.

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Der verschlossene Notausgang

Zum einen geht es um den verschlossenen Notausgang der Arena Bar in Hanau-Kesselstadt, einem der Anschlagsorte.

So stützen neue Videoaufnahmen aus der Bar den Verdacht, dass den späteren Opfern bewusst war, dass die Fluchttür versperrt ist und diese deshalb nicht dorthin rannten, als der Täter in der Bar zu schießen begann. Bereits zuvor hatten mehrere Zeugen ausgesagt, dass die Fluchttür in der Bar öfter verschlossen gewesen sei – als Absprache zwischen Betreiber und Polizei, damit diese einfacher Razzien machen könne.

Aus diesem Grund hatten zwei Überlebende und der Vater eines Verstorbenen im Oktober 2020 Strafanzeige wegen fahrlässiger Tötung gestellt, was jedoch eingestellt wurde. Und das obwohl die jetzt privat augewerteten Videoaufnahmen der Polizei schon lange vorliegen.

Laut dem Gutachten von Forensic Achitecture, das auf einer Rekonstruktion der Abläufe in der Bar basiert und den Ergebnissen der Staatsanwaltschaft widerspricht, hätten sich mindestens vier, mit großer Wahrscheinlichkeit sogar fünf Gäste gerettet, wenn sie zur Fluchttür gelaufen wären und diese offen gewesen wäre.

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Täter unbewacht

Eine weitere „Tür“ mit der sich die Ausstellung beschäftigt ist die Eingangstür des Hauses des Täters, zu deren polizeilicher Überwachung in der Tatnacht viele kritische Fragen offen sind. So war der 43-jährige rechte Schütze nach seinen Angriffen in sein Haus geflohen. Dort wurden dann drei Polizei-Einheiten damit beauftragt, das Haus beziehungsweise einen Fluchtweg zu sichern.

Doch die Einheiten waren teils falsch positioniert oder haben ihren Standpunkt verlassen. Laut Gutachten hätte der Attentäter zwischen 23.21 Uhr und 0.25 Uhr das Haus unbemerkt verlassen können. Demnach hatte in dieser Zeit kein einziger Beamter weder die Vordertür des Hauses noch die Hintertür im Garten im Auge.

Das geht aus Aufzeichnungen des Polizeihubschraubers hervor. Außerdem wurde bekannt, dass die beiden Piloten nie die Adresse des Attentäters erfahren. Der Helikopter sei nur über dem Stadtteil Kesselstadt, ohne gezielt das Haus des Attentäters zu erfasse. Dabei hatten die Piloten mehrfach danach gefragt: “Wir sind abgehängt”, stellte einer der Polizisten fest und fasste zusammen: “Wir haben da unten nichts gesehen, es redet kein Mensch mehr mit uns. Das mit dem Funk funktioniert überhaupt nicht!” Und so kamen die beiden zu einem deutlichen Fazit: “Das Ding ist eine komplette Katastrophe.” Sein Kollege: “Ja, totaler Müll!”.

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