Eine Buchbesprechung von Paul Shevek

Der ehemalige Geschäftsführer von Greenpeace und Begründer der Verbraucherschutzorganisation Thilo Bode veröffentlichte in diesem Sommer sein neustes Werk „Die Diktatur der Konzerne“. Ausgangslage seines Buches ist die Frage danach, warum in einem demokratischen System wie in Deutschland so oft entgegen den Bedürfnissen und dem Willen der Bevölkerungsmehrheit Politik gemacht wird. Seine Antwort auf diese Frage ist, dass wir in Wirklichkeit von Banken und Großkonzernen regiert werden, die auf Grundlage ihrer wirtschaftlichen Macht auch die entscheidende politische Macht erlangt haben. Politische Mandatsträger seien keine Vertreter des Wählerwillens, sondern Teil des industriell-politischen Komplexes und somit aufs engste verwoben mit den wirtschaftlichen Interessen der großen Konzerne.

Lobbyismus heute

Als Mittel und Wege, wie Politik und Wirtschaft miteinander verbunden sind, benennt Bode beispielsweise das sogenannte „Drehtürmodell“, bei dem Personal aus der Wirtschaft in die Politik wechselt, oder aber viel öfter Politiker nach ihrer Amtszeit Posten in Aufsichtsräten und Beratergremien bekommen. Problematisch sei daran, dass Politiker schon während ihrer Amtszeit einen enormen finanziellen Anreiz bekämen, im Interesse der Großkonzerne zu handeln und sich somit für eine spätere Postenvergabe zu bewerben, aber auch, weil ehemalige Politiker als Lobbyisten eine sehr enge Verbindung zu ihren „alten“, noch an den Schalthebeln der Macht sitzenden Arbeitskollegen unterhalten. Diese Form von Einflussnahme unterscheide sich qualitativ von früheren Formen des Lobbyismus.

Monopolmacht

Auch die Marktmacht einzelner Konzerne habe sich in den letzten drei Jahrzehnten massiv erhöht, so dass sich direkt in politische Macht ummünzen lasse. Als Beispiel dient hierfür Amazon, als weltgrößter Onlinehändler und milliardenschweres Unternehmen, welches Kommunen umeinander wetteifern lasse, wer das „wirtschaftsfreundlichste Umfeld“ – sprich Steuerbegünstigungen und weiteres – für neue Konzernzentralen und Logistikzentren bieten könne. Somit gelang es Amazon seit dem Jahr 2000, allein 1,4 Milliarden Dollar staatliche Subventionen einzustreichen. Das Prinzip „Wer hat, dem wird gegeben“ gelangt hier zur vollen Blüte.

Diese und etliche weitere Beispiele dazu, wie Großkonzerne wie VW, RWE, Deutsche Bank, Nestle, Coca-Cola und so weiter ihre wirtschaftliche Macht dafür einsetzen, sich Politik, Medien und Wissenschaft in die Tasche zu stecken und sie in ihrem Interesse agieren zu lassen, ist die Stärke dieses Buches. Unter die Lupe genommen, werden etwa der Diesel-Skandal rund um das deutsche Automobil-Kartell, die (Nicht-) Regulierungsmaßnahmen für Finanzgeschäfte nach der Weltwirtschaftskrise 2008 wie auch Gefahren und Risiken durch die Größe und Macht der relativ jungen Digitalkonzerne wie Facebook und Co.

Thilo Bodes Recherchearbeit bietet guten Stoff und Argumentationshilfen für politische Diskussionen rund um die konkrete Macht von Banken und Konzernen. Gerade Leute, die eine solche Macht gerade live bei der Auseinandersetzung um den Hambacher Forst und den Braunkohleabbau erleben, können durch die Lektüre des Buches an weiteren Beispielen erkennen, wie wirtschaftliche Macht zur politischen wird.

„Kein Buch gegen Unternehmen“

Die Schwäche des Buches hingegen ist die schwache politische und ökonomische Analyse der kapitalistischen Gesellschaft. Auf dieser Grundlage trennt Bode seine scharfe Kritik der Großkonzerne und Banken von einer Kritik des Kapitalismus. Er stellt schon im Vorwort unmissverständlich klar: „Obwohl dieses Buch in dem Jahr erscheint, in dem sich der Geburtstag von Karl Marx zum zweihundertsten Mal jährt: Es ist kein Buch gegen Unternehmen oder gegen die Marktwirtschaft.“.

