In der vergangenen Woche brachen an der armenisch-aserbaidschanischen Grenze in der Nähe der Stadt Tavush Kämpfe zwischen Militäreinheiten beider Seiten aus. Seit 1994 herrscht ein brüchiger Waffenstillstand, der immer wieder durch Feuergefechte und Scharmützel gebrochen wird. – Eine Einschätzung von Emanuel Checkerdemian

Zumeist entbrannten diese bewaffneten Konflikte in der Vergangenheit in Zusammenhang mit dem sogenannten Bergkarabach-Konflikt in eben jener Region. Mit dem Angriff auf Tavush, das im nördlichen Armenien, also nicht in Bergkarabach bzw. (armenisch) Artsakh, liegt, könnte nun eine neue Stufe der militärischen Auseinandersetzungen beginnen.

Wem gehört Bergkarabach?

Die Datierung des Beginns der Streitigkeiten über das Gebiet im Kaukasus ist nicht einfach zu treffen. Seit der Antike wetteiferten verschiedenste Großreiche um die gebirgige Region: Sassaniden, Mongolen, Osmanen und Russen gaben sich nahezu die Klinke in die Hand, ohne die Bevölkerungsstruktur zu ändern. Seit jeher war das Gebiet vorwiegend armenisch besiedelt und auch in armenische Fürstentümer aufgeteilt.

Mit der Aghet, dem Völkermord an den ArmenierInnen, verstärkte sich dieses Verhältnis noch. Zehntausende armenische Geflüchtete flüchteten in die Region, welche zu diesem Zeitpunkt unter der Herrschaft des russischen Zarenreichs stand.

Als Turkvolk schufen sich die Muslime eine „aserbaidschanische Identität“ – eine Nation, die vorher nie existierte – gegen die christliche Mehrheit. Mit dem Zerfall des Zarenreichs und der Oktoberrevolution ermächtigten sich die Türken Aserbaidschans – den Völkermord ihrer osmanischen Brüder fortsetzend. Unter der Führung Enver Paschas, der schon einer der Drahtzieher des „ersten Genozids“ war, eroberte man Baku und tötete dort bis zu 30.000 ArmenierInnen. Zwei Jahre später wiederholte sich ein solches Massaker in der Stadt Schuscha, wo die gesamte armenische Bevölkerung ausgelöscht wurde. Doch die ArmenierInnen wussten sich inzwischen zu wehren, und unter Führung der Daschnaken kam es immer wieder zu militärischen Auseinandersetzungen, bei denen auch von armenischer Seite Gräuel begangen wurden.

Erst 1922 konnte die Rote Armee Enver Pascha bei Kämpfen in Tadschikistan ein für alle Mal ausschalten. 1923 setzte Josef Stalin den Auseinandersetzungen vorerst ein Ende. Bergkarabach wurde zur Autonomen Republik der Aserbaidschanischen SSR erklärt. 94% der Bevölkerung waren zu diesem Zeitpunkt armenisch. Auch während der Sowjetzeit war das Verhältnis der „Bruderstaaten“ wohl eher stiefbrüderlich. Schon in den 1960iger Jahren wurden Forderungen laut, Bergkarabach der Armenischen SSR anzugliedern. 1988 beschloss der Gebietssowjet der Autonomen Republik Artsakh den Austritt aus der Aserbaidschanischen SSR.

In Folge dessen kam es zu Verkehrsblockaden, beidseitigen Vertreibungen und Pogromen, denen 30-100 ArmenierInnen zum Opfer fielen. Mit den Interventionen aus Moskau, dem Einsatz der Roten Armee, konnte die Lage kurzfristig beruhigt werden. 1989 gab Armenien dann die Vereinigung des eigenen Gebiets mit Artsakh bekannt, was zu erneuten Pogromen in Aserbaidschan führte. Nun flohen auch russische Familien. Es folgte der erste post-sowjetische Krieg in diesem Gebiet.

Das Ende der Sowjetunion – Der Anfang vom Krieg

Mit dem Zerfall der Sowjetunion war der Krieg um Artsakh bzw. Bergkarabach nur eine Frage der Zeit. Die aserbaidschanische Seite hatte in ihren Bemühungen, „Qarabağ“ von den ArmenierInnen zu säubern jedoch ein Problem. Sie hatte überhaupt keine Armee. Mit Hilfe afghanischer und pakistanischer Mujahedin, saudischer Finanziers, russischer Söldner und türkischer Faschisten baute man schnell mörderische Kräfte auf. Bis zu 3.000 pakistanische und afghanische Islamisten kämpften auf Seiten Aserbaidschans im Krieg von 1992-1994. Dies belegen zahlreiche Dokumente. Gesichert ist auch die Teilnahme von tschetschenischen Islamisten unter der Führung von Schamil Basajew. Auch die Aserbaidschaner selbst bildeten Milizen und Militärs, die sogenannten OMON-Einheiten.

