Alljährlich treffen sich die Reichen und ihre Ideolog:innen auf einem Kapitalist:innengipfel im malerischen Schweizer Örtchen Davos. Dieses Jahr wird das Zusammenkommen unter der Schirmherrschaft einer NGO mit dem wohlklingenden Namen „World Economic Forum“ (WEF) in den digitalen Raum verlagert. Im jährlichen Risikobericht wird die Angst vor sozialen Unruhen heraufbeschworen. – Zeit, diese Realität werden zu lassen, meint Julius Strupp

Wirtschaftskrise und Pandemie spitzen Ungerechtigkeiten zu

In dem Gutachten, welches das Weltwirtschaftsforum mit der Versicherung Zurich, dem Risikoberater Marsh und der SK Group aus Südkorea zusammen angefertigt hat, wird davon ausgegangen, dass die Wirtschaftskrise und die Corona-Pandemie soziale Ungleichheiten verschärft haben. Nur 28 Volkswirtschaften konnten positive Wachstumszahlen vermelden.
Ausgehend davon befürchtet das WEF insbesondere in den beiden kommenden Jahren massive soziale Unruhen. Gesellschaftliche Spannungen könnten kritische Punkte überschreiten, heißt es. Besondere Konfliktpotentiale seien demnach Massenarbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit unter Jugendlichen, wirtschaftliche Stagnation und digitale Ungleichheit.

Schauen wir nach Deutschland, so sehen wir, dass alle diese Zutaten für Unruhen gegeben sind. Insbesondere in der Autoindustrie kam und kommt es zu Massenentlassungen. Es droht eine riesige Pleitewelle.  Hunderttausende Jobs könnten in Zukunft wegfallen. Viele Jugendliche können nicht in ausreichendem Maße an Online-Unterricht teilnehmen, weil ihre Familie nicht das Geld für die nötige digitale Ausrüstung hat. Zahlreiche Handwerksbetriebe werden keine Ausbildungsplätze mehr anbieten und der Industrieabbau in sterbenden Regionen wie der Lausitz setzt sich weiter fort. Die Reallöhne sind bereits gesunken.

Es gärt auch in Deutschland – doch was heißt das für uns?

Wirtschaftskrise: Ökonom erwartet Wegfall von 600.000 Jobs

Die Angst vor der Auseinandersetzung verlieren!

„Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht“, lautet ein bekanntes Zitat der Sozialistin Rosa Luxemburg, deren Ermordung durch die faschistischen Schergen der kapitalistischen Regierung sich vor wenigen Tagen zum 102. Mal jährte. Ihre Worte müssen wir uns zu Herzen nehmen! Wir dürfen die sich anbahnenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen nicht fürchten, sondern müssen sie suchen und organisieren. „Soziale Unruhen“ – das klingt gefährlich. Doch was meinen die Reichen damit? Letztendlich nichts anderes, als dass der Pöbel aufbegehrt.

Die Klientel des WEF mag dabei viel zu verlieren haben. Sie schaudert es regelrecht bei dieser Vorstellung. Doch was haben unsere entlassenen Kolleg:innen, die vor Perspektivlosigkeit stehen, um das sie fürchten müssten? Und was haben die Frauen zu verlieren, die während des Lockdowns häusliche Gewalt erleben? Was die Jugendlichen, die keine Ausbildungsplätze mehr bekommen? Oder die Rentner:innen, die Flaschen sammeln müssen, damit die Rente gerade so reicht?

Wir können nicht darauf warten, dass die Herrschenden mal an uns denken. Da könnten wir auch gleich die Flinte ins Korn werfen!

In dieser Krise haben sich die Lebensbedingungen von Millionen von Menschen schlagartig verschlechtert. Diese Menschen sind wir, unsere Nachbar:innen, Kolleg:innen, Freund:innen und Mitschüler:innen. Und das Schlimmste in dieser Krise steht uns allen sicher erst noch bevor.
Die Regierung hat währenddessen nichts anderes fertig gebracht, als Rettungspaket nach Rettungspaket für große Konzerne zu schnüren, die Bewaffnung von Drohnen und den Ausbau der Geheimdienste weiter voranzutreiben und uns jegliche Freizeitaktivitäten zu verbieten. Während uns das Wasser Stück für Stück abgedreht wird, bleiben die großen Fische unangetastet, schwimmen munter in ihrem Goldfischteich umher und werden fetter und fetter – und das auf unsere Kosten.

Der Appell an den Staat wird uns nicht weit bringen. Gegen die Verschlechterung unserer Lebensbedingungen und die Abwälzung der Krisenlasten auf unsere Schultern müssen wir schon selbst kämpfen! Wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit, die Kapitalist:innen herauszufordern, uns zu organisieren und gemeinsam für unsere Interessen einzustehen?
Solidarität und Selbstorganisation in Betrieb, Uni, Schule und Stadtteil sind unsere stärksten Mittel für eine bessere und lebenswerte Zukunft. Nutzen wir sie! Bescheren wir den Kapitalist:innen die Unruhen, die sie so sehr fürchten!


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