Ein kritischer Bericht von einer Diskussionsveranstaltung über die heutige Beteiligung und Vertretung von Frauen in der Politik. – Von Lea Rothe

Ohne Frauen ist kein Staat zu machen – unter diesem Motto wurde am 03. März im Rahmen der 29. Brandenburgischen Frauenwoche eingeladen. In den Räumlichkeiten des Frauenzentrums „Lila Villa“ in Cottbus sollten eine Performance der Schauspielerin und Historikerin Claudia von Gélieu mit dem Titel „100 Jahre Frauenwahlrecht – Clara Zetkin blickt zurück“ und eine anschließende Podiumsdiskussion mit Vertreterinnen des Frauenzentrums sowie des brandenburgischen Landtags sich mit der Frage beschäftigen, was getan werden muss, um eine Gleichstellung der Frau zu erreichen. Gut 40 Menschen waren dieser Einladung gefolgt, verfolgten gespannt die Aufführung und nahmen an der anschließenden Diskussion teil.

Claudia von Gélieu inszenierte Clara Zetkin. In Berlin ist sie Teil der „FRAUENTOUREN“ Berlin, die wichtige Orte für die Frauenbewegung in den Fokus stellen. Die Schauspielerin selbst war vor einigen Jahrzehnten Mitglied der SPD. Verlassen hatte sie diese laut eigener Angaben, „weil dort nach der Wende keine Diskussionen mehr möglich waren“.

„Politik muss bei den Menschen ankommen“

Angekündigt wurde die Darstellung Clara Zetkins mit Blick auf die Anfänge des internationalen Frauenkampftages, die großen Kämpfe ihres Lebens und die Frage nach der Gleichstellung der Frau. Tatsächlich handelte es sich bei der Performance um einen geschichtlichen Überblick mit dem Augenmerk auf die Jahre zwischen 1914 und 1933.

Der bildhafte Geist von Clara Zetkin thematisierte Aspekte, die auch heute brandaktuell sind. Neben dem Erstarken rechter Kräfte und der allzeit wichtigen Frage der erfolgreichen, generationsübergreifenden politischen Arbeit machte sie auch auf den §218 StGB aufmerksam. Auch heute, mehr als 100 Jahre später, müssen wir noch immer dafür kämpfen, dass Schwangerschaftsabbrüche nicht kriminalisiert werden. Clara Zetkin schien sich bereits vor 100 Jahren mit den Problemen herumzuschlagen, vor denen wir auch heute noch stehen.

Ein Satz, den die Künstlerin in ihrer Rolle als Clara Zetkin betonte, blieb mir jedoch noch stärker im Gedächtnis: „Der Fokus der Politik muss auf dem Alltag liegen, die Politik muss bei den Menschen ankommen und für sie spürbar sein…“

„Frauen brauchen Männer, die ihnen den Rücken freihalten“?

Für die anschließende Podiumsdiskussion wurden neben Claudia von Gélieu zusätzlich Anke Schwarzenberg (MdL Die Linke), und Kerstin Kircheis (MdL SPD), auf die Bühne geholt. Gleich zu Beginn wurde über das frisch vom brandenburgischen Landtag verabschiedete Paritätsgesetz debattiert, welches festlegt, dass das weibliche wie auch männliche Geschlecht mit mindestens 40% unter den Angeordneten vertreten sein sollen. Als erstes Bundesland führt Brandenburg ein solches Gesetz ein. Umgesetzt werden soll es ab dem Jahr 2024. Bis dahin rechnen die Landtagsabgeordneten jedoch noch mit der ein oder anderen Klage gegen das Gesetz.

In den folgenden Redebeiträgen der beiden Abgeordnetinnen zu diesem Gesetz fallen fragwürdige Aussagen. So sieht Schwarzenberg das Gesetz als Erfolg, wie es mit anderen Geschlechtern außerhalb von Mann und Frau aussieht „bleibt abzuwarten“. Solche Aussagen klingen für mich wenig fortschrittlich und kämpferisch.im

Nachfolgend werfen beide Politikerinnen mit Klischees um sich, wie ich persönlich es lange nicht erlebt habe. Auf die Frage, wie es ermöglicht werden könne, dass mehr Frauen in der Politik aktiv werden, gibt es keine konkreten Ideen. Sätze wie „Frauen wollen angesprochen werden, sie schreien nicht hier“, „Männer können sich besser vernetzen, ich weiß aber nicht woran das liegt“ oder „Frauen brauchen einen Mann, der ihnen den Rücken frei hält“ von Schwarzenberg lassen mich missmutig erahnen, dass so sicher keine Frauen für die Politik gewonnen werden. Auch Kircheis stimmt mich dahingehend nicht optimistischer mit ihrer Aussage, dass es nur mehr Vorbilder, passendere Uhrzeiten und Ehemänner brauche, die ihre Frauen unterstützen. Einen kleinen Lichtblick gibt die Schauspielerin Gélieu mit ihrer treffenden Aussage, dass unser politisches System seit 150 Jahren männlich sei und es Zeit werde, dieses System zu ändern.

„Ich will dort kämpfen, wo das Leben ist“

Zuletzt darf sich auch das Publikum äußern, und es gibt nicht wenige kritische und kämpferische Stimmen. Einer der wenigen Männer, die bei der Veranstaltung anwesend sind, kritisiert die fehlende Fortschrittlichkeit der genannten Thesen. Eine der Frauen ruft alle Anwesenden dazu auf mutig und laut zu sein. Andere berichten von ihren persönlichen Erfahrungen. Der Wunsch nach Austausch und greifbaren sowie fortschrittlichen Lösungen ist spürbar.

Die Inszenierung Clara Zetkins war durchaus sehenswert und auch der anschließenden Diskussion können interessante Gedanken abgewonnen werden. Doch wenn wir Clara Zetkin betrachten und über ihr Leben sprechen, dann vermisse ich in dieser Veranstaltung einige Aspekte: Es sollte nicht unter den Tisch gekehrt werden, dass Clara Zetkin Sozialistin war. Und dann muss auch darüber gesprochen werden, in welcher Beziehung das Patriarchat und das Kapital zueinander stehen. Außerdem sollten nicht nur Tipps wie ein „unterstützender Ehemann“ und „typisch weibliche“ Charaktereigenschaften Einzug in eine Diskussion zur Gleichstellung der Geschlechter finden. Und schließlich muss ich die Ursachen für die tatsächlichen Lebensbedingungen der Frauen untersuchen und dort ansetzen. Ob wir uns nun im Parlament oder lieber auf der Straße engagieren, in einer Partei oder in unserem Kiez, unpolitisch sind wir sicher nicht. Denn Clara Zetkin wusste es schon vor 100 Jahren: „Ich will dort kämpfen, wo das Leben ist.“

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