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Montag, April 22, 2024
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    Jugend wird zunehmend besorgter

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    Eine europaweite Studie hat ergeben, dass Schüler:innen in Deutschland angesichts der vielen Krisen und Kriege immer besorgter sind. Gleichzeitig wollen sie aber auch mehr über Politik diskutieren. Hier gilt es klassenkämpferische Sichtweisen in die Schulen zu tragen. – Ein Kommentar von Luis Tetteritzsch.

    An der Studie der ICCS, der International Civic and Citizenship Education Study, haben insgesamt 24 Länder und Regionen teilgenommen, darunter 21 aus Europa. In Deutschland wurden hierfür 4.800 Schüler:innen der achten Klasse aus den beiden Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein befragt.

    Die Erhebung der Studie fand im Frühjahr 2022 während der auslaufenden Corona-Pandemie und wenige Wochen nach dem Ausbruch des Krieges um die Ukraine statt. Diese Zeit war nicht nur von wirtschaftlicher Unsicherheit und Existenzängsten angesichts der anhaltenden Wirtschaftskrise von 2018/2019 mit steigender Inflation und Preissteigerungen geprägt. Sie definierte sich ebenfalls durch eine sogenannte „Zeitenwende“ auf dem Spielbrett der Imperialisten, die sich durch Aufrüstungsoffensiven und Kriegspropaganda – oft ganz gezielt auf Jugendliche zugeschnitten – auf neue Kriege vorbereiten.

    Ein Jahr Zeitenwende: Deutschland auf Kriegskurs

    Genau diese Tatsachen spiegeln sich auch in den Ergebnissen der Studie wider. Während 57 Prozent der Jugendlichen aus den 27 Mitgliedsstaaten Frieden in Europa für wahrscheinlich halten, stehen Schüler:innen aus NRW (36 Prozent) und Schleswig-Holstein (34 Prozent) der Aussicht auf Frieden in Europa eher skeptisch gegenüber.

    Auch die Angst vor Armut und Arbeitslosigkeit und vor dem zunehmenden Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich wächst unter den Jugendlichen in Deutschland im Vergleich zum EU-Durchschnitt besonders stark.

    Dennoch scheint das Vertrauen in die EU und ihre Institutionen unter den befragten Schüler:innen noch recht hoch zu sein. Trotz einer allgemein wachsenden „Euroskepsis“ sehen die meisten Jugendlichen die europäische Union positiv für die Wirtschaft. Insgesamt 80 Prozent der 14-jährigen Schüler:innen in Deutschland sind auch davon überzeugt, dass es wichtig sei, an allen Bundestagswahlen teilzunehmen. Dennoch ist international wie auch in Deutschland seit der letzten Befragung bei ICCS 2016 ein Rückgang des Vertrauens in politische Institutionen um 5-10 Prozent zu verzeichnen.

    Die Jugend ist wütend – und das zu Recht

    Wie es bei einer Studie, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und international auch von der Europäischen Union (EU) finanziell unterstützt wird, schwerlich anders sein zu erwarten ist, zielt die Untersuchung keineswegs auf eine wirkliche Lösung der Problemursachen ab und formuliert Lösungsansätze, die insbesondere im Interesse der beteiligten Partien sind.

    Das rückläufige Vertrauen in der Jugend gegenüber politischen Institutionen soll dem Bericht folgend mit einem gezielten Fokus auf Europa nicht nur durch politische Bildung gestärkt werden, diese solle „auch einen bedeutenden Beitrag zur Formung […] eines europäischen Bewusstseins“ leisten.

    Der Grund, warum Jugendliche ihr Vertrauen in politische Institutionen verlieren, liegt aber weder an einem fehlenden „europäischen Bewusstsein“, noch bedeutet es unbedingt etwas Schlechtes. Es ist eigentlich sogar sehr verständlich, wenn die Jugend unzufrieden und wütend auf die Politik der Bundesregierung ist.

    Immerhin ignoriert die Ampel-Koalition seit Jahren Forderungen nach einem konsequenteren Kampf gegen die fortlaufende Klimakrise. Konsorten wie Olaf Scholz (SPD), Annalena Baerbock (Grüne) oder Boris Pistorius (SPD) spielen außerdem mit unserer Zukunft, wenn sie die Kriege auf der Welt mit deutschen Waffenlieferungen befeuern oder Monat für Monat erneut nach der Wiedereinführung der Wehrpflicht oder der Musterung für die Bundeswehr rufen.

    Und auch in Sachen Wirtschaft werden wir Jugendlichen von der Regierung am Rand stehen gelassen, wenn sie lieber Milliarden fürs Militär und die eigenen Großkonzerne ausgibt, aber gleichzeitig die Gelder für BAföG und Bildung zusammenstreichen. Kein Wunder also, dass Jugendliche nach einer Alternative suchen und diese vielleicht nicht in den bürgerlichen Institutionen finden, sondern im Kampf gegen das gesamte Gesellschaftssystem auf der Straße.

    Klassenbewusstsein statt „europäisches Bewusstsein“

    Zudem reiht sich das Gerede eines „europäischen Bewusstseins“ ein in die unzähligen Phrasen, die uns deutsche Politiker:innen an den Kopf werfen, um eine vermeintliche „Einheit“ zwischen uns Arbeiter:innen und ihnen vorzugaukeln. Weder sitzen wir alle im gleichen Boot mit Olaf Scholz, noch müssen wir alle „für den Frieden frieren“ und „wir“ brauchen auch kein spezifisch europäisches Bewusstsein.

    „Ein WIR gibt es nur als Jugend der Arbeiter:innenklasse“

    Was wir brauchen, ist ein Bewusstsein darüber, warum Krisen und Kriege entstehen, wer dafür verantwortlich ist, wie wir dagegen ankämpfen können und was unsere Perspektive sein kann. Wir Arbeiter:innen sind es, die unter den durch den Kapitalismus verursachten Krisen und Kriegen leiden, nicht die Kapitalist:innen. Sie sind dafür verantwortlich und profitieren davon, wenn die Politik in Bildung und Sozialem die Gelder kürzt und stattdessen an Konzerne verschenkt. Sie sind es, die davon profitieren, wenn Kriege um neue Rohstoffe, Arbeitskräfte und Machteinflüsse geführt werden, während wir Arbeiter:innen für genau diese Interessen an der Front verheizt werden sollen.

    Ihrem „europäischen Bewusstsein“ müssen wir also ein Klassenbewusstsein entgegenstellen, welches das kapitalistische System klar als Ursache von Krieg und Krise erkennt, weshalb die einzige Lösung für unsere Probleme in seiner Überwindung besteht.

    Schulen als politische Kampffelder erobern!

    Genau dieses Bewusstsein müssen wir auch an die Orte tragen, wo wir Jugendlichen einen Großteil unseres Lebens verbringen: in die Schule. Umso besser, dass laut der Studie circa drei Viertel der Jugendlichen über politische Themen diskutieren wollen. Hier gilt es, nicht nur die von Bildungsministerium und Staat vorgegebenen Lerninhalte zu hinterfragen, sondern selbständig dafür zu sorgen, dass die brennenden Inhalte in die Schule, den Unterricht und auf den Pausenhof getragen werden.

    Weder die Regierung noch die Politik werden uns dabei helfen, die Kriege zu beenden und Krisen zu überwinden. Wir Jugendliche müssen es selbst in die Hand nehmen, wenn wir uns eine Zukunft erkämpfen wollen. Dafür müssen dafür in vorderster Reihe gegen die Angriffe auf unsere Klasse stehen und uns die Schulen als unsere politischen Kampffelder zurück erobern.

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