Interview mit Jannis Wiesner, einem Fahrzeuglackierer in einem Kleinstbetrieb.

Hallo, als was arbeitest du in dem Betrieb?

Ich bin als gelernter Fahrzeuglackierer in einem Kleinstbetrieb angestellt, es gibt neben mir nur drei weitere Angestellte: einen weiteren Fahrzeuglackierer, einen Karosseriebauer und einen Rentner als Aushilfe.

Eigentlich ist das meine erste Arbeitsstelle nach der Ausbildung und ich bin als Junggeselle eingestellt. Aber in Wirklichkeit arbeitete ich fast als „Vorarbeiter“. Ich muss beispielsweise darauf achten, dass der Arbeitsfluss funktioniert, und meinen Kollegen somit die Arbeit bereitstellen und innerhalb der Werkstatt organisieren. Auch muss ich mich manchmal um Büro-Angelegenheiten kümmern, Kostenvoranschläge erstellen und Termine mit Kunden vereinbaren. In diese Arbeiten wurde ich einfach so vom Chef reingezogen, mehr verdienen tue ich deshalb nicht. Laut Vertrag verdiene ich ca. 1.100€ im Monat, netto. Mit den kleinen Dankeschön, welche im Handwerk üblich sind, komme ich auf ca. 1.200€.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag von dir aus?

Meistens muss ich eine viertel Stunde früher – also um 7:45 – kommen, um den Arbeitskollegen die Arbeit bereit zu legen. Dann bekomme ich gefühlt fünf Aufgaben gleichzeitig zugeteilt, für deren Abläufe ich verantwortlich bin, um den Fluss aufrecht zu erhalten. Eigentlich geht die Arbeit bis 17:00 Uhr, allerdings mache ich pro Tag etwa 1 ½ Überstunden. Wenn man die Pause mitzählt, die ich nur zur Hälfte mache, also oft mehr als ein 9-Stunden-Tag. Manchmal kommt der Chef in den Pausenraum und macht Druck: „Wenn du gegessen hast, geh schnell an den Wagen, denn der muss raus.“

Stress gehört also zum Alltag?

Es wird nicht gerne gesehen, wenn wir uns ausruhen oder die Arbeit einfacher machen, z.B. indem wir einen Hocker zur Hilfe nehmen. Ich betrachte es als Unverschämtheit, wenn mein Chef hinter mir steht und Druck ausübt, während ich am Schweller arbeite und mich in Schleifwasser knien muss. Es kommt fast jeden Tag vor, dass man sich gegenseitig einmal anschnauzt.

Ist die Arbeit gefährlich?

Neben den Lösemitteln und den Dämpfen in der Luft, welche sehr gefährlich für Augen, Lunge und Haut sind, beansprucht man seinen Körper extrem. Wenn man über längere Zeit Schleifmaschinen benutzt, geht das schon ordentlich in die Hand und zieht sich über den Arm bis zur Schulter. Durch das ganze Nass-schleifen, das eine sehr alte Methode ist, weichen die Finger erst sehr auf und dann werden sie rissig. Durch die Lösemittel geht das Nagelbett zurück und man spürt oft ein unangenehmes Brennen.

Gibt es Unzufriedenheit unter den Kollegen?

Die Kollegen beschweren sich alle über den psychischen Druck, der von den Existenzängsten des Chefs herrührt. Wir haben eigentlich eine sehr gute Auftragslage, daher verstehen wir nicht, wieso man es nicht allen einfacher machen möchte und noch mehr helfende Kollegen einstellt. Wir bekommen mit weniger Personal viel mehr Fahrzeuge und Teile fertig, als es in meinem Ausbildungsbetrieb der Fall war.

Worin besteht der größte Unterschied zwischen Kleingewerbe und Großbetrieb?

Pflichten und Aufgaben werden in einer kleinen Firma viel persönlicher übertragen und man versucht, die Arbeiter so zu erziehen, dass die sie die Arbeit mit dem Gewissen erledigen, als würde es ihre Firma sein. In einem Kleinbetrieb nimmt man, denke ich, viel mehr Verantwortung als in einem Großbetrieb auf sich. Im Kleinbetrieb wird es auch mal lauter und man kann seine Launen kaum verbergen. Im Großbetrieb hat man feste Arbeitszeiten und arbeitet meist nach Aufträgen und bekommt nicht dutzende Aufgaben zugleich.

Wie hängen deiner Meinung nach Arbeiter in Klein- und Großbetrieben zusammen?

Ob wir im Kleingewerbe oder im Großbetrieb arbeiten, wir bleiben Lohnarbeiter. Die Lackierer gehören zum Automobilsektor und dieser ist einer der größten in Deutschland. Es bedarf einer starken, radikalen Gewerkschaft, welche die Arbeiter führt und Forderungen aufstellt. Eben eine, welche die großen Konzerne in die Knie zwingen kann. Auch wir in den kleinen Betrieben arbeiten mit Produkten riesiger Konzerne. Wir sind ein Teil des Ganzen. Das sollte man nicht vergessen. Politisch ist es natürlich effektiver, in den Großbetrieben zu arbeiten, weil das Kapital dort viel stärker konzentriert ist, vor allem aber deswegen, weil die kleinen Betriebe aufgrund des demografischen Wandels und der Konkurrenz zerfallen.

Wie denkst du, dass man die Fahrzeuglackierung besser organisieren könnte?

Wie so oft, werden Berufe zwecks Kapitalgewinnung missbraucht oder erschaffen. Wer sich mit Fahrzeuglackierung beschäftigt, stellt fest, dass weder die Tätigkeit, noch das Verarbeiten der Produkte für den Menschen als auch für die Umwelt auf Dauer vereinbar sind. Die Gesellschaft sieht Fahrzeuge als Statussymbol an und dadurch werden viel zu oft Fahrzeuge repariert, welche durch ihren „Schaden“ überhaupt keine Funktionalität verloren haben. Am meisten macht mir die Arbeit Spaß, wenn das Fahrzeug durch die Reparatur länger erhalten bleiben kann und Ressourcen gespart wurden. In Kuba z.B.  werden trotz der schweren Bedingungen alte Fahrzeuge immer wieder repariert und am Laufen gehalten. Dadurch tut man der Natur einen Riesengefallen und am Ende sich selbst.