Unter dem Motto „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ hat zuletzt in Berlin ein erfolgreiches Volksbegehren zur „Enteignung“ großer Wohnungsunternehmen mit mehr als 3.000 Wohnungen stattgefunden. Deutschlands größter Wohnungskonzern „Vonovia“ scheint sich nicht davor zu fürchten, dass dies auch wirklich durchgesetzt wird: im dritten Anlauf kauft er nun die Mehrheit der Aktien der „Deutsche Wohnen SE“. Damit baut er seine Position als größtes europäisches Wohnungsunternehmen aus – und dürfte zur neuen Hassfigur der Mieter:innenbewegung werden.

In der Zentrale von Vonovia SE werden die Sektkorken geknallt haben: Am Donnerstag wurde bekannt, dass der Konzern sich eine Mehrheit von 60,3% der Aktien des Konkurrenten sichern konnte. Deutsche Wohnen (DW) besitzt rund 155.400 Wohnungen, davon 114.000 in Berlin. Damit baut Vonovia seine Stellung als größer Wohnkonzern Europas aus: das Unternehmen besitzt nun 550.000 Wohnungen – einen Großteil davon in Deutschland, daneben kleinere Kontingente in Österreich und Schweden.

In Deutschland ist Vonovia jetzt das mit Abstand größte Konzern unter den professionellen privatwirtschaftlichen Wohnungsunternehmen, die zusammen 3,9 Millionen Wohnungen besitzen. Daneben gibt es jedoch noch einen viel größeren Teil, der kommunalen Wohnungsunternehmen, Wohnungsgenossenschaften, sonstige Trägern und vor allem Kleinbesitzer:innen und Eigennutzer:innen gehört. Betrachtet man den gesamten deutschen Wohnungsmarkt, kommt Vonovia nun auf einen Marktanteil von 3 % – in Berlin sind es jedoch schon fast 10%.

Vonovia hat keine Angst vor Enteignung

In der Hauptstadt hatte zuletzt eine Mehrheit der Berliner:innen dem Volksbegehren der Initiative „Deutsche Wohnen & Co. Enteignen“ zugestimmt. Sie forderte den Berliner Senat dazu auf, ein Gesetz zu verabschieden, mit dem Wohnungsunternehmen mit mehr als 3.000 Wohnungen „enteignet“ werden.

Das Volksbegehren ist jedoch weder rechtlich bindend, noch handelt es sich um eine entschädigungslose Enteignung. Die nach aller Wahrscheinlichkeit zukünftige Bürgermeisterin Berlins, Franziska Giffey (SPD), hatte bereits angekündigt, das Volksbegehren nicht akzeptieren zu wollen. Zudem hatte die Stadtverwaltung vorgerechnet, dass sie sehr hohe Entschädigungen an die Wohnungsunternehmen vorschlagen würde, was faktisch einem einfachen Rück- bzw. Ankauf von Wohnungen entsprechen würde.

Mit der Übernahme der Deutsche Wohnen wird Vonovia nun schlagartig zum größten Immobilienunternehmen Berlins und wäre damit theoretisch auch von der „Enteignungsforderung“ betroffen. Unter den genannten Vorzeichen schien sich Vonovia jedoch keine Sorgen über „Enteignung“ zu machen und hat die DW nun im dritten Anlauf aufgekauft.

Linkspartei kritisiert Steuerfreiheit bei Vonovia/Deutsche Wohnen-Fusion

Groß-Fusion gelingt

Schon 2016 hatte es den Versuch einer Fusion der zwei großen Wohnungsunternehmen gegeben – damals noch als „feindliche Übernahme“ durch Vonovia -, was der Vorstand von Deutsche Wohnen jedoch aktiv blockierte. Das sah 2021 beim zweiten Übernahmeversuch anders aus: damals hatte sich der Vorstand von Deutsche Wohnen für die Fusion ausgesprochen. Im Juli diesen Jahres war allerdings dieser zweite Versuch der Übernahme noch gescheitert, da spekulierende Hedge-Fonds versucht hatten, noch mehr für sich herauszuholen. Vonovia erhöhte daraufhin sein Angebot für eine Aktie noch einmal, sodass es  dem Konzern nun gelang, eine entscheidende Mehrheit der Aktionär:innen auf seine Seite zu ziehen.

Dabei dürfte durchaus auch die öffentliche Debatte um „Deutsche Wohnen & Co. Enteignen“ eine Rolle gespielt haben, bei dem der Name „Deutsche Wohnen“ nun nicht mehr tauglich war. Doch auch wenn der Konzernname verschwinden dürfte – die Geschäftspraktiken bleiben. Damit dürfte jetzt Vonovia nach Deutsche Wohnen zu einer neuen zentralen Hassfigur der Mieter:innenbewegung werden.

Denn auch ihr Ziel ist es, eine maximale Rendite mit der Miete zu machen. Vonovia ist gut darin: das Unternehmen steigerte 2017, 2018 und 2019 seinen Gewinn. Das hängt auch mit systematischen Mieterhöhungen zusammen, welche dann die Mieten generell in die Höhe treiben. In Berlin haben sie sich in den letzten zehn Jahren im Mittel etwa verdoppelt. Grund dafür sind jedoch nicht nur Wohnungskonzerne, sondern vor allem die Monopolisierung von Grund und Boden.

Vonovias Expansionskurs ist aber noch nicht vorbei: am Freitag wurde bekannt, dass das Unternehmen 13,3 Prozent einer Kaufoption für Aktien der zwielichtigen „Adler-Group“ erworben hat. Dieses Unternehmen vermarktet 69.722 Wohnungen in Deutschland.


Wir schreiben für Perspektive – ehrenamtlich und aus Überzeugung. Wir schalten keine Werbung und nehmen kein Geld von Staat oder Konzernen an. Hilf' uns dabei, unseren unabhängigen Journalismus zu erweitern: mit einer einmaligen Spende, einem regelmäßigen Beitrag bei Paypal, Steady oder am besten als Mitglied in unserem Förderverein.