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Mittwoch, Mai 29, 2024
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    Israel automatisiert den Völkermord: KI-Einsatz und menschliche Schuld

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    Enthüllungen durch israelische Soldat:innen haben durch KI automatisierte Kriegsverbrechen der israelischen Streitkräfte ans Tageslicht gebracht. Die israelische Armee leugnet die Enthüllungen. Wird der Mensch aus der Schuld entlassen, wenn die KI die Kriegsverbrechen übernimmt? – Ein Kommentar von Johann Khaldun.

    Der israelische Investigativjournalist Yuval Abraham hat auf der Grundlage der Aussagen von sechs Mitgliedern der israelischen Eliteeinheit 8200 im israelisch-palästinensischen Online-Magazin 972 sowie beim britischen Guardian enthüllt, dass die israelischen Streitkräfte bei ihrem Völkermord an den Palästinenser:innen massiv auf künstliche Intelligenz (KI) zurückgreifen.

    Die KI namens „Ezovion“ (dt. Lavendel) sucht auf der Basis variabler, von Menschen festgesetzter Kriterien den Standort potentieller Mitglieder der Hamas sowie des Islamischen Dschihads in Palästina (Palestinian Islamic Jihad, PIJ) heraus. Diese Ziele werden dann durch sogenannte „dumb bombs“ (dumme Bomben) bombardiert. Dabei werden zivile Opfer nicht nur in Kauf genommen, vielmehr gibt es offenbar regelrecht Verteilungsschlüssel dafür, wie viele Zivilist:innen pro niederen Hamas-Kader getötet werden dürfen. So entfallen auf einen Hamas-Fußsoldaten bis zu 20 Zivilist:innen. Bei höherrangigen Soldaten wurde selbst diese Grenze noch angehoben.

    Die ausgewählten Ziele werden dann durch Menschen geprüft. Dabei entfallen bei dieser „Prüfung“ nur etwa 20 Sekunden auf ein Ziel. Es geht dann dabei nicht darum, ob es sich um ein gerechtfertigtes Ziel handelt und wie viele Zivilist:innen dabei ermordet werden – vielmehr geht es bloß darum, festzustellen, ob es sich bei dem Ziel um einen Mann oder eine Frau handelt. In letzterem Fall kann das Ziel ausgeschlossen werden. Auf diese Weise wurden zwischenzeitlich bis zu 37.000 Ziele durch die KI erfasst.

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    „Dumb bombs“ werden für die Bombardierung verwendet, weil diese vergleichsweise wenig kostet. Dafür verfügen sie über wenig Präzision, sodass in der Regel gleich ganze Wohngebäude mitsamt allen unbeteiligten Bewohnern vernichtet werden. Einer der Elitesoldaten sagt darüber: „Üblicherweise haben wir die Angriffe mit dumb bombs durchgeführt, das bedeutete, dass wir sprichwörtlich das gesamte Haus auf die Einwohner:innen einbrechen ließen. Selbst wenn ein Angriff schiefging, war uns das egal – du gehst sofort zum nächsten Ziel über. Denn durch das System gehen dir die Ziele niemals aus. Es warten weitere 36.000 Ziele auf dich.“

    Eine weitere KI namens „Habsora“ (dt. Evangelium), die mit der „Lavender”-KI verbunden ist, wählt dabei sogar ganz gezielt keine Individuen, sondern Gebäude zur Zerstörung aus. „Es gab Bestimmungen, aber die wurden sehr locker ausgelegt. Wir haben Menschen durch Kollateralschäden in den hohen zweistelligen, wenn nicht sogar in niedrigen dreistelligen Zahlen getötet“, so einer der israelischen Soldaten. Ein anderer sagt: „Es geht nicht nur darum, dass man jede Person tötet, die ein Hamas-Soldat ist, was nach internationalem Recht eindeutig ein erlaubtes und legitimes Ziel ist. Aber sie sagen dir direkt: «Du darfst sie neben zahlreichen Zivilist:innen töten.» In der Praxis besteht das Kriterium der Proportionalität nicht.“

    Israel streitet ab, doch die Fakten sprechen für sich

    Die Israelische Armee IDF streitet die Enthüllungen in einer Stellungnahme ab. Die KI-Technologien seien bloß zur Identifizierung von Zielen genutzt worden. Die Ziele selbst hätten von Analyst:innen überprüft werden müssen, so dass es zu keinem Bruch mit den Völkerrecht gekommen sei: „Die IDF nutzt kein KI-System, das terroristische Kämpfer identifiziert oder versucht vorauszusagen, ob eine Person ein Terrorist ist. Informationssysteme sind lediglich Analysehilfsmittel im Zielidentifizierungsprozess.“

    Im Gegensatz zu diesen fadenscheinigen Aussagen erklären Militärspezialist:innen, dass die Enthüllungen eine Erklärung für die enorm hohen zivilen Opferzahlen des israelischen Vernichtungskriegs bieten. So ist die naheliegende Interpretation der Enthüllungen schlicht, dass die KI-Systeme, wie sie Israel einsetzt, nicht etwa der Identifizierung von „Terroristen“ dient. Vielmehr handelt es sich um ein Mittel, den Völkermord einerseits durch den Deckmantel einer Scheinrationalität herunterzuspielen, andererseits die Vernichtung möglichst effektiv durchzuführen.

