Als „Feminizid“ oder „Femizid“ wird die Tötung von Frauen aufgrund ihres Frauseins bezeichnet. In Deutschland werden solche Morde noch immer verharmlosend als „Familientragödie“, „Eifersuchtsdrama“ oder „Beziehungstat“ bezeichnet. – Eine Bestandsaufnahme von Dirk Paul Shevek

Solche Begriffe verschleiern die Realität, indem sie die Mordfälle zu Einzelschicksalen machen. In Wahrheit sind sie jedoch die brutale Auswirkung patriarchaler Gesellschaftsverhältnisse.

Statistisch versucht in Deutschland täglich ein Mann seine Frau zu töten, an jedem dritten Tag gelingt es einem. Im Jahr 2017 gab es insgesamt 138.893 angezeigte Fälle partnerschaftlicher Gewalt, darunter waren 113.965 Mal die Frauen das Opfer (82,1 %). Die Dunkelziffer dürfte in diesem Bereich enorm sein. Viele Frauen zeigen häusliche Gewalt aus Angst vor weiterer Gewalt gegen sich oder ihre Kinder nicht an. 141 Frauen starben im selben Jahr durch ihren Ex-Partner.

Dies ist eine erschreckende Zahl. Das Problem mit solchen Zahlen ist ihre Abstraktheit. Ständig und überall hören und lesen wir verstörende Statistiken. Zahlen von ermordeten Frauen, ertrunkenen Flüchtlingen oder getöteten Zivilisten in Kriegen. Unsere Ratio und Emotionen stimmen nicht mehr überein. Wir wissen von all dem Schrecken, doch die Abstraktheit der Zahlen lässt uns den Schrecken nicht fühlen. Es ist wichtig, dass wir den Blick auch immer wieder auf das konkrete Leiden richten.

Einige Beispiele

  • Am 07.Oktober 2018 wurde Heike C. von ihrem Ehemann Sören C. gefesselt, vergewaltigt, geschlagen, gewürgt und dann mit zwei Messerstichen ermordet. 20 Jahre lang waren sie ein Ehepaar. Sie hatten 2 Kinder. Jahrelang hatte Sören C. seine Frau zuletzt immer wieder misshandelt. Als Heike schließlich Anzeige erstattete und eine einstweilige Verfügung erwirkt hatte, kam es zum Mord.
  • Am 21. November starben in Jena 4 Menschen. Ein 38-jähriger Mann hatte seine Ex-Frau und ihren neuen Freund erstochen. Anschließend hat er sich und ein 3 Wochen altes Baby mit Rauchgasen getötet. Er verschloss Fenster und Türen und zündete einen Holzkohlegrill an.
  • In der Nacht vom 06. auf den 07. März diesen Jahres wurde in Neuhofen (Rhein-Pfalz-Kreis) eine 66- jährige Frau von ihrem Ehemann mit zwei Schüssen getötet. Zuvor hatte es einen Streit gegeben. Der Mann ließ sich festnehmen und gestand die Tat.
  • Am 08. April wurde Jana M., Mutter von 2 Kindern, in der Kleinstadt Preetz in Schleswig-Holstein von ihrem 12 Jahre jüngeren (Ex)-Freund erstochen. Dieser stellte sich kurz darauf der Polizei. Die Kinder wurden zu ihrem leiblichen Vater gebracht.
  • Am 26. April wurde eine 29-jährige Frau von ihrem Ex-Freund auf offener Straße in Neuss erschossen. Dieser wurde später schwer verletzt nach einem missglückten Selbstmord von der Polizei verhaftet. Das Amtsgericht Neuss sprach erst wenige Wochen vorher ein Kontaktverbot aus.

Dies sind nur einige der jüngsten Fälle von Mord an Frauen in Deutschland. Man findet diese Fälle als kurze Nachrichten in den Lokalzeitungen. Großes Aufsehen erregen sie nicht, weil sie noch immer als private Tragödien aufgefasst werden. Das Schweigen von Politik, Medien und Zivilgesellschaft führt dazu, dass das Morden weiter geht, denn Protest und Widerstand würden Leben retten. Dies zeigt uns Spanien.

Frauenbewegung erzwingt Aufmerksamkeit

In Spanien ist die Anzahl an Feminiziden in den letzten 10 Jahren um 50% gesunken. Zwar sind auch 47 ermordete Frauen im Jahr 2018 noch immer zu viel, doch der Unterschied zu Deutschland ist groß. Wie hat Spanien das geschafft? Der Rückgang der Morde ist ein Erfolg der feministischen Bewegung, welche die vielen Einzelfälle zu einem gesellschaftlichen Problem zusammengeführt hat. Wenn irgendwo eine Frau von ihrem (Ex-)Freund ermordet wird, finden sich Frauen zusammen und protestieren öffentlich.

Mittlerweile wird jeder Fall in den Medien analysiert, und das Sozialministerium veröffentlicht monatlich die Zahlen zu gewalttätigen Übergriffen. Die Folge ist, dass Gewalt gegen Frauen heute in Spanien gesellschaftlich stark verachtet ist und die Menschen hoch sensibilisiert sind.

In Deutschland sind wir von einer solchen Sensibilisierung heute noch weit entfernt. Sexismus und Frauenfeindlichkeit sind immer noch salonfähig. Seit Jahren etwa rappen die beiden Hamburger Gangsterrapper Gzuz und Bonez MC ihre Frauenverachtung ins Mikrofon und landen zum Dank damit auf Platz 1 der Album Charts. Nun berichteten die Ex-Freundinnen von beiden Rappern über häusliche Gewalt auf ihren Profilen in sozialen Medien. Würden Musiker in ihren Liedern in ähnlicher Weise über MigrantInnen sprechen, wie sie es über Frauen tun, würden sie berechtigterweise kaum mehr einen Fuß auf den Boden bekommen. Für Sexismus gelten anscheinend andere Maßstäbe.

Es wird Zeit, dass auch Deutschland ein hartes Pflaster für Machos und Gewalttäter wird. Dafür dürfen Morde an Frauen zu allererst nicht mehr unter ferner liefen in der Lokalpresse verschwinden, nur um dann als erschreckende Gesamtzahl jeweils am Ende des Jahres in der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) und ein paar überregionalen Zeitungen wieder zu kehren. Nicht zuletzt gilt: Feminizide sind keine Beziehungsdramen.