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Donnerstag, Mai 30, 2024
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    Rekord-Insolvenzen in Deutschland: Allein im März rund 1.300 Unternehmen und über 11.000 Arbeiter:innen betroffen

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    Laut einer Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) erreichte die Anzahl der Firmenpleiten im März dieses Jahres in Deutschland ihren höchsten Stand seit Jahrzehnten. Besonders betroffen ist die Bau- und Immobilienbranche.

    Allein im Monat März 2024 gab es 1.297 Insolvenzen in Deutschland. Die Firmenpleiten liegen „35 Prozent höher als im März 2023“ und „30 Prozent über dem März-Durchschnitt (…) vor der Coronapandemie“, heißt es von den IWH-Forschern. Nur vor etwa 20 Jahren, als das IWH die Daten noch nicht erhob, habe es in der bundesdeutschen Geschichte eine größere Insolvenz-Krise gegeben.

    Laut IWH sind bei den größten insolventen Unternehmen im März circa 11.000 Arbeiter:innen ihren Job los. Die Zahl der betroffenen Arbeiter:innen liege zwar auf dem Niveau vom Februar 2024, sei „aber etwa 42 Prozent höher als in einem durchschnittlichen März vor der Coronapandemie“.

    Die Gründe für die Rekord-Insolvenz

    Als Hauptgrund für die Insolvenzen erklärte der IWH-Insolvenzforscher Dr. Steffen Müller gegenüber dem Handelsblatt: Viele Geschäftsmodelle basierten auf der Annahme niedriger Zinsen“. Diese Kalkulation sei „mit dem Anstieg der Zinsen 2022 nicht mehr aufgegangen“, so Dr. Müller.

    Der Zinsanstieg ist die Folge der kapitalistischen Überproduktionskrise von 2019. Wie schon zur letzten Weltwirtschaftskrise von 2008/9 haben sich viele Unternehmen unbegrenzt Kapital für Investitionsprojekte geliehen, das sie letztlich nicht zurückzahlen konnten. Um das zu unterbinden, erhöhten die Banken die Zinsen auf Kredite. Damit konnte zwar der Spekulation ein kleiner Riegel vorgeschoben werden, allerdings gehen dadurch aktuell eben vermehrt Unternehmen pleite.

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    Ein Teil der derzeit hohen Insolvenzzahlen sei darüber hinaus durch eine „nachholende Corona-Insolvenzwelle“ zu erklären. Denn weiterhin müssen etwa 10.000 Unternehmen in diesem Jahr die staatlichen Hilfen, die sie während der Pandemie erhielten, zurückzahlen.

    Gerade überlagern sich die Effekte mehrerer Krisen: die ursprüngliche kapitalistische Überproduktionskrise von 2019, dazu die Corona-Krise, die Energiekrise im Zuge des Ukraine-Kriegs und die globale Zulieferer-Krise durch unterbrochene Lieferketten z.B. am Roten Meer. Auch der Fachkräftemangel in Deutschland, verursacht durch die Überalterung und ein schlechtes Ausbildungsmanagement, führt dazu, dass Unternehmen insolvent gehen.

    Bau- und Immobilienbranche besonders in der Krise

    Laut IWH sind vor allem viele Bauträger in die Insolvenz gegangen. Im Vergleich zu 2020 hätten sich die Insolvenzen im Grundstücks- und Wohnungswesen mehr als verdoppelt (plus 148 Prozent). Die Firmenpleiten verstärken die ohnehin schon monopolartige Stellung einiger weniger Unternehmen, so beispielsweise von Vonovia (inkl. Deutsche Wohnen).

    Durch die hohe Nachfrage bei geringem Angebot von Neubauten aufgrund der Wohnungspolitik der Regierung sowie der Krise in der Baubranche kann der Immobilienriese nun durch höhere Mieten auf Kosten der Arbeiter:innenklasse Extraprofite einstreichen.

    Krise in der Baubranche: Wer profitiert davon, wer leidet darunter?

    Der Büroimmobilienmarkt leidet zusätzlich unter den Auswirkungen des Anstiegs von Home-Office während der Corona-Krise, der den Bedarf an Büroräumen gesenkt hat. Obwohl viele Unternehmen versuchen, den Anteil an Home-Office wieder zu reduzieren, stoßen sie auf Widerstand seitens der Mitarbeiter und Betriebsräte, so beispielsweise bei SAP.

    Wie geht es weiter?

    Die Einschätzungen zur zukünftigen Entwicklung der Insolvenzen sind unterschiedlich: Das IWH erwartet bereits im Mai bis Juni einen Rückgang der Insolvenzfälle, während Wirtschaftsauskunftei Creditreform für dieses Jahr noch einen Anstieg auf knapp 20.000 Insolvenzen prognostiziert.

    Mehr und mehr Arbeiter:innen in der Baubranche werden kurzfristig bis mittelfristig ihren Job verlieren. Das IWH urteilt, dass diese aufgrund des Fachkräftemangels schnell wieder Arbeit fänden. Das Risiko, nach einer Firmen-Insolvenz arbeitslos zu bleiben oder langfristig weniger Einkommen zu erzielen, sei „derzeit begrenzt“. – Die Krise des Kapitalismus ist in vollem Gange.

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