Blockwart & BasuR. Der Name steht für Liebe und Hass. Seit über einem Jahrzehnt produziert er Musik, die irgendwo und irgendwie zwischen den Welten steht. Die Schubladen können beim Interview über Bord geworfen werden. Wir wünschen euch viel Spaß!

Wenn ich mein Archiv richtig verwalte, ist das dein 18. Album. Herzlichen Glückwunsch! Was motiviert dich immer weiter zu machen?

Keine Ahnung, da habe ich den Überblick verloren. Zur Motivation, also wo die herkommt, kann ich auch nicht viel sagen. Nur, dass sie irgendwie immer da war. Also Gedanken in irgendeiner Form zu konservieren. Hab in meiner Jugend schon in verschiedenen Punk-Bands gespielt und Texte für – sagen wir mal so – kleine, regionale Zeitungsprojekte verfasst, sehr verstörender Mist war das. Rap war dann spätestens Mitte der 2000er nur die folgerichtige, logische Konsequenz, dies auszuleben.

Wie kommst du dazu, die Entwicklung vom Punk zum Rap als folgerichtig zu empfinden?

Ich meine damit, dass dieser Rap mir die Freiheit gab, nichts, aber auch gar nichts im Vorhinein vor etwaig anderen Menschen rechtfertigen zu müssen oder im Vorhinein so zu formulieren, dass auch wirklich jeder Mensch, der am Projekt beteiligt ist, damit halbwegs konform geht.

In einer Punk-Band besprichst du halt Sachen mit deinen zwei bis vier MitmusikerInnen. Bei eurem Projekt, liest das hier – behaupte ich mal – auch noch mindestens ein Mensch mehr als Sie persönlich. Da war Rap mal direkter, unverfälschter, mehr Abbild einer Persönlichkeit als eben ein fertiges Produkt für eine streng definierte Zielgruppe. Aber diese Freiheit besitzen, ohne dass wieder tausend Leute in hunderten kleinen Abläufen indirekt auf das Endprodukt Einfluss nehmen, damit alles seine hässliche Ordnung hat, wahrlich nicht mehr viele Protagonisten.

Ich meine, versuch‘ mal uns in eine verdammte Schublade zu sortieren. Wie würdest Du plakativ erklären, was wir da tun, was ich tue? Für Menschen, die noch nie etwas davon gehört haben? Deine Redaktion?

Du versuchst als Künstler die Kunst dem Markt zu entziehen und ein reelles Gegenstück von Kunst zu bieten. Sozusagen als „sozialistisches Kunstexperiment im Kapitalismus“ – klingt schwierig, ist es auch. Das Ganze dann eben „folgerichtig“ mit Rap.

Ha, ha, ha. Ich sag mal so: Im Sozialismus würde ich wohl eher fröhlich Schrauben drehen, als mich über den Zustand der Welt auszukotzen und mich in ihren Widersprüchen provokativ zu suhlen. Zum einen ist es sicher kein Experiment, sondern eine sich fortschreibende Kriegserklärung. Zum anderen – wird die bisherige Diskographie betrachtet – sehe ich darin eher eine Suche nach Sinn, vielleicht nach dem Richtigen im Falschen.

Eine zornige Anklage zum Zustand der Welt. Viele anarchistische Ansätze, na, aber vor allem halt beständig relevante Fragen zu den Widersprüchen z.B. einer Gesellschaft, welche ich nicht für sehr gesellig empfinde. Nebenbei würde ich uns eher als politische Menschen betrachten, als unsere Musik auf den ersten Blick politisch einzuordnen. Eher das klassische Drama, als AgitProp.

Du entziehst dich mit dieser Lebensphilosophie aber bewusst dem Kunst- und Reproduktionsmarkt. Wie schwer ist es da für dich – ohne diesen finanziellen Background – deine Kunst für andere bemerkbar zu machen und davon zu leben?

Bemerkbar machen? Wozu das denn? Hör mal in die meist geklickten Sachen bei irgendwas von uns. Ich selbst würde es für belanglos halten. Da ist nicht DER Track. DER Hit. Und wenn du da doch was für dich findest, dann Glückwunsch. Nerv deine Mitmenschen damit. Wir biedern uns nicht an, unsere Relevanz lebt von Freundeskreisen und einzelnen Menschen, die solange andere Menschen damit nerven, bis bei manchem Menschen eine Art Verständnis bis klammheimliche Sympathie dafür entsteht.

Wenn du Musik konsumierst und nach zwei Minuten meinst, dir ein Urteil bilden zu können oder du nur schnell dein Lebensgefühl bestätigt haben willst, da gibt es eine Menge Kollegen und Kolleginnen, die können dir da sicher weiterhelfen. Weitergehen. Geht mir doch oft genauso, in diesem Sinne würde bei uns aber zum Beispiel eine spartensortierte Playlist bei den verschiedenen Streamingportalen gar keinen großen Sinn machen.

