Die Wahrscheinlichkeit eines Krieges auf der koreanischen Halbinsel unter Beteiligung der USA nimmt zu. Zu diesem Schluss kommt der amerikanische Informationsdienst „Strategic Forecasting“ (Stratfor) in einer in dieser Woche veröffentlichten Lageeinschätzung.

Zwar seien sowohl Nordkorea als auch die USA daran interessiert, einen für alle Beteiligten komplizierten und verlustreichen Krieg zu vermeiden. Jedoch ließen die angestrebten Ziele beider Seiten „wenig Raum für Kompromisse“. Nordkorea sei der Fähigkeit, Langstrecken-Raketen abzuschießen, die Teile der USA erreichen können, im Zuge der letzten Tests nähergekommen. Das Land sehe diese Fähigkeit als „Sicherheitsgarantie“ an. Die USA hingegen stünden angesichts des Raketenprogramms unter wachsendem Druck, zu handeln. Angesichts der amerikanischen Versuche, Nordkorea zu einer Einstellung des Programms zu zwingen, sehe sich die dortige Regierung wiederum genötigt, ihr Nuklearprogramm und die Raketenentwicklung weiter zu beschleunigen.

Der private Nachrichtendienst Stratfor richtet sich mit seinen täglich erscheinenden Länderanalysen vornehmlich an „spezialisierte“ Kreise wie Politiker und Geschäftsleute mit Interessen in den behandelten Weltregionen. Dass die Arbeit des Dienstes damit also weniger der Meinungsbildung der Gesamtbevölkerung dient, dürfte erklären, warum sich die Autoren der Analyse in ihrer Einschätzung der nordkoreanischen Staatsführung deutlich von der herkömmlichen Berichterstattung absetzen. Dort ist der Tenor eher, der von Kim Jong-un geführten Regierung des ostasiatischen Landes irrationales Handeln und Unberechenbarkeit zu unterstellen.

Im Gegensatz dazu betonen die Autoren von Stratfor, dass internationale Konflikte wie der koreanische nur bei Betrachtung der zugrunde liegenden staatlichen Interessen wirklich verstanden werden können. Überdies dürfe die Rolle einzelner Personen nicht überbewertet werden. Kein Staat werde von einer einzelnen Person geführt, da jede Regierung stets auf einen Apparat von „Mittelspersonen“ angewiesen sei. Jede dieser staatlichen Ebenen würde dem Handeln einer Regierung aber neue Einschränkungen auferlegen.

Jürgen Todenhöfer, ehemaliger Bundestagsabgeordneter des rechten CDU-Flügels, argumentierte im Zusammenhang mit einer Nordkorea-Reise kürzlich im Interview mit der Berliner Zeitung in eine ähnliche Richtung: Ihm zufolge sei „das militärische Macho-Gehabe“ Nordkoreas „eine Reaktion auf bittere historische Erfahrungen. Die brutale Kolonisierung durch Japan und den anschließenden Korea-Krieg. 2,5 Millionen Nordkoreaner starben damals durch US-Bomben.“ Todenhöfer verwies in diesem Zusammenhang auch auf die Geschichte des Irak-Kriegs: „Saddam Hussein wurde unter George W. Bush angegriffen, nachdem er seine Armee abgerüstet hatte. Die nordkoreanische Führung misstraut den USA.“ (Link)

Wenn Medien wie die BILD die Sache entgegengesetzt darstellen (z.B. kürzlich unter der Schlagzeile: „Die irre Kim-Party zum Raketenstart“, 11.07.17), darf also angenommen werden, dass hier die Erzeugung eines anti-nordkoreanischen Klimas im Zusammenhang mit den Kriegsvorbereitungen der USA und ihrer Verbündeten beabsichtigt ist – rassistische Untertöne inklusive.