    Daher sind selbst die – nach den Aussagen der Eliteeinheiten – ohnehin schockierenden Richtwerte der akzeptablen zivilen Opfer nur formale Vorgaben, die in der Praxis ausgehebelt sind. Denn es geht schlicht nicht darum, die Hamas zu besiegen, sondern das siedler-koloniale Projekt Israels zum Abschluss zu bringen. Einer der Whisteblower berichtet: „Wir wurden ständig unter Druck gesetzt: „Bringt uns mehr Ziele. Sie haben uns wirklich angeschrien. Man sagte uns: jetzt müssen wir Hamas fertig machen, egal um welchen Preis. Egal was, ihr bombardiert.“

    Bei faschistischen oder wie im Falle Israels siedler-kolonialen Ländern kommt zu diesem hochtechnologisch gestützten Vernichtungshandwerk oft auch noch ein barbarischer Aspekt, der dem spezifisch rassistischen Hass der Täter:innen entwächst. So führt Israel zugleich eine Aushungerungskampagne gegen die Palästinenser:innen durch, die nicht weniger auf Vernichtung als auf Vertreibung dieser Menschen aus ihrer Heimat zielt.

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    Palästinensische Menschen werden zugleich direkt und indirekt – durch Bombardements und forcierten Hungertod – vernichtet und vertrieben. Israel versucht sich final, die Kolonialgebiete zu erobern, die es seit seiner Gründung im Auge hat. Die Radikalität, mit der Israel dabei vorgeht, erklärt sich daraus, dass dem Staat international immer mehr die Rückendeckung verloren geht. Selbst unter jungen Demokrat:innen und der allgemeinen Parteibasis in den USA ist die Mehrheit auf palästinensischer Seite. Es macht sich dadurch Panik unter den zionistischen Siedler:innen in Israel breit. Jetzt muss ihr Projekt endlich beendet werden, oder die Chance wird verpasst – koste es, was es wolle.

    Künstliche Intelligenz und menschliche Moral

    Ein spezifischer Vorteil des Einsatzes künstlicher Intelligenz ist die Illusion, dass dabei die menschliche Täterschaft und damit die Schuld ausgeklammert werden. Indem die Fähigkeiten der Technologie so dargestellt werden, als handele es sich um tatsächlich denkende Maschinen und nicht nur um recht einfache Algorithmen und Mustererkennungssoftwares, wird ihr die Möglichkeit zur Moralität zugeschrieben. Dadurch entlasten sich die Soldat:innen, die die Morde bewilligen müssen, von ihrer Schuld.

    Aber auch die imperialistischen Gesellschaftsverhältnisse, die diese Technologien entwickeln, formen, programmieren und mit bestimmten Zielen ausstatten, gehen hinter dem Schein der Eigenständigkeit der „künstlichen Intelligenz“ verloren. Doch ohne diese bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse hätte man es statt mit Computerchips oder Drohnen mit nichts anderem als einem Stück Sandstein zu tun. Nur durch menschliche Arbeitskraft und unser Denkvermögen eignen wir uns die Naturgesetze in immer tieferer Form an, nutzen sie im Rahmen des Möglichen für unsere Absichten und schaffen selbst den ganzen gewaltigen Bau der Kultur und Technik.

    Die Moral ist damit nicht ausgeschaltet. Nein, sie erhält erst durch uns selbst ihr Dasein. Aus der Perspektive der Herrschenden in Israel ist der Einsatz KI-gesteuerter Vernichtungswaffen mit großem Kollateralschaden moralisch zu befürworten, denn er dient ihren Zielen: der finalen Eroberung dessen, was sie als den israelischen Nationalraum bestimmt haben – also das gesamte Gebiet vom Roten Meer über Gaza und das Westjordanland bis zu den Golanhöhen.

    Für die Mehrheit der Menschheit, die unter den Schlägen des Imperialismus leidet, die mit den Unterdrückten Mitgefühl empfinden und denen das Herz dabei zerbricht, wenn sie sehen müssen, wie Israel rücksichtslos versucht, ein Volk zu vernichten, sieht die Sache anders aus. Für keinen kann hier von einer Situation jenseits der Moral gesprochen werden, nur weil „künstliche Intelligenz“ zum Einsatz kommt.

    Dieser Krieg steht in der Tradition kolonialer, imperialistischer, ja faschistischer Verbrechen, wie sie das gesamte kapitalistische Zeitalter auszeichnen. Er erinnert uns in aller Brutalität daran, was die Aufrechterhaltung dieses Gesellschaftssystems, das man uns immer wieder als ewig, natürlich und unveränderlich verkauft, bedeutet. Israel wird nicht damit aufhören, die palästinensischen Menschen zu vertreiben und zu vernichten, wenn wir keine radikale, klassenkämpferische Antwort entwickeln können.

    Selbst wenn Israel, etwa unter dem Druck der USA, seinen Völkermord ein weiteres Mal aufschiebt – das heißt genau genommen, ihn auf das Niveau der letzten Jahre zurückschraubt, auf dem er vor der internationalen Öffentlichkeit noch als hinnehmbar erscheinen kann – kommt der nächste Krieg, die nächste entartete Technik zur Vernichtung menschlichen Lebens mit absoluter Bestimmtheit aus dem Schoße des Kapitals gekrochen.

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    • Perspektive-Autor seit 2023. Philosoph deutsch-algerischer Abstammung mit Fokus auf Arbeiter:innengeschichte und deutschem Idealismus. Vom Abstrakten zum Konkreten auf dem Weg der Vermittlung.

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