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Dienstag, April 16, 2024
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    Tag der Befreiung : Was wir am 8. Mai feiern sollten – und was nicht

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    Im Vorfeld des 8. Mai spielen sich auch dieses Jahr wieder seltsame Ereignisse ab. Während der Tag in Hamburg zum ersten Mal als offizieller Feiertag begangen wird, streiten sich in Berlin Polizei und Verwaltungsgericht über das Verbot russischer und ukrainischer Flaggen. Die faschistische russische Bikergang “Nachtwölfe” versucht indes den Tag propagandistisch auszuschlachten, während der deutsche Imperialismus viel lieber eine Zeitenwende in der sogenannten Erinnerungskultur hätte. Was wir am 8. Mai wirklich feiern sollten – und was nicht. – Ein Kommentar von Rudolf Routhier.

    Am 8. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht bedingungslos. Der Zweite Weltkrieg und die langen 12 Jahre der faschistischen Diktatur waren endlich vorüber. In Frankreich, Tschechien und der Slowakei ist der Tag bis heute ein gesetzlicher Feiertag, Russland feiert einen Tag später am 9. den “Tag des Sieges”. Für Millionen von Menschen, die unter dem Faschismus litten, war der 8. Mai 1945 ein Tag des unvorstellbaren Glücks. Doch 78 Jahre später ist der Tag heftig umkämpft. Wir sehen Verwirrung, Repression, verletzter nationaler Stolz und Vereinahmungsversuche aller möglicher imperialistischen Länder.

    Gut zeigt sich das wieder einmal in Berlin. Bereits im Vorjahr wurde in der Nähe des sowjetischen Ehrenmals das zeigen russischer, aber auch sowjetischer Fahnen gerichtlich verboten. Auch dieses Jahr wurde ein Verbot russischer, aber auch ukrainischer Fahnen von der Polizei erlassen, das Verwaltungsgericht hob aber erst das Verbot ukrainischer, dann das Verbot russischer Fahnen wieder auf. Die Polizei erhob gegen letzteres Einspruch.

    Juristischer Kampf um antifaschistisches Gedenken

    Laut Polizei sei der Grund für das Flaggenverbot, dass man Ausschreitungen verhindern wolle, wenn die russische Bikergang “Nachtwölfe” am 9. Mai zur Kranzniederlegung ans sowjetische Ehrenmal fährt.

    Diese “Nachtwölfe” gründeten sich in den 1980er als Bikerclub nach dem Vorbild der Hells Angels. Anfangs wurden der russische Präsident Boris Jelzin und die Nato-Länder unterstützt, unter Putin schlug man sich schnell auf die Seite der neuen Regierung, die einen vom Westen unabhängigen russischen Imperialismus wollte. Der Club vertritt nationalistische, russisch Orthodoxe, antisemitische und anti-LGBTI+ Positionen und unterhält beste Beziehungen zur russischen Regierung. Putin verlieh dem Gründer und Anführer Alexander Sergejewitsch Saldostanow eine Ehrenmedaille und Mitglieder seiner Gang verdingen sich im Donbass und auf der Krim als russische Söldner.

    Sowjetunion auf den Kopf gestellt

    Gerne rezipiert wird in westlichen Medien vor allem ihre angebliche Verehrung der Sowjetunion. Schließlich werden auf Veranstaltungen der “Nachtwölfe” Stalin-Reden abgespielt und dieser sogar mit Jesus verglichen. Selbst die abstrusesten Behauptungen der Hufeisentheorie, die Faschismus und Kommunismus gleichsetzen, scheinen bestätigt. Doch bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass Saldostanows Sicht auf die Sowjetunion erstaunlich westlich ist.

