Gestern kehrte die deutsche Männerfußball-Nationalmannschaft nach ihrem Ausscheiden aus der laufenden Weltmeisterschaft nach Deutschland zurück. Für sie ist das Kapitel Katar beendet – für das deutsche Kapital aber noch lange nicht. – Ein Kommentar von Mohannad Lamees.

Kritik statt Anerkennung für die WM in Katar

Die Ausrichtung eines globalen Großereignisses wie einer WM gehört zu einer breit angelegten Image-Kampagne, mit der sich Katar, ähnlich wie viele andere Staaten, als modern, zukunftsgewandt und wirtschaftlich stark präsentieren möchte. Während die laufende WM tatsächlich in vielen Teilen der Welt als normales Sportereignis wahrgenommen und in gewohntem Maße konsumiert wird, war in Deutschland schon weit vor dem Start des Turniers Mitte November zu beobachten, dass es großen Widerstand gegen die Weltmeisterschaft gab: Bereits vor dem Beginn des Turniers wurde vermehrt kritisch über die Menschenrechtsverletzungen im Zuge der Ausbeutung von Gastarbeiter:innen durch katarische Konzerne berichtet.

„Katar ist die Hölle“ – Die schwarzen Seiten des kapitalistischen Profifußball

Auch die Einschränkung der Rechte von Frauen und LGBTI+ im Emirat wurde immer wieder international kritisiert. Der Beginn der Weltmeisterschaft war dann, zumindest in Deutschland, vor allem durch die Auseinandersetzung mit der korrupten FIFA und den Umgang mit deren Verbot der symbolischen “One Love”-Binde geprägt.

“One Love”? – Rote Karte für das Kapital!

Nun ist das Kapitel Katar durch das vorzeitige Ausscheiden der Deutschen scheinbar früher als gedacht beendet. In der Aufarbeitung des sportlichen Misserfolges – mit dem tatsächlich für viele deutsche Unternehmen auch wirtschaftliche Verluste verbunden sind – werden nun auch vermehrt Stimmen laut, die behaupten, dass die geballte Kritik und die vielen politischen Debatten zu sehr vom Sportlichen abgelenkt hätten.

Anti-Katar oder Antikapitalismus?

Hätten wir also weniger kritisieren sollen? Nein, es war und ist wichtig, sowohl die kapitalistischen Verhältnisse im Ganzen als auch besondere Unterdrückungsverhältnisse im Emirat am Persischen Golf immer wieder konsequent zu benennen!

Doch das Ende der WM aus deutscher Sicht birgt auch die große Chance, diese Kritik fortan in einer neuen Art und Weise zu formulieren. Denn zu oft beschränkte sie sich  auf die unmittelbaren Zusammenhänge mit der FIFA-Weltmeisterschaft. Es scheint sogar so, als sei Katar erst durch die WM-Austragung vollständig in das deutsche Bewusstsein gerückt. Dass die Regierung aus CDU und SPD zum Beispiel 2013 ein, wie die Die Zeit damals schrieb, „Bombengeschäft“ und damit einen der größten Waffenexportdeals der jüngeren deutschen Geschichte mit Katar aushandelte, schien hingegen fast nie eine Rolle zu spielen. Während Katar oft als schlechtes Beispiel für einen aus den Fugen geratenen Turbo-Kapitalismus herhalten musste, wurde nicht selten vergessen, die Frage zu stellen, wer Katar eigentlich unterstützt und wer vom katarischen Kapital profitiert. Die Antwort hätte dann auch immer lauten müssen: Deutsche Konzerne.

Jüngst wurde uns dieser schon lange existierende Doppel-Standard  so klar wie nie vor Augen geführt: Während öffentlich Debatten rund um die katarischen Menschenrechtsverletzungen und einen notwendigen Boykott der laufenden WM geführt wurden, vollendete Wirtschaftsminister Habeck die seit Monaten laufenden Verhandlungen mit dem Emirat über die Lieferung von Flüssiggas nach Deutschland. Vorerst ist die Menge in Relation zum deutschen Gesamtverbrauch zwar noch klein, doch weitere Lieferungen sind nicht unmöglich. Die Worte des katarischen Energieministers Al-Kaabi sprechen Bände: „Wir haben gute Beziehungen zu deutschen Unternehmen und zur deutschen Regierung“.

Gas und Wasserstoff aus Katar und den VAE – Die Doppelstandards des deutschen Imperialismus

Wir müssen erkennen, dass die zum Mainstream gewordene Kritik an Katar und den dort herrschenden Verhältnissen uns von den wesentlichen Fragen abgelenkt hat. Wir haben zu oft mit dem Finger auf Katar gezeigt und vergessen, dass das System, das dort für Unterdrückung sorgt, letztlich auch hier in Deutschland zum Profitmachen benutzt wird: Egal ob billiges Gas oder katarisches Kapital für deutsche Großkonzerne wie VW, Hapag-Lloyd, Siemens oder die Deutsche Bank – die Ausbeutung und die Ungerechtigkeit in Katar sind näher, als wir uns eingestanden haben.

Die WM hat ein Schlaglicht auf die Situation in Katar selbst geworfen, doch nun ist es an uns, ein Schlaglicht auf das kapitalistische Weltsystem zu werfen. Lasst uns also die Gelegenheit nutzen, einen Schritt nach vorne machen und konsequent auch den Kapitalismus in Deutschland kritisieren!

  • Mohannad Lamees, geboren in Karl-Marx-Stadt, lebt mittlerweile in Berlin-Neukölln, schreibt seit Sommer 2022 für Perspektive Online, kritisiert oft die bürgerliche Doppelmoral und berichtet regelmäßig über Befreiungskämpfe gegen den Imperialismus in Deutschland und auf der ganzen Welt. Hobbys: Fußball und Arbeiter:innenlieder


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