Zu der anderen Sache: Also davon leben… Wäre es darum von Anfang an gegangen, wir hätten so viel Unbezahlbares versäumt. So viele positive Momente. Viele davon waren nur möglich, weil es weder den Menschen an der Kasse, noch hinterm Tresen um den finanziellen Maximal-Profit ging, sondern in erster Linie darum, einen Raum für eben diese positiven Momente, für einen schönen Abend zu schaffen. Anfangs wussten wir oder zumindest ich das nicht so zu schätzen wie heute. Heute sehe ich es als Privileg, sagen wir mal, unter dem Radar stattzufinden, aufzutreten, weil Menschen das mit uns organisieren wollen, statt Leute darum anzubetteln und im Endeffekt nur noch seinen Job zu machen. Ab und an erzählen mir Menschen mitleidig, wir hätten mehr Erfolg verdient. Ich kann dem nur entgegnen, glücklich zu sein und Erfolg anders zu definieren.

Alleine im September/Oktober letzten Jahres: Leipzig, Zürich, Bern, Amsterdam, Nürnberg, Kiel, Hannover. Alles Menschen, Erfahrungen, Eindrücke, Gespräche, welche du niemals mehr kriegst, sobald die Sachen in irgendwelchen Kommerzschuppen stattfinden. Könnte von jedem Ort jetzt kurz so vielleicht zwei Stunden erzählen und dann könnt ich mit den letzten Jahren weitermachen. Wir kennen jeden Bahnhof im Land.

Dass Blockwart & BasuR nicht im Geld schwimmen, dürfte bekannt sein – eben abseits der Popmusik, abseits vom Glitzer & Glamour. Spielt Geld für dich denn gar keine Rolle?

Dazu vielleicht so viel: Ich habe in einem der reichsten Länder der Welt den Niedergang des Mittelstands hautnah miterlebt. Jahrelang unter dem Rand des als Existenzminimum angesehen Rahmens gelebt, war drei Jahre nicht krankenversichert, hatte mal ein Jahr keinen Strom und lebte jahrelang ohne Internetanschluss, nur so über Handy.

Will sagen, ich weiß was 25 Cent sind. Es gibt noch immer Tage, an denen ich meinen Pfand bewusst nach Hause bringe und nicht an einen Laternenpfahl stelle. Die anderen Tage sind mir lieber, also klar spielt Geld eine Rolle. Aber Geld ist etwas zum Essen kaufen und zum Leben, auch zum mal gut Leben, im Moment, ohne ein Morgen. Danach kommt zwangsläufig irgendwann Miete und Strom oder halt kein Strom und Querfinanzieren, Schulden, doch mal zum Amt oder eben ungelernte bzw. sogenannte. prekäre Jobs, solche Dinge, Freunde. Lass mal von was anderem reden. Bin gerade froh, zum ersten Mal ein Projekt aus eigener Tasche vorfinanziert zu haben, statt mit einer Art Schneeballsystem baden zu gehen, weil am Ende Geld für fällige Rechnungen zum Leben, dann für die bestellte Ware fehlt. Egal. Zur Frage zurück.

Geld ist in einer Gesellschaft, die es zum Teil nicht sonderlich verwunderlich oder hinterfragenswert hält, dass Krankenhäuser, Wohnraum, Strom, Telekommunikation und Mobilität privatisiert und einer profitorientierten Logik unterliegen, trotz ihrer zentralen Rollen im und für das Leben eines jeden Menschen in diesem Land und auf diesem Planeten, immer von zentraler Bedeutung, also das im Satzanfang erwähnte Geld. Ich denke nur, die Kunst an sich kann sich dem in dieser Welt zumindest versuchen zu entziehen, sie muss es nicht, aber sie bietet die Möglichkeit und den Raum dafür. Möglicherweise geht das kunstschaffende Menschending dabei drauf, aber für die Kunst kann auch das ja förderlich oder gleichsam erklärend sein bzw. wirken. Kunst ist m.M. keine Arbeit. Arbeit ist nur Geld. Frag mal van Gogh, wie es sich so von Kunst lebt, und dann erzählt der dir wahrscheinlich auch eine Geschichte von Scham, Kartenhäusern, Querfinanzierungen, nicht ganz legalen Dingern, enttäuschten WeggefährtInnen, besser wissenden Verwandten, nervigen Schuldnern, Schuldnern, um die es ihm wohl leid tut, von paar sonstigen Taschenspielertricks und redet dann doch auch nur Drumherum. Nächstes Thema?

