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Samstag, Februar 24, 2024
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    Tarifverhandlungen in der Stahlindustrie scheitern erneut – IG Metall greift durch?

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    Die IG Metall und die Unternehmen der Stahlindustrie konnten auch in der vierten Verhandlungsrunde keine Einigung erzielen. Die Gewerkschaft fordert rund 8,5 Prozent Lohnerhöhung und rief für Dienstag ab 4.30 Uhr zu 24-stündigen Streiks auf. Konzerne werfen der IG Metall vor, dass ihre Forderungen „völlig verantwortungslos“ seien. Doch sind die Forderungen nach Lohnerhöhung und Arbeitszeitbegrenzung wirklich so radikal wie sie klingen? – Ein Kommentar von Tabea Karlo.

    Am Dienstag sind Arbeiter:innen aus der Stahlindustrie in einen 24-stündigen Streik getreten. Begonnen wurde bei Thyssenkrupp in Finnentrop/NRW, weitere Betriebe sollen nun folgen.

    Das ist die Folge aus dem Scheitern der 4. Verhandlungsrunde zwischen der IG Metall und verschiedenen Konzernen der Stahlindustrie. Betroffen von den Tarifverhandlungen sind etwa 68.000 Arbeiter:innen in Nordwestdeutschland. Fast parallel führt die IG Metall auch Verhandlungen mit den Stahlkonzernen aus Ostdeutschland.

    Die Gewerkschaft fordert 8,5% mehr Lohn auf eine Vertragslaufzeit von 12 Monaten und eine Herabsenkung der Wochenarbeitszeit auf 32 Stunden bei vollem Lohnausgleich. Bereits geeinigt haben sich die Gewerkschaft und Konzerne in den Themen Altersteilzeit, Werkverträge und Beschäftigungssicherung. Die bestehenden Tarifverträge zu diesen Themen werden verlängert.

    Nach rund 10 Stunden Verhandlungszeit sollen die restlichen Verhandlungen vor allem an der Frage der Lohnerhöhung gescheitert sein. Nach dem Ende der Tarifverhandlungen für Nordwestdeutschland am frühen Dienstagmorgen sagte die IG Metall die später am Tag geplanten Tarifverhandlungen für die Stahlindustrie in Ostdeutschland ab und kündigte Warnstreiks an.

    Die weiteren Verhandlungen für die nordwestdeutsche Stahlindustrie finden am Freitag in Düsseldorf statt. Die Verhandlungen für Ostdeutschland sind für Montag geplant.

    Gewerkschaft fordert quasi nichts – Konzerne unterbieten.

    Die Konzernseite gibt sich erzürnt. Die Lohnforderung der IG Metall wird vom Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Stahl, Gerhard Erdmann, als unverantwortlich bezeichnet.

    “Die Haltung der IG Metall, finanzielle Angebote der Arbeitgeberseite ausschließlich an den eigenen überzogenen Erwartungen zu messen und nicht an den finanziellen Möglichkeiten der Unternehmen im Angesicht einer drohenden Wirtschaftskrise, ist völlig verantwortungslos.”, äußerte sich Erdmann zuletzt öffentlich.

    Die Angst vor einer Wirtschaftskrise – die im Übrigen bereits seit längerem besteht, auch wenn wir auf den Crash noch warten dürfen – wird nun also bereits, bevor sich ihre Folgen für alle spürbar entfalten, dazu genutzt, die Löhne der Arbeitenden zu drücken. Weil die Profite derzeit noch sprudeln, muss Erdmann nun schon auf mögliche Gewinnverluste in der Zukunft verweisen

    Rekordgewinne – doch für Arbeiter:innen bleibt nur Kleingeld

    Auch wenn Erdmann den Untergang prophezeit, geht es zumindest im Moment den deutschen Stahlkonzernen so gut wie lange nicht. 2022 machte die deutsche Stahlindustrie zusammengenommen einen Umsatz von 55,2 Milliarden Euro, das sind rund 13,8 Milliarden mehr als im Jahr zuvor. Damit befinden sich die Gewinne der Stahlindustrie auf Rekordniveau. Laut einer Mitteilung der IG Metall sehen die Geschäftszahlen der Konzerne auch weiterhin gut aus.

