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Sonntag, Juli 21, 2024
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    Obdachlosigkeit während Corona – Wie die vom kapitalistischen System Verstoßenen die Pandemie erleben und überleben

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    Es gibt kaum eine Stadt in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, in der man sie nicht sieht: Obdachlose. Sie sind der Teil der Gesellschaft, der uns täglich erinnert, wie tief man in diesem System fallen kann. – Ein Kommentar von Philipp Nazarenko

    Trotz des viel gelobten Sozialsystems in der BRD gibt es offensichtlich noch viele Menschen, die auf der Straße erfrieren und Hunger leiden. Es liegt nahe, dass, wer keinen Zugang zu medizinischer Versorgung oder Vorsorge, kein Dach über dem Kopf hat oder seine sonstigen menschlichen Grundbedürfnisse nicht stillen kann, in einer Krisensituation wie der Corona-Pandemie besonders unter Druck steht. Die offensichtliche materielle Unterversorgung in Kombination mit den deutlich gestiegenen (finanziellen) Anforderungen ergibt eine menschenfeindliche und leider oft tödliche Mischung.

    Mehr als 50.000 Menschen sollen in der Bundesrepublik obdachlos sein. Diese Personen, vom Arbeits- und Wohnungsmarkt ausgesondert, von ihren Mitmenschen isoliert und unter schwerer Armut leidend, werden von den bürgerlichen Medien sowie der Politik meist vergessen oder außen vor gelassen. Diese Situation, die nicht nur durch schweren materiellen Mangel, sondern auch von kompletter Entrechtung gekennzeichnet ist, hat sich in der Pandemie-Zeit nicht zum Besseren gewendet.

    Ganz im Gegenteil! Wen überrascht es, dass bei zunehmendem Jobverlust, Kurzarbeit, steigender Inflation und der Insolvenz von vielen kleinen Geschäften die Zahl der Menschen, die in tiefste Armut abrutschen, steigt? Und für die, die `unten durchs Raster gefallen’ sind, bedeutet die aktuelle Situation noch unzählige zusätzliche Risiken, Belastungen und Gefahren: So haben sich die „Einnahmequellen“ von Obdachlosen massiv verringert. Es gibt in Zeiten von Lockdown und Social Distancing deutlich weniger Leute, die durch die Städte streifen und an Bedürftige spenden bzw. Pfandflaschen liegen lassen. Auch die soziale Isolation, die mit Obdachlosigkeit einhergeht, wird dadurch nur weiter verstärkt.

    Die Plätze in Übernachtungsstätten wurden pandemie-bedingt verringert, und dennoch wollen nicht alle Obdachlosen dieses Angebot annehmen. Trotz Tests besteht natürlich (neben anderen Problemen wie Diebstahl) immer ein erhöhtes Ansteckungsrisiko in den überfüllten Unterkünften. Auch der Zugang zu Impfungen gestaltet sich für Menschen ohne festen Wohnsitz deutlich schwerer. Die größte Bedrohung für das Leben von obdachlosen Menschen stellt neben gewalttätigen Übergriffen aber immer noch der Winter dar. Wenn die Temperaturen draußen auf Minusgrade sinken und kein Platz in einer Notunterkunft zur Verfügung steht, ist der Kältetod eine ständige Gefahr.

    Menschenfeindliches System – mit und ohne Corona

    Das kapitalistische System war auch schon vor der Pandemie grausam und menschenverachtend. Auch schon vor Corona gab es zehntausende Obdachlose in Deutschland, die jeden Winter mit der Gefahr des Kältetods konfrontiert waren. Doch was erwartet man von einem System, das in uns Menschen nur den Wert unserer Arbeitskraft sieht? Von einem System, in dem jedes Unternehmen den materiellen Anreiz hat, den eigenen Arbeiter:innen so wenig wie möglich zu zahlen und sie so effektiv wie möglich auszubeuten? Dass Menschen wie Müll, den es zu entsorgen gilt, behandelt werden, ist kein trauriger Zufall oder eine Frage der Moral. Es handelt sich dabei einfach um die reale Konsequenz einer Gesellschaft, in der letztendlich eine kleine Klasse von reichen Kapitalist:innen bestimmt, wie alles zu laufen hat. Es ist nur logisch, dass wir als die arbeitende (aber nicht besitzende) Mehrheit, in diesem System den Kürzeren ziehen. Wir können unsere Interessen nicht mit denen der Reichen versöhnen, sondern müssen sie gegen deren Willen durchsetzen, indem wir uns als Klasse zusammenschließen.

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