Der Name vom neuen Album ist „… wenn schon kein Kommunismus, wenigstens für immer Punk“. Du meintest, dass du im Sozialismus fröhlich Schrauben drehen würdest, statt dich über den Zustand der Welt auszukotzen und dich in ihren Widersprüchen provokativ zu suhlen. Ich habe wirklich lange nach einer Frage zum Album-Titel gesucht, aber vielleicht magst du uns einfach selber erzählen, was du zu ihm zu sagen hast.

Ja. Wie alle anderen Alben-Titel aus der Situation entstanden. In diesem Fall ein Fazit. Gäbe interessantere Albentitel von uns zu sezieren, aber ich versuch mal, bei der Sache zu bleiben. Der Titel entspricht einem einfachen Kompromissvorschlag. Nun könnten verschiedene Andere behaupten, der Kompromiss zwischen Kapitalismus und Kommunismus wäre vielleicht z.B. im Sozialismus zu finden, aber Veganer und Nackensteak für 2.20Euro-Grillfans einigen sich auch nicht auf Hühnchen zum Abendbrot. Kurzum: Kommunismus oder die Destruktivität der sogenannten Ersten Welt ad Absurdum geführt, auf das sie daran ersticke.

Deiner Meinung nach kennt Kunst seine Grenzen, wenn es um Reproduktion geht – quasi dem Kopieren von schon geschehener Kunst, wie du in deinem Buch erwähnst. Du hast nun den 1. Akt vom neuen Album veröffentlicht. Laut Angabe fehlen noch zwei weitere Akte, die ihr später veröffentlichen wollt. Wenn ich daran denke, dass sogar Brecht seine Stücke in fünf Akten geschrieben hat, ist das ein absoluter Bruch mit der Klassik. Ist somit der Versuch der drei Akte ein neuer stilistischer Bruch/Erweiterung des Bestehenden? Was kann die Zuhörerschaft in den weiteren Akten erwarten?

Hmm, nö. Das wäre etwas zu gewollt plakativ, Kunst und Provokationsverständnis von Rammstein, so vom Level. Der klassische Aufbau eines Dramas ergibt ja Sinn, und etwas Sinnvolles stelle ich zumeist gar nicht in Frage, ich zweifel z.B. auch wenig an Prozentrechnung, mir geht es ja eher darum, den offensichtlichen, aber real existierenden Schwachsinn der herrschenden Verhältnisse zu demaskieren. Also vielleicht ist es dann auch nicht ganz so doof, vor dem 4. Akt jetzt erst einmal eine Geschichte voranzutreiben, um diese dann zu reflektieren, um, so sagt es das Internet: „[…] in einer Phase der höchsten Spannung auf die bevorstehende Katastrophe hinzuarbeiten. […]“ Ein gutes Vorwort erschließt sich klassisch ja auch erst in seiner Stärke – im Abspann.

Schäuble, Nazis, Autos und Zeckenrap werden getötet. Gott ist Tod. Thälmann, Marx und Engels bekommen ihre Laudatio auf dem neuen Album. Wofür kämpfen?

Dafür, dass unsere Kunst letztendlich überflüssig wird. Wir die Widersprüche und Verhältnisse auflösen und unser bzw. mein heutiges Schaffen, meine Person, nur noch als Relikt einer hässlichen Vergangenheit betrachtet werden könnte, aber als nichts, was noch irgendeinen Gehalt für diese neue Gegenwart besitzen kann.

Leider muss ich verbraucherschützend darauf hinweisen, das eher Nazis und Autos töten, als dass deine Behauptung an dieser Stelle einer genaueren rechtlichen Betrachtung standhalten würde. Die Marx und Engels-Lobeshymnen sind ja auch im Grunde einfach nur ne ernstgemeinte Literaturempfehlung für große Teile der sogenannten deutsche Linken und ihrer mitte-links-liberalen Sympathisanten-Szene.

Zeckenrap wird übrigens auch nicht getötet. Ich halte Zeckenrap, also Rap, der sich da einordnen lässt, künstlerisch nur schlicht für überflüssig. Das ist Musik, die sich nach der potenziellen Käuferschicht richtet und über diese hinaus auch keinen Menschen interessiert. Nicht mal Rap interessiert sich dafür. Als Stilmittel der Agitation und Propaganda in dieser Weise meiner Meinung nach vollkommen überbewertet.

Dass Projekte dazu da sind, um sie selbst überflüssig zu machen, kenn‘ ich bisher nur von der Kommunistischen Partei. Ihr gebt euch in eurer Arbeit auch viel Mühe. Was kann die Person erwarten, wenn sie dein Album in den Händen hält und die Lautsprecherboxen aufdreht?

Na, jedenfalls nicht die Lösung des Nah-Ost-Konflikts, und das mit der Mühe erschließt sich
auch erst später oder nie. Alles gut.


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