Das Erbe von Karl Marx

Ohne eine Kritik der kapitalistischen Wirtschaft selbst bleibt seine Schelte gegen die Macht der Banken und Großkonzerne aber naiv, illusorisch und zahnlos. Es ist die kleinbürgerliche Kritik, die den Kapitalismus idealisiert, seine Frühformen romantisiert und lediglich die extremen Konsequenzen, die aus ihm erwachsen, ablehnt. Der Trug an der ganzen Sache ist, dass es einen friedlichen, harmlosen, die Bedürfnisse des Menschen berücksichtigen Kapitalismus nie gegeben hat und auch nie geben kann.

Wenn Bode die wirtschaftliche Macht von Megakonzernen wie Apple, Alphabet und Amazon kritisiert, weil diese den marktwirtschaftlichen Wettbewerb verhindern, der doch das Herz des Kapitalismus sei, dann verkennt er, dass sie das Ergebnis genau dieses marktwirtschaftlichen Wettbewerbes ist. Die kapitalistische Konkurrenz führt automatisch zu immer höherer Konzentration von Kapital in wenigen Händen.

Zwang zum Monopol

Hätte er sich im 200. Geburtsjahr noch einmal mit Karl Marx beschäftigt, könnte er wissen, dass es im Kapitalismus eine zwangsläufige Entwicklung zu marktbeherrschenden Oligopolen und Monopolen, also zu einer Zentralisation des Kapitals kommt. Die Konkurrenz auf dem Markt zwingt das Unternehmen dazu, immer größere Teile seines Profits auf sein Kapital zu schlagen und neu zu verwerten. Wem dies am besten gelingt, kann seine Konkurrenten vom Markt fegen und auch ihre Kapitale übernehmen. Die Großen fressen die Kleinen, nicht aus Bosheit, sondern weil sie sonst die Gefressenen wären.

Nicht nur werden die wettbewerbsfeindlichen Konzerne durch den Wettbewerb selbst geboren, sie heben ihn auch nicht auf, sondern führen ihn auf erhöhter Stufenleiter weiter. Es ist die Konkurrenz der gigantischen Großkonzerne und ihrer Heimatstaaten untereinander, die die Welt zunehmend in den Abgrund reißen. Das Festhalten der deutschen Energieriesen wie RWE an umweltzerstörenden Energieträgern ist der globalen Konkurrenz geschuldet. RWE muss seinen Strom günstiger oder genauso günstig anbieten können wie seine Mitstreiter. Das militärische Wettrüsten von China und den USA folgt dem wirtschaftlichen Wettrüsten um Kapitalanlagemöglichkeiten, Absatzmärkten und Rohstoffquellen.

Gute Marktwirtschaft – böser Kapitalismus?

Thilo Bode möchte einen Kapitalismus, befreit von all seinen zerstörerischen Konsequenzen. „Die Diktatur der Konzerne“, wie auch frühere Werke Bodes, sind trotz aller Dramatik und scharfer Kritiken der traurige, weil nutzlose, Versuch, die kapitalistische Gesellschaft vor sich selbst zu beschützen, ohne sie beseitigen zu wollen. In seinen Lösungsvorschlägen fällt er weit hinter anderen kleinbürgerlich-sozialdemokratischen Konzepten zurück.

So ähnelt Bodes Kritik am realexistierenden Kapitalismus beispielsweise in weiten Teilen der von Sarah Wagenknecht. Auch sie unterscheidet fälschlich zwischen guter Marktwirtschaft und bösem Kapitalismus, guten Unternehmern und bösen Kapitalisten. Während Wagenknecht jedoch zum Beispiel noch die Verstaatlichung der die Grundbedürfnisse des Menschen betreffenden Wirtschaftszweige fordert, stellt Bode quasi gar keine politisch/wirtschaftlichen Forderungen auf. Er verbleibt bei der Forderung, schädliche, aber legale Wirtschaftspraktiken zu illegalisieren. Da wir ja aber von einem industriell-politischen Komplex regiert werden, brauche es seiner Meinung nach eine „Gegenmacht über Parteigrenzen hinweg einer großen Allianz derjenigen, die einen Staat wollen, der die Regulierungshoheit hat.“.

Marx lesen

„Die Diktatur der Konzerne“ ist eine interessante Aufzählung von legalen Verbrechen mächtiger Banken und Großkonzerne, ihren schädlichen Auswirkungen auf Menschen und Umwelt, sowie über die Praktiken, mit denen die Konzerne Politik in ihrem Interesse beeinflussen. Auch die über 400 Quellenverweise bieten einen guten Einblick in die Thematik. Wer jedoch eine fundierte Kapitalismuskritik erwartet, die die Macht der Konzerne nicht nur benennt, sondern auch erklärt, sollte lieber doch zu den Büchern desjenigen greifen, der in diesem Jahr 200 Jahre alt geworden wäre.