    Denn mit dem realen Sozialismus hat sein Weltbild mal so gar nichts zu tun. Selbst die seltsamsten Verleumdung antikommunistischer Propagandisten werden unkritisch übernommen, aber als positiv gewertet. Die Sowjetunion ist für den Antikommunisten Saldostanow, der selbst mehrere Unternehmen besitzt, ein nationalistisches, chauvinistisches und undemokratisches Horrorkabinett und das ist gut so. Dass die Sowjetunion als Föderation unabhängiger Republiken mit weitgehenden Autonomierechten für ethnische Minderheiten ein klares Gegenmodell zum “Völkergefängnis” des Zarenreiches darstellte, das sie als erstes Land der Welt Homosexualität legalisierte und die gesetzliche und wirtschaftliche Gleichstellung der Frau garantierte oder das Staat und Kirche getrennt waren wird gekonnt ignoriert.

    Mit der Kontrolle der Arbeiter:innen über die Produktionsmittel oder der Tatsache, dass in den Reihen der roten Armee nicht nur russische Männer, sondern auch Frauen und Ukrainer:innen gegen die Nazis kämpften muss man den “Nachtwölfen” erst gar nicht kommen. Der Sieg über den Faschismus ist nicht der Sieg der Arbeiter:innen, sondern der des grossrussischen Chauvinismus. So sagte es der britische Geheimdienstler und Historiker Robert Conquest und so sagen es auch die Nachtwölfe. Die Tatsachen werden solange verfälscht, bis kein Widerspruch mehr zwischen religiösem Fundamentalismus, reaktionären Nationalismus und dem Sozialismus herrscht.

    Weg frei für die Rehabilitierung des Faschismus

    So bizarr diese Logik auch auf den ersten Blick erscheinen mag, die Nachtwölfe stehen damit nicht alleine da. Trotz jahrzehntelanger antikommunistischer Propaganda genießt die Sowjetunion und besonders die Industrialisierung und der Sieg im Zweiten Weltkrieg bei vielen Menschen in Russland immer noch einen guten Ruf. Zweifellos hat dies auch viel mit Nationalismus zu tun, doch da  man diese Menschen nicht an fortschrittliche Kräfte verlieren, muss man als russische Regierung diese Erinnerung vereinnahmen, instrumentalisieren.

    So kommt es, dass sogar Putin, der selbst in seiner Rede zum Einmarsch in die Ukraine Lenin und die Bolschewiki dafür kritisierte die Unabhängigkeitsbestrebungen der Ukraine unterstützt zu haben, trotzdem den “Tag des Sieges” feiert als wäre es sein Verdienst. Als ob die rote Armee nicht für das genaue Gegenteil seines nationalistischen, kapitalistischen und imperialistischen Russlands gekämpft hätte.

    Propaganda für den deutschen Imperialismus statt Antifaschismus

    Doch nicht nur der russische Imperialismus nutzt den Tag der Befreiung für seine Zwecke. Ähnliches geschieht auch in Deutschland. In Dresden bröckelt das sowjetische Ehrenmal, das den Gefallenen des Zweiten Weltkriegs gedenkt, seit Jahren vor sich hin. Erst sollte es abgerissen werden. Jetzt soll es “Inhaltlich” restauriert und zeitgemäß kontextualisiert werden. Wie dies aussehen soll, bleibt abzuwarten. Vielleicht stellt man ja eine riesige Werbetafel der Bundeswehr daneben oder einen Stand von Rheinmetall, wo uns erklärt wird, warum Aufrüstung, Militarisierung und Waffenlieferung nicht nur für Konzernprofite gut sind.

    Es kann einem schlecht werden, wenn die von Faschisten aufgebaute BRD sich erdreistet, aus einem Gedenkort für Antifaschist:innen einen Platz für die eigene Propaganda zu machen. Ähnliches lässt sich auch zu der Aktion am letzten 8. Mai sagen, als eine Gruppe Menschen, unter ihnen eine Grünen Politikerin, das sowjetische Ehrenmal in Berlin mit Ukraine-Fahnen verhängten.

    Mit welchem Recht wird die rote Armee, in der wie erwähnt auch viele Ukrainer:innen kämpften, und die Sowjetunion, die mit dem heutigen kapitalistischen Russland rein gar nichts zu tun hat, zum Angeklagten in den zwischenimperialistischen Konflikten von heute?

