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Samstag, Mai 25, 2024
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    Trotz Verbots: 300 Bauarbeiter:innen nehmen sich in Duisburg die Straße

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    Nach 22 Jahren Stille wird auf dem Bau wieder gestreikt. Die verhandelnde Gewerkschaft IG BAU entpuppt sich dabei einmal mehr als Bremsschuh für einen konsequenten Arbeitskampf. Die Bauarbeiter:innen nehmen sich in Duisburg trotz hemmender Gewerkschaftsführung und Polizei die Straße. – Ein Kommentar von Luis Tetteritzsch.

    Seit Februar verhandelt die Industriegesellschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) mit dem Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) und dem Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB). Die IG BAU fordert eine Lohnerhöhung von 500 Euro für alle Angestellten unabhängig des Ausbildungsgrads mit einer Laufzeit von 12 Monaten.

    Ein Schlichtungsvorschlag, der eine Lohnerhöhung von 250 Euro für alle Lohngruppen und eine prozentuale Lohnerhöhung von 4,15% (Westen) und 4,95% (Osten) für 2025 vorgesehen hatte, wurde von der Tarifgemeinschaft der HDB und ZDB abgelehnt.

    Die IG BAU hingegen hat diesem Schlichtungsspruch zugestimmt, obwohl er eindeutig unter den ursprünglich geforderten 500 Euro liegt – wobei schon selbst diese Lohnerhöhung von 500 Euro die über die Jahre gestiegene Inflation nicht ausgleichen würde.

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    Arbeitskampf von unten statt langweiliger Gewerkschaftstrott

    Viel interessanter ist aber ohnehin die Reaktion der Streikenden, etwa in Duisburg: Am gestrigen Dienstag um 11 Uhr sollte eigentlich die Kundgebung der IG BAU vor dem DGB-Haus stattfinden. Doch auf dem Platz ist kaum jemand mehr zu sehen. Stattdessen zieht der Großteil der streikenden Bauarbeiter:innen mit Fahnen und Trillerpfeife als Spontandemonstration durch die Innenstadt – und zwar ohne Gewerkschaft.

    IG Bau-Regionalleiter, Jon Heinemann, schien vom Kampfeswillen der Bauarbeiter:innen überrascht: „Damit hat keiner gerechnet“. Die Gewerkschaft hatte die Kundgebung zu spät angemeldet. „Das hat dann mit der 48-Stunden-Frist natürlich nicht mehr gepasst“, entschuldigt sich Heinemann. Jetzt droht den trotzdem demonstrierenden Bauarbeiter:innen eine Strafanzeige.

    Es gibt wohl kaum ein Bild, das die Rolle der Gewerkschaften in den Arbeitskämpfen heutzutage besser darstellt, als dieses. Motivierte und kampfbereite Arbeiter:innen, die sich spontan die Straße nehmen, während Gewerkschaftssekretär Dirk Radermacher auf dem Platz verharrt und die Gewerkschaft ihre Hände gebunden sieht, weil eine Anmeldungsfrist nicht eingehalten wurde.

    Nur ein Beispiel unter vielen

    Dass Gewerkschaften wie der DGB in Deutschland eine bremsende Wirkung auf die Kampfbereitschaft der Basis und den allgemeinen Arbeitskampf haben, zeigt nicht nur die Spontandemonstration der Bauarbeiter:innen am Dienstag. Immer wieder können wir sehen, wie die DGB-Gewerkschaften nicht die Rolle einer konsequenten Interessensvertretung von uns Arbeiter:innen einnehmen, sondern stattdessen die Interessen von uns Arbeiter:innen mit denen der Konzerne unter einen Hut bekommen wollen.

    Hier stehen sich jedoch zwei grundsätzlich unterschiedliche Interessenslagen  gegenüber: Wir Arbeiter:innen streiken für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne. Die Konzerne streben nach immer größerem Profit und müssen dafür unsere Löhne drücken oder Arbeitsbedingungen verschlechtern, um im internationalen Konkurrenzkampf mithalten zu können.

    Wie diese „Sozialpartnerschaft” zwischen Kapitalist:innen und Arbeiter:innen der DGB-Gewerkschaften für uns Arbeiter:innen dann ausfällt, kann man fast entlang eines Schemas Punkt für Punkt beschreiben: Mit hohen „Maximalforderungen“ gehen die Gewerkschaften in die ersten Verhandlungsrunden. Nach fehlenden Angeboten der Gegenseite werden verstreut übers Land ein paar einzelne Warnstreiks organisiert, die ihrem Charakter nach aber häufig eher einem kleinen Fest ähneln als einem wirklich kämpferischen Streik.

    In der letzten Verhandlungsrunde wird dann ein kompliziertes Kompromissergebnis ausgehandelt, die ursprünglichen Forderungen werden kaum bis gar nicht umgesetzt und in den meisten Fällen wird ein Reallohnverlust ausgehandelt. Die Gewerkschaftsspitze präsentiert dann verschiedene Rechenbeispiele, die den neuen Tarifvertrag als Sieg darstellen, während Konzerne die Korken knallen lassen, weil weder durch konsequente, bundesweite Streiks der Profit der Konzerne bedroht, noch die Forderungen der Arbeiter:innen durchgesetzt wurden. Alle sind zufrieden – außer die Streikenden

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    Die Bauarbeiter:innen machen es uns vor

    Die Bauarbeiter:innen der IG Bau sind am Dienstag mit ihrer Spontandemonstration einen Schritt gegangen, den wir Arbeiter:innen uns noch viel zu selten trauen: Sie sind für ihre Interessen auf die Straße gegangen und das unabhängig von Gewerkschaftsführung oder dem staatlich vorgegebenen Rahmen für Protest. Sie haben sich weder von der Passivität des DGB-Gewerkschaftsapparats noch von möglichen Repressionen der Polizei aufhalten lassen.

    Möchten wir Arbeiter:innen auch in Zukunft unsere Forderungen durchgesetzt bekommen, dann gilt es, genau diese Schritte im größeren Stile zu wagen. Das bedeutet gleichzeitig, dass wir als Arbeiter:innen unsere eigenen Strukturen aufbauen und so organisierter für unsere Interessen auf die Straße gehen und in den Betrieben streiken müssen.

    Die unzähligen Reallohnverluste, die uns die DGB-Gewerkschaften ausgehandelt haben, aber auch die aktuelle Regierung mit ihren Haushaltskürzungen und Finanzspritzen an Unternehmen, beweisen, dass uns niemand etwas schenken wird. Unsere Forderungen müssen wir uns selbst erkämpfen!

    „Wir brauchen eine klassenkämpferische Organisierung in den Betrieben!“

    • Seit 2023 Autor für Perspektive Online. Schreibt gerne über die Militarisierung des deutschen Imperialismus und dem Widerstand dagegen. Denn: "Der Hauptfeind steht im eigenen Land!"

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