Der Rapper Kollegah ist seit einiger Zeit als sogenannter Lifecoach unterwegs. Kollegah und seine Gefolgschaft sind Kinder des Kapitalismus. – Ein Kommentar von Dirk Paul Shevek

Im letzten Jahr erschien sein Buch „Das ist Alpha. Die zehn Bossgebote“. Versprochen wird einem das richtige „Mindset“, um erfolgreich zu werden, das „Alpha-Mindset“. Dahinter verbergen sich solche Weisheiten wie früh Aufstehen, Sporttreiben, aus seinen Fehlern lernen und andere Kalendersprüche. Nun hat Kollegah unter seinem bürgerlichen Namen Felix Blume sein Angebot um ein Mentoring-Programm erweitert. Hier erhält man nun dieselben Ratschläge wie in dem Buch, aber für mehr Geld.

Im Grunde ist Kollegahs Lehre eine Mischung aus Neoliberalismus und Männlichkeitskult. Im Zentrum steht der Gedanke, dass jeder zu Geld und Erfolg gelangen kann, wenn er sich nur genügend anstrengt, diszipliniert ist und lernt sich gegen andere durchzusetzen. Man müsse nur an sich selbst glauben, nicht zweifeln und sein Ziel nicht aus den Augen verlieren. Es sind also die angeblich männlichen Attribute wie Selbstbewusstsein, Kraft und Machtstreben, die einem zum „Alpha“ machen. Emotionalität, Kooperation und Solidarität gelten in einer solchen Weltanschauung als schwächlich und weiblich. Hier findet sich der Zusammenhang zum widerlichen Sexismus dieser Männer, den wir in dieser Form auch bei Machtmenschen wie Donald Trump, Jair Bolsonaro und Co. finden.

Das bürgerliche Leistungsversprechen

Soziale Herkunft und Chancenungleichheit spielen für ihn keine relevante Rolle. Ob man erfolgreich ist oder nicht, entscheidet nicht die Geburt in eine reiche oder arme Familie hinein, sondern lediglich „das Feuer“. Auch wenn bei Kollegah alles in einem gewissen Rebellen-Pathos vorgetragen wird, sind seine Predigten die reinste Rechtfertigung für das bestehende wirtschaftliche und politische System und unterscheiden sich hier kaum von den Ideen der CDU oder der FDP. Ein solches Weltbild ist natürlich Quatsch. Wir leben in einer Klassengesellschaft und ob man Porsche oder U-Bahn fährt, entscheidet die eigene soziale Lage und nicht das Feuer in einem. Wer mag, kann sich dazu auch die aktuelle Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverband anschauen, der die wachsende soziale Ungleichheit in Deutschland beschreibt und ihre Auswirkungen auf das Aufwachsen von Kindern in Armut.

In der Tat spüren auch Kollegah und seine Jünger, dass etwas an ihrem Weltbild nicht stimmen kann. Die Erfahrung, dass man sich noch so sehr abmühen, täglich früh aufstehen und Leistung bringen kann, der Erfolg sich aber doch nicht einstellt, erleben die Teilnehmer des Alpha-Mentoring immer wieder und selbst Kollegah, der einiges an Geld auf dem Konto hat, spürt, dass auch ihm gewisse Türen verschlossen bleiben.

Die große Enttäuschung und Verschwörungsmythen

Wie ist das zu erklären? Zum einen natürlich, indem man sich einredet oder einem eingeredet wird, dass der Misserfolg eben zeigt, dass man noch nicht genug getan hat. Eine andere Erklärung aber ist das geheime Wirken bösartiger Mächte. Kollegah verbreitet über seine Lieder, YouTube-Videos und Mentorings nämlich nicht nur oberflächliche Motivationssprüche, sondern auch jede Menge Verschwörungsmythen. Immer wieder tauchen bei ihm die üblichen Erzählungen auf von den wahren Mächtigen in unserer Gesellschaft: Die Freimaurer, Illuminaten, Juden und der Satan höchst persönlich. Sie sind die idealen Sündenböcke und die natürliche Erklärung dafür, warum man es trotz Alpha-Mindset nicht schafft.

Bei Kollegah wird sichtbar, warum die Verbreitung dieser Verschwörungsmythen so verbreitet und beliebt im Rap sind. Egal ob Pyramidenschwindel, Echsenmenschen, Reichsbürgerschaft oder flache Erden – für jede krude Geschichte findet sich irgendein PA Sports, Olexesh, Fler oder Xavier Naidoo. Im Rap geht es sehr häufig um Geschichten des persönlichen Aufstiegs, um die die Tellerwäscher-Millionär-Story. Wir finden bei vielen dieser Erzählungen dieselbe Leistungsideologie wie bei Kollegah. Dies ist der fruchtbare Boden, auf dem Verschwörungsmythen gedeihen können.