    Rücken Verteidiger:innen der Sowjetunion mehr in den Fokus der Repression?

    Sie tun dies mit dem “Recht” des “vorläufigen Siegers”, der versucht die Geschichte zu schreiben. Sonst könnte man, wenn wir schon so fleißig am kontextualisieren sind, doch auch informative Tafeln an Denkmälern für “Antifaschisten” der letzten Stunde wie Graf Stauffenberg anbringen wo über ihre Kriegsverbrechen an der Ostfront und ihren Antisemitsmus berichtet wird oder Statuen von Kaiser Wilhelm oder Bismarck mit Berichten über ihren diktatorischen Imperialismus der Millionen in den Tod trieb schmücken.

    Aber nein. Anstelle dessen wird unter dem Deckmantel des Ukraine-Krieges fleißig die Geschichte revidiert. Die rote Armee war angeblich genauso schlimm, wenn nicht schlimmer als die Nazis und muss jetzt auch noch für Putin gerade stehen. Wie sagte es die Springer-Konzern Zeitung “Welt” bereits 2020 so deutlich: “So gesehen brachte nicht der 8. Mai 1945 die Befreiung für Deutschland. Sie kam vielmehr im Westen um 1949 und im Osten sogar erst 1989/90.”

    Nach dieser Logik wurde vom Faschismus nur Westdeutschland befreit. Tatächlich war dies der Teil, wo die “ehemalige” faschistische Elite weiterhin den Großteil der Verwaltung und Politik sowie Militär und Geheimdienste kontrollierte. Der Teil, in dem Monopolherren wie Porsche, Thyssen, Krupp, Bosch und Finck trotz Unterstützung der Nationalsozialisten und hunderttausender toter Zwangsarbeiter:innen ungestraft weitermachen konnten. Einer dieser noch mal davongekommenden war übrigens Axel Springer der während des Faschismus für die Altonaer Zeitung über “jüdische Vampire” und den “Judenpöbel” schrieb.

    Auch reicht ein Blick in die “national befreiten Zonen” Ostdeutschlands oder zu den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen, um zu sehen, wie die “Überwindung des Faschismus” in den 90er Jahren aussah. Die Rechtfertigung für ihre steile These sieht die “Welt” übrigens auch darin, dass deutsche Soldaten in sowjetische Kriegsgefangenschaft gehen mussten. Was diese vor ihrer Gefangenschaft während des Vernichtskrieges im Osten taten bleibt im Artikel unerwähnt.

    Eins wird bei all dem sehr deutlich. Der 8. Mai zeigt die Beschränkungen antifaschistischer Erinnerungskultur im Kapitalismus. Aber auch das Potential einer revolutionären Erinnerungskultur.

    Was feiern wir am 8. Mai?

    Der 8. Mai sollte kein Tag sein, den wir von diesen oder jenen Imperialist:innen vereinnahmen lassen. Stattdessen sollte es ein Tag sein, an dem wir den Millionen Opfer des Faschismus aber auch den Millionen von Menschen, die tapfer gegen ihn kämpften und kämpfen gedenken.

    Kein Tag, an dem wir Illusionen über einen angeblich antifaschistischen Imperialismus verbreiten, sondern ein Tag, an dem wir Arbeiter:innen uns gegen Faschismus und Imperialismus zusammenschließen. Es ist ein Tag, an dem wir uns erinnern, dass im Zweiten Weltkrieg Arbeiter:innen aus Russland oder der Ukraine in der Roten Armee, älliierte Kräfte ebenso wie Partisanen auf dem Balkan und Kommunist:innen in Deutschland im Untergrund den Kampf gegen den Faschismus führten – und letztendlich siegten.

    • Perspektive-Autor seit Sommer 2022. Schwerpunkte sind rechter Terror und die Revolution in Rojava. Kommt aus dem Ruhrpott und ließt gerne über die Geschichte der internationalen Arbeiter:innenbewegung.

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