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Dienstag, März 5, 2024
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    Frauenmorde von Italien bis Deutschland: Schwester der Ermordeten Giulia C. sieht Ursache im Patriarchat

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    Bei der Trauerfeier für die im November von ihrem Ex-Freund ermordete italienische Studentin Giulia Cecchettin am Dienstag sprach sich ihre Schwester erneut für den Kampf gegen das Patriarchat aus. Es war der 106. Femizid 2023 in Italien, in Deutschland sind bereits 171 Frauenmorde dieses Jahr gemeldet. In Italien kam es bereits im Vorfeld des jährlichen Gedenktags gegen die Gewalt an Frauen zu großen Demonstrationen.

    Die italienische Studentin Giulia Cecchettin wurde am Samstag, den 18. November, in Italien tot aufgefunden, nachdem sie über eine Woche lang gesucht worden war. Zur gleichen Zeit war ihr ehemaliger Freund verschwunden. Der Tatverdächtige wurde am selben Abend in Deutschland festgenommen. Es war der 106. Femizid in Italien. Die Tat gilt deshalb als sogenannter “Femizid”, weil der Täter seine ehemalige Freundin daran hindern wollte, ihn endgültig zu verlassen. Auch Elena, die Schwester von Giulia, nannte die Tat immer wieder einen Femizid, für sie steht das Patriarchat als Ursache fest.

    Am Dienstag, den 5. Dezember 2023, fand die Trauerfeier in Gedenken an Giulia Cecchettin in Italien statt. Mehrere tausend Menschen waren in der Basilika Santa Giustina in Padua und auf dem Kirchenvorplatz, einem der größten Plätze Europas, zusammengekommen.

    Schwester der Ermordeten spricht von Frauenmord und Patriarchat

    Bereits kurz nach der Tat im November ordnete Elena Cecchettin den Femizid an ihrer Schwester Giulia gesellschaftspolitisch ein: „Denken Sie an die Zeit, als Sie eine Frau respektlos behandelt haben, weil sie eine Frau war, als Sie jemanden respektlos behandelt haben, nur weil sie eine Frau war, und vielleicht haben Sie mit Ihren Freunden sexistische Kommentare abgegeben.“ Ein Beispiel für patriarchales Verhalten sieht sie etwa in der sogenannten „Umkleideraum-Ironie“, wo Männer unter sich frauenfeindliche Äußerungen tätigten. Das könne bis zum Femizid führen.

    Dieser 106. Frauenmord in Italien müsse nun endlich Anlass zum Hinterfragen werden: „Solange Männer nicht (…) erkennen, welche Privilegien sie in dieser Gesellschaft haben, werden wir nichts erreichen“, so Elena weiter. Damit ist das Patriarchat gemeint. Elena Cecchettin forderte dazu auf, das Problem der Unterdrückung von Frauen systemisch zu betrachten, statt auf Giulias Ex-Freund Filippo als Einzeltäter zu schauen. Filippo sei „kein Monster”, sagte sie im Fernsehen, „er ist Kind des alles durchdringenden Patriarchats“ und einer „Kultur der Vergewaltigung”, so Elena.

    Frauen kämpfen gemeinsam gegen Krieg, Krise und Patriarchat

    Besitzanspruch führte zu Frauenmord

    Seit etwa 2021 war Giulia mit Filippo Turetta zusammen, der wie sie aus Vigonovo stammte und an derselben Universität studierte. Im Sommer 2023 trennte sich das Paar – Filippo sei der jungen Frau, die kurz vor ihren Abschlussprüfungen stand, zu besitzergreifend geworden. Nach Erkenntnissen der Polizei waren die beiden am 11. November 2023 in einem Einkaufszentrum unweit des Wohnortes zu einem Gespräch verabredet. Zeugen berichteten später, sie hätten einen Streit beobachtet. Anschließend waren die beiden unauffindbar und wurden als vermisst gemeldet.

    Auf einem später gesichteten Überwachungsvideo war dann zu sehen, wie Filippo Turetta seine Ex-Freundin zuerst im Auto und dann auf dem Parkplatz schlug, bis sie blutend zu Boden ging. Zudem wurden über 20 Stichwunden an Giulias Körper gefunden.

    Am 25. November 2023 wurde er von Deutschland an Italien ausgeliefert. Vor der Staatsanwaltschaft hat er die Tat gestanden und gesagt, dass er etwas Schreckliches getan habe, aber dass Giulia niemand anderem hätte gehören dürfen. Es gibt Hinweise darauf, dass Turetta die Tat geplant hatte.

    Kampf gegen das Patriarchat von Italien bis Deutschland

    Der 25. November ist auch der “Internationale Tag gegen die Gewalt an Frauen”. Jeden dritten Tag stirbt in Italien eine Frau durch häusliche Gewalt – die Zahlen sind damit ähnlich hoch wie in Deutschland, wo mit dem heutigen Tag 171 Femizide verzeichnet sind. Die Dunkelziffer dürfte in beiden Fällen viel jedoch höher liegen. Die alltägliche patriarchale Gewalt von Männern gegenüber Frauen, unterhalb der Schwelle einer Mordtat, ist dabei kaum zu erfassen.

    Nach dem Tod Giulias demonstrierten Schülerinnen und Schüler von Norditalien bis nach Messina. Das gemeinsame Symbol für den Protest ist ein Schlüsselbund, der laut geschüttelt wird. Dabei richten sie sich auch gegen Giorgia Meloni, obgleich diese die erste Frau an der Spitze Italiens ist. Auch die Anführerin der größten Oppositionspartei PD, Elly Schlein, ist erstmals eine Frau.

    Dabei hat Ministerpräsidentin Giorgia Meloni (Fratelli d’Italia, zu deutsch: Brüder Italiens) betroffen und besorgt Stellung genommen, Gewalt gegen Frauen beklagt und deren Recht auf ein selbstbestimmtes Leben verteidigt. Als Reaktion auf die starke Solidarisierungskampagne mit Giulia verabschiedete das Parlament kurzerhand eine Reform zur Verschärfung des Schutzes von Frauen vor Stalking.

    Italien: Ultrarechte Regierung im Amt

    Zuvor hatte die Regierung bereits geäußert, die Geburtenrate in Italien steigern zu wollen und hierzu unter anderem Steuersenkungen für Familien mit Kindern durchzusetzen. Das Familienministerium wird von Eugenia Roccella (Fratelli) geführt, die sich bislang als Abtreibungsgegnerin und gegen LGBTI+ profiliert hat. Schon in den vorangangenen Jahren hatte die Fratelli in Regionalregierungen die Anwendung des Abtreibungsrechts eingeschränkt.

    Ähnlich wie mit Annalena Baerbock hierzulande sind mit der Stellung einzelner Frauen in Führungspositionen jedoch keine Änderungen der Gesellschaft einhergegangen, wie sie beispielsweise Elena und viele andere fordern. Zum Kampftag am 25.11. diesen Jahres kamen daher viel mehr Frauen aus der Arbeiter:innenklasse zusammen, um gegen die bürgerlichen Regierungen und für ein Ende des Patriarchats im Sozialismus zu kämpfen.

    Proteste zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen 2023

    Während in Deutschland in vielen Städten hunderte Frauen demonstrierten, waren es beispielsweise in Rom rund 500.000 Frauen und Männer. Auch dort hatten weder Gewerkschaften noch Parteien mobilisiert. Speziell in Deutschland wurden diese Aktionen in erster Linie von eigenständigen Frauenbündnissen organisiert.

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