    Die Arbeiter:innen sehen davon bisher wie gewöhnlich nichts. Der Anteil der sogenannten „Lohnkosten“, also dessen, was die Stahlkonzerne dafür ausgeben, die Arbeitskraft ihrer Angestellten einzukaufen, liegt im Schnitt gerade einmal bei 9%. Bei einer Lohnerhöhung von 8,5% würden die Gesamtkosten lediglich um 0,8% steigen.

    IG-Metall organisiert Reallohnverlust für Stahlarbeiter – trotz sprudelnder Gewinne der Konzerne

    Ein Angebot – das man ausschlagen sollte

    In den Verhandlungen haben die Konzerne bislang eine Einmalzahlung von 1.000 Euro im Januar 2024 angeboten, sowie eine Steigerung der Löhne um 3,5%, die im Juli 2024 starten und dann 19 Monate laufen würde.

    Faktisch bedeutet das vor allem eine massive Reallohnsenkung für die Arbeiter:innen der Stahlindustrie. Denn dass die Inflation weiterhin höher als 3,5% liegt, kann wohl kaum jemand leugnen.

    Mt einer Rate von 3,5% auf 19 Monaten würde man außerdem – selbst in wirtschaftlich geregelten Zeiten – gerade so die „angedachte“ Inflation von 2 Prozent ausgleichen. Erhöhungen würden dabei also nie herumkommen.

    Auch die Forderung der Gewerkschaft nach einer 32-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich wird abgelehnt: das sei erstens zu teuer, zweitens würden einem die Arbeitskräfte fehlen. Dass bei den Rekordgewinnen des letzten Jahres 0,8 Prozent mehr Ausgaben nicht zu teuer sein dürften, wurde bereits ausgeführt. Doch auch der zweite Punkt verliert schnell an Glaubwürdigkeit, wenn man sich erinnert, dass Stahlkonzerne in den letzten drei Jahren rund 7.000 Stellen abgebaut haben. Rund 8% ihrer gesamten Stellen.

    Einen Fachkräftemangel mag es geben, den haben die Konzerne jedoch durch ihre schlechte Bezahlung, miese Arbeitsbedingungen und letztlich eben den Stellenabbau mit zu verschulden. Das jetzt in Tarifverhandlungen als Druckmittel zu nutzen, wirkt vor diesem Hintergrund schmerzhaft und zynisch.

    Die Gewerkschaft greift durch – oder auch nicht?

    „Wir werden unseren Leuten kein Paket mit faulen Kompromissen unter den Baum legen.“, heißt es von der Gewerkschaft in einer ihrer Mitteilungen. Und während man dies allen Stahlarbeiter:innen von Herzen wünscht, so zeigen doch vergangene Abschlüsse, dass dies nur Rhetorik ist.

    Wir dürfen uns nicht von der Hetze der Konzerne lenken lassen. Denn dass ihnen jeder Cent zu viel ist, bedeutet nicht im Umkehrschluss, dass die Forderungen der Gewerkschaft ausreichen oder dass sie diese durchsetzen werden.

    Die Chronik der Arbeitskämpfe in den letzten Jahren verheißt nichts Gutes: In der Tarifrunde in NRW 2021 fuhr die Gewerkschaft eine Nullrunde, in der letzten Tarifrunde 2022 handelte sie gerade einmal 6,5% aus – was zu diesem Zeitpunkt nicht mal einer Anpassung an die Inflation entsprach. Für die Arbeiter:innen bedeutete es einen klaren Reallohnverlust.

    Dementsprechend können auch heute 8,5% als Forderung nicht ausreichen, sondern stellen viele Arbeiter:innen vor finanzielle Probleme. Abgesehen davon, dass eine so geringe Forderung bei den massiven Profiten der Stahlindustrie in diesem Jahr in ihren Ohren wie blanker Hohn klingen muss.

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