Mit dem türkisch-aserbaidschanischen Nationalismus und dem „internationalistischen“ Islamismus formte sich eine Melange des Bösen, geeint im Willen zu vernichten. Mögen die Einen „mindere Rassen“ zur Vernichtung ausgerufen haben, so taten die Anderen dies gleichsam gegen „die Ungläubigen“. Das Ergebnis war das Selbe: Ausrottung der christlichen ArmenierInnen.

Auf armenischer Seite kämpften neben der regulären Armee auch revolutionäre Kräfte:
SozialistInnen der ehemaligen Armenischen Geheimarmee zur Befreiung Armeniens (ASALA) – die unter anderem der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) nahe stand – stritten für die Befreiung der armenischen Bevölkerung Artsakhs und gegen die mörderischen Islamistenbanden. Sie brachten Expertise im Guerillakampf mit, den sie in den Jahrzehnten zuvor gegen die Türkei geführt hatten. 1994 „endete“ der Krieg mit der vollständigen Verteidigung der armenischen Gebiete, wo die Karabach-ArmenierInnen als Republik Artsakh den eigenen Staat ausriefen, sowie einem Waffenstillstand.

Bis heute gibt es also kein Friedensabkommen, und immer wieder kam es zu kleineren bewaffneten Auseinandersetzungen. Die Scharmützel waren meist von kurzer Dauer und konzentrierten sich auf die Region um Artsakh. Der neuerliche Ausbruch hat da eine andere Qualität, nicht nur, weil er sich auf das armenische Kernland konzentriert.

„Tod den Armeniern – Tod den Ungläubigen“

Die militärischen Aggressionen der aserbaidschanischen Seite sowie die ideologische Unterfütterung in der Bevölkerung weisen eine neue Qualität auf: So konzentrierten sich die Artilleriebeschüsse auf die gemeinsame Grenze im Norden und nicht auf das umstrittene Bergkarabach Gebiet. Vor allem zivile Einrichtungen wie z.B. ein Kindergarten wurden Ziel des Beschusses. Zuletzt drohte man von aserbaidschanischer Seite, das einzige Atomkraftwerk des Landes zu beschießen. Welch verheerende Folgen ein solcher Angriff für die ganze Region hätte, kann man sich wohl ausmalen.

Auf der Welle des türkischen Faschismus und seiner militärischen Operationen greift auch in Aserbaidschan der Wille zur Expansion und zur „Vereinigung der Turkvölker“ um sich. So behauptete Präsident Ilham Alijew 2018, dass ganz Armenien historisch aserbaidschanisches Gebiet sei und man dementsprechend „zurückkehren“ müsse. In der Türkei stoßen diese panturkischen Parolen auf volle Zustimmung. Die faschistische MHP sieht in den Turkstaaten die Grundlage für ein Großtürkisches Reich (Turan), während die AKP-Regierung neoosmanische Interessen vertritt. Erdogan verkündete nach den Angriffen auf Armenien, dass „das Blut unserer aserbaidschanischen Brüder nicht vergossen“ werden darf. Das türkische Außenministerium erklärte, Aserbaidschan „mit allen Mitteln“ zu unterstützen. Scheinbar befinden sich auch schon Söldner aus Syrien mit türkischer Unterstützung auf dem Weg nach Aserbaidschan.

Politisch führt die aktuelle Situation in verworrene Verhältnisse. Die Lage im Kaukasus könnte sich als Pulverfass erweisen. Denn die türkisch-aserbaidschanischen Aggressionen rufen bereits jetzt Armeniens Schutzmacht Russland auf den Plan. Sollten die Kämpfe weitergehen, die Türkei praktisch involviert werden o.ä., könnte sich hier ein Stellvertreterkrieg herausbilden, der vor allem auch türkische und russische Interessen austrägt. Auch der Westen könnte einen Krieg gegen Armenien – anders als in Kurdistan – nicht ignorieren und wäre zum Handeln gezwungen. Dieser internationale Druck von und auf die verschiedensten Interessensgruppen in diesem Konflikt hat eine vollkommene Eskalation wohl bisher verhindert.

Doch darf man diese Patt-Situation nicht als falsche Sicherheit verstehen. Dem internationalen Druck auf die aserbaidschanische Führung steht nämlich ein national-religiöser entgegen. Mit den Selbstverteidigungsmaßnahmen des armenischen Militärs strömten Tausende auf die Straßen Bakus und anderer Städte, um für den Krieg gegen Armenien zu demonstrieren. „Tod den Armeniern“, „Allahu akhbar“ oder „Stoppt die Covid-Maßnahmen – Lasst uns in den Krieg“ waren die Parolen der Demonstrierenden.

Der Panturkismus und Faschismus lassen sich neben dem Islamismus also als klare Triebfedern der Proteste benennen. Diese Anknüpfung an die türkische Vernichtungsideologie zum Zwecke der Vereinigung der Turkvölker ist der Ruf nach der Fortsetzung der Aghet und umfasst lang- und kurzfristig alle nichttürkischen Völker der Region (AssyrerInnen, AramäerInnen, KurdInnen, AlevitInnen, EzidInnen etc.). Indes gehen kleinere Kämpfe in der Grenzregion weiter.


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