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Dienstag, März 5, 2024
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    Polizei erschießt Mann in Neukirchen-Vluyn in seiner Wohnung

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    Bei einem Einsatz im Kreis Duisburg/Neukirchen-Vluyn erschießt die Polizei einen 50-jährigen Mann, der seinen Verletzungen später erliegt. Der Mann soll unter psychischen Erkrankungen gelitten haben. – Schießt die Polizei zu voreilig?

    Der Polizeimeldung der Polizei Duisburg zufolge alarmierte ein Zeuge Dienstagabend die Polizei. Auslöser dafür sei ein 50-jähriger Mann gewesen, der in seiner Wohnung randaliert, laut geschrieen und Gegenstände aus dem zweiten Stock geworfen haben soll. Als die Polizei eintraf und die Wohnungstür gewaltsam öffnete, soll der Mann sie mit einem Fleischermesser bedroht haben.

    Daraufhin verließ die Polizei die Wohnung wieder, und eine Spezialeinheit wurde zum Einsatzort gerufen. Als diese die Wohnung betrat, habe der Mann die Polizist:innen mit dem Messer angegriffen. Die Beamt:innen hätten daraufhin mehrere Schüsse abgeben, wobei der Oberkörper des Mannes getroffen worden sein soll. Der verletzte Mann wurde in ein Krankenhaus gebracht, wo er wenig später verstarb.

    Einsatz von Schusswaffen sind keine Seltenheit

    Die bekanntgewordenen Fälle von Schusswaffeneinsätzen durch die Polizei haben in den letzten Jahren wieder leicht zugenommen. Im Jahr 2019 wurden Schüsse in insgesamt 62 Fällen direkt auf Personen abgegeben, in 44 anderen Fällen wurden sie als “Warnschüsse” klassifiziert. Das Ergebnis: 30 Verletzte und 15 Tote. Soweit die offizielle Statistik.

    Hinzuzufügen ist auch, dass dies nicht die Gesamtzahl bei Polizeieinsätzen ums Leben gekommener Menschen abbildet, sondern lediglich die Zahl derjenigen, die von der Polizei erschossen wurden. Fälle von Menschen, die nach anderen Formen körperlicher Gewalt (zum Beispiel auf Demonstrationen oder bei Festnahmen) versterben, gehen nicht in diese Statistik ein. Ein Beispiel hierfür ist der Tod des Griechen Giorgos Zantiotis im letzten Jahr in Wuppertal.

    Die Polizei rechtfertigt den Gebrauch der Schusswaffe in der Regel mit der unmittelbaren Bedrohung von “Leib und Leben” der Polizei. Von einer Gewaltspirale der Bevölkerung gegenüber der Polizei lässt sich jedoch in der Statistik wenig finden.

    Ganz im Gegenteil: Die Zahl der durch die Polizei erschossenen Menschen stieg in den letzten zehn Jahren wieder stark an und lag in den letzten fünf Jahren fast durchgehend bei mindestens 10 Personen.

    Die Zahl der getöteten Polizeibeamten im Vergleich dazu ist stark zurückgegangen: Ende Januar 2022 waren zwei Polizist:innen im Landkreis Kusel, Rheinland-Pfalz erschossen worden. Zuvor hatte die Polizei jedoch in den Jahren 2017 bis 2021 keine einzige erschossene Beamt:in zu beklagen.

    Opfer sind häufig Menschen mit psychischen Erkrankungen

    Betrachtet man die einzelnen Fälle, wie sie in der Presse dokumentiert werden, so drängt sich unmittelbar der Eindruck auf, dass die Erschossenen in überproportional vielen Fällen unter psychischen Erkrankungen litten.

    Erst im Oktober 2021 wurde ein 40-jähriger Mann aus dem Sudan in einem Geflüchtetenheim in Harsefeld von der Polizei erschossen. 2020 erschossen Beamte in Berlin eine 33-jährige Frau in ihrer Wohnung.

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    Auch im aktuellen Fall berichtet die Presse, der Getötete habe unter psychischen Erkrankungen gelitten.

    Weniger Polizei, weniger Tote?

    Die Zahlen aus Deutschland – so tragisch sie sind – reichen natürlich bei weitem nicht an die enorme Tötungsrate von Polizist:innen in anderen Ländern wie zum Beispiel den USA an. Es verwundert daher nicht, dass die Bewegung gegen Polizeigewalt und Polizeimorde in den USA bereits eine ganz andere gesellschaftliche Dimension angenommen hat.

    Im Zusammenhang mit der “Black Lives Matter”-Bewegung erhielt auch die schon lange bestehende Bewegung Aufschwung, die für eine Abschaffung beziehungsweise für eine starke Verkleinerung der Polizei eintritt.

    Eine häufige Argumentationslinie aus diesen Kreisen besteht darin, dass die Polizei schlicht nicht die richtige Institution für den Umgang mit vielen Situationen sei: statt bewaffneter Polizist:innen seien häufig eher Psycholog:innen oder Sozialarbeiter:innen nötig.

    Ist eine Welt ohne Polizei möglich?

    Der Fall aus Neukirchen-Vluyn könnte Verfechter:innen ähnlicher Ideen in Deutschland auf den Plan rufen. Immerhin hatte die Polizei die Wohnung des getöteten Mannes zwischenzeitlich wieder verlassen. Statt psychologischer Hilfe jedoch wurde eine Spezialeinheit gerufen, die ihn dann erschoss.

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