Deutschland putzt sich heraus und feiert 30 Jahre Mauerfall. Doch ist das wirklich ein Grund zum Feiern? Und was sind die eigentlichen Mauern, die wir einreißen müssen? – Ein Kommentar von Paul Gerber

Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer, die Berlin in die zwei Staaten „Bundesrepublik Deutschland“ und „Deutsche Demokratische Republik“ teilte.  Die Jubliäumsfeierlichkeiten in diesem Monat sollen der Auftakt für ein ganzes Gedenkjahr sein. Dessen Höhepunkt wird der 3. Oktober 2020 – der noch recht junge deutsche Nationalfeiertag – sein. An ihm sollen 30 Jahre „Wiedervereinigung“ Deutschlands gefeiert werden. 

Was aber ist denn zu feiern? Der Mythos, der sich schon heute um den Mauerfall rankt, wurde gezielt geschaffen. Unterhält man sich heute mit Menschen, die damals in der DDR gelebt haben, über dieses Ereignis, können die wenigsten ehrlicherweise sagen, dass sie die historische Bedeutung des 9. Novembers schon damals erkannt hätten.

Im Gegenteil: Die meisten Leute haben den Abend zu Hause verbracht, einige haben Fernsehen geguckt. Selbst diejenigen, die aktiver Teil der damals wachsenden Protestbewegung waren, werden oftmals nicht geahnt haben, dass dies der Auftakt zur „deutschen Einheit“ werden sollte. 

Immerhin war damals nicht die Auflösung der DDR und Übernahme durch Westdeutschland Forderung der DemonstrantInnen. Der Großteil forderte Reformen im Rahmen des wirtschaftlichen und politischen Systems der DDR. Das müssen auch die antikommunistischsten Kommentatoren heute anerkennen.

Zumindest die Legende, dass sich die Bevölkerung der DDR friedlich das Recht erkämpft hätte, wieder von einer Polizei kontrolliert und von einem Parlament ver- und zertreten zu werden, ist also offensichtlich eben das: eine Legende. 

Ausverkauf der DDR

Was nach dem Mauerfall kam, wurde – ganz so, wie wir es auch heute noch kennen – eben nicht von der Bevölkerung diskutiert und beschlossen. Es war vielmehr das gemeinsame Werk west- und ostdeutscher „VolksvertreterInnen“, BeamtInnen und DiplomatInnen. 

Der ganz-und-gar-nicht-rote Faden, der sich durch diese Phase zieht, ist die Durchsetzung der Interessen westdeutscher Unternehmen – ohne Rücksicht auf den Lebensstandard der Menschen im Osten. 

Bereits der Entschluss der westdeutschen Zentralbank, die Ost-Mark nur zum Kurs 1:2 in westdeutsche D-Mark zu tauschen, rief im März 1990 teils massive Proteste hervor. Das Bild, alle würden durch die Wiedervereinigung profitieren, bekam erste Risse. 

Mit der Übernahme von 40% der ostdeutschen Betriebe durch die berüchtigte Treuhand nahm dann eine Entwicklung ihren Lauf, die man nur als Ausverkauf der DDR bezeichnen kann. Bis heute ist die wirtschaftliche Situation Ostdeutschlands davon geprägt.

Die Spaltung ist noch immer da

Die angebliche deutsche Einheit, die vom 9. November bis zum 3. Oktober nächsten Jahres ohne Zweifel besonders intensiv „gefeiert“ werden wird, ist in vielen Bereichen unseres Lebens in der Realität noch eine tiefe Spaltung. 

Das äußert sich in nach wie vor enormen Einkommensunterschieden oder auch in unterschiedlicher Wochenarbeitszeit in vielen Branchen. 

Es äußert sich ebenso politisch in der Ignoranz, mit der viele Westdeutsche alle Ostdeutschen als „Nazis“ oder „Dunkeldeutsche“ abstempeln und umgekehrt dem Argwohn, mit dem man in Ostdeutschland mitunter die „hochnäsigen“ und angeblich besser gestellten Wessis betrachtet. Der Mauerfall vor 30 Jahren hat nicht das gebracht, was sich wohl damals viele erhofft haben. So bleibt heute eigentlich nur zu sagen: Es wird Zeit die richtigen Mauern einzureißen, die uns trennen. 

Unsere eigenen Mauern einreißen

Zeit, der Spaltung in Ost- und Westdeutsche ebenso wie in MigrantInnen und Nicht-MigrantInnen zu überwinden. Stattdessen sollten wir in den Vordergrund stellen, dass die meisten Wessis und Ossis viel mehr gemeinsam haben, als sie trennt. Oft genug werden sie von den gleichen Konzernen und Aktiengesellschaften in West und Ost ausgebeutet.

Es ist aber auch Zeit, die Mauern zwischen den schon existierenden fortschrittlichen sozialen Bewegungen einzureißen. Wir dürfen die Arbeitslosigkeit und steigenden Lebenshaltungskosten im Fall des Kohleausstiegs in der Umweltbewegung nicht mehr als „Kollateralschaden“ oder notwendiges Übel anzusehen. Stattdessen sollten wir die Interessen der ostdeutschen Beschäftigten und den Kampf gegen die drohende Arbeits- und Perspektivlosigkeit gleich als natürlichen Teil unseres Kampfes gegen die Zerstörung der Umwelt betrachten. 

Um all das zu erreichen, werden wir nicht zuletzt unsere eigenen Grenzen überschreiten müssen. Wir werden den unsicheren und vielleicht unbequemen Weg raus aus unseren behüteten und bekannten Bekanntenkreisen gehen müssen. Hin zu denjenigen, die gerade anderer Meinung sind oder sogar in den Rechten eine Alternative sehen. Es gilt eine eigene Perspektive aufzubauen, in deren Zentrum die Arbeiterinnen und Arbeiter stehen – egal wie sie aussehen, egal ob sie aus Ost oder West kommen. Ein Fall der politischen Mauern, die uns bis heute trennen, wird anders nicht zu machen sein.