Von April bis Juli kam es in Kolumbien zu einem Aufstand der Unterdrückten und Ausgebeuteten. In der Großstadt Cali, dem Zentrum der damaligen Kämpfe, flammen die Proteste nun wieder auf. Währenddessen begeht das lateinamerikanische Land seine traditionelle Friedenswoche.

Mehrere Monate kämpfte das kolumbianische Volk – dem Terror des Staates zum Trotz – auf den Straßen des Landes. Begonnen hatten die Proteste Ende April. Auslöser war eine Steuerreform, die jedoch schon bald zurück genommen wurde. Sie hätte insbesondere die Arbeiter:innenklasse stark belastet.

Doch die Proteste gingen weiter und richteten sich gegen die allgemeine Notlage der Massen und die staatliche Repression.

Proteste und staatlicher Terror in Kolumbien dauern an

Dabei schritt der Staat zu drakonischen Maßnahmen. Zahlreiche Menschen wurden getötet oder man ließ sie verschwinden, vor allem Jugendliche. Wirklich genaue und verlässliche Zahlen gibt es bis heute nicht. Bereits zwei Wochen nach Protestbeginn waren 24 Menschen ermordet und über 400 verschwunden. Laut der NGO „Temblores“ werden derzeit 346 Menschen vermisst. Und allein zwischen dem 28. April und dem 31. Mai soll es zu 1.649 willkürlichen Verhaftungen gekommen sein.

Im Juli flauten die Proteste dann ab. Die Straßenblockaden wurden aufgelöst. Doch weder die Landes- noch die lokalen Regierungen lösten ihre Versprechungen ein. Stattdessen ist das südamerikanische Land um ein Vielfaches militarisierter aus der Protestwelle hervorgegangen. Polizei und Militär patrouillieren durch die Stadtteile, kontrollieren Landstraßen und Autobahnen sowie weitere Verkehrsknotenpunkte. Es häufen sich Berichte über Zwangsrekrutierungen des Militärs in Vierteln, in denen v.a. aufständische Arbeiter:innen leben. Auch die Repression im Land geht weiter und richtet sich insbesondere gegen Mitglieder des Selbstverteidigungskollektivs „Erste Reihe“ (Primera Linea), das bei den Protesten aktiv war. 165 politische Gefangene, vor allem Jugendliche, befinden sich in diesem Zusammenhang noch hinter Gittern.

Proteste gegen Steuerreform in Kolumbien: Über 400 Menschen seit Beginn verschwunden

Aus dieser Lage heraus flammten die Proteste in Cali, dem hauptsächlichen Konfliktherd während des Aufstands, wieder auf. Hier kam es zu Ausschreitungen. Weiterhin sind einige Polizeistationen auch in anderen Städten des Landes und leerstehende Gebäude besetzt. Die Polizei versuchte unter Einsatz von Tränengas, die Besetzung eines Nachbarschaftstreffs aufzulösen.

Die Proteste fallen zynischerweise mit der traditionellen „Friedenswoche“ zusammen. Diese wird seit 1987 um den 9. September herum gefeiert. Dieser gilt in Kolumbien als „Tag der Menschenrechte“ und „Tag des San Pedro Claver“. Er war Jesuit und ist der Schutzheilige Kolumbiens.

In Europa gab es bisher nur wenige Solidaritätsbekundungen mit dem Kampf der Menschen in Kolumbien.


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