Fast zwei Monate befand sich der sozialistische Aktivist Özkan Özdemir in einem unbefristeten Hungerstreik. Er unterstützte damit die Forderungen der 7.000 kurdischen Gefangenen im Kampf gegen Isolationshaft und für politische Rechte. Im Interview mit der sozialistischen Nachrichtenagentur ETHA wertet er den Erfolg des Hungerstreiks und seinen Verlauf aus. 

Wie geht es deiner Gesundheit? Wie wirst du gesundheitlich behandelt?

Meiner Gesundheit geht es durchaus gut. Ich habe im Hungerstreik 17 Kilo verloren. Wegen dem Gewichts- und Energieverlust habe ich einige Schmerzen und bin schnell erschöpft. Aber die wöchentlichen Ärztekontrollen und die erfahrenen GenossInnen, die mich in dieser Zeit begleitet haben, waren positive Faktoren im Hinblick auf meine Gesundheit.  In den nächsten Tagen werden einige Tests zu meinen Organfunktionen gemacht. Ich denke, es werden keine besonderen Probleme auftreten.

Gerade nehme ich weiterhin B1-Tabletten und Flüssigkeiten zu mir, um die Verdauung zu vereinfachen und anderen Komplikationen vorzubeugen. Dies wird eine Woche lang so weitergeführt. Danach werden wir anfangen, verschiedene Produkte zu essen, je nachdem was unser Körper gerade braucht und verträgt. Wir denken, dass sich mein Immunsystem und Körper in 3-4 Wochen normalisieren.

Was sagst du zu den Erfolgen des Widerstands?

Erst einmal möchte ich sagen, dass unser Widerstand mit Erfolg beendet wurde, ohne es nach links oder nach rechts zu verdrehen. Dieser Sieg hat der Lüge der Unbesiegbarkeit der faschistischen Diktatur einen Hieb verpasst und den Völkern, den ArbeiterInnen und Unterdrückten den Weg gezeigt, der gegen jede Form von faschistischen und reaktionären Angriffen gegangen werden muss.

Mit dem unbefristeten Hungerstreik und dem Todesfasten gegen die Isolation haben wir ideologische, politische und praktische Erfolge gewonnen. Wir haben ideologisch gewonnen: Allen voran haben wir den Widerstand auf die Fahne geschrieben gegen die Angriffe, die darauf zielten, uns zu beugen. Dass wir an der Revolution und dem Sozialismus am Beispiel des Kampfes gegen die Isolation festgehalten haben, ist ein zweiter Erfolg. Die geschaffene Moral unter den politischen Kräften, die in der Folge Schritt für Schritt konkrete und praktische Errungenschaften gewonnen haben, ist ein anderer ideologischer Erfolg. Dass – auch wenn zu spät – bestimmte Kreise mit einem „klassenlosen“, nur „menschlichen“ Blickwinkel angefangen haben, sich mit dem Ziel des Widerstandes richtig zu befassen, die Legitimität des Kampfes zu verstehen, ist ein weiterer ideologischer Erfolg.

Unser Widerstand hat politische Erfolge erzielt. Angefangen von der politischen Massenbewegung, die geschaffen wurde, die das Schweigen auf den Straßen unter der Führung der Gefangenenmütter gebrochen hat, hatte der Widerstand die Potenziale in sich gesammelt, das Regime zu zerrütten. Der entschlossene Widerstand unserer Mütter hat das unmenschliche Gesicht des Faschismus unzählige Male offen gelegt. Ein anderer politischer Erfolg war es, dass einige Gewerkschaften, NGOs und zivile Organisationen, die sich zurückgezogen hatten, mutiger wurden und sich neben den Forderungen der Hungerstreikenden positioniert haben.

Erinnern wir uns: Eine Gruppe von Intellektuellen hatte unter dem Deckmantel der Unterstützung der Hungerstreikenden eine Erklärung veröffentlicht, die die Gefangenen dazu aufrief, „den Widerstand zu beenden, weil das Regime nicht zurückweichen wird“. Ich denke auch, dass die Erfüllung der Hauptforderung des Widerstands eine politische Antwort auf diesen Aufruf ist. Die faschistische Diktatur musste die Forderungen der Unterdrückten auf ihre Tagesordnung setzen und diese erfüllen.

Wenn ich mir die Ergebnisse der Kommunalwahlen am 31. März und den 1. Mai angucke, glaube ich, dass unser Widerstand es auch geschafft hat, dass der Faschismus seine inneren und äußeren Angriffe – auch wenn nur befristet – zurückschrauben musste.

Unser Widerstand hat eine Reihe praktischer Erfolge erzielt. Der Führer des kurdischen Volkes Abdullah Öcalan wurde nach Jahren von seinem Bruder besucht. Leyla Güven, die Frau, die an der Spitze des Widerstands stand, wurde aus ihrer Haft entlassen. Öcalan wurde nach acht Jahren von seinen Anwälten besucht. Alle Versuche des Regimes, den Widerstand zu brechen, sind ins Leere gelaufen und der Justizminister musste sich zu dem Thema äußern. Der Rassist Devlet Bahceli musste sogar eine „nicht blutige“, nicht aufhetzende Rede halten, die das Ende der Isolation legitimierte. Zusätzlich ist eine neue Massenbewegung gegen die Isolation und den Faschismus entstanden. Als letztes mussten die europäischen Imperialisten, die den Faschismus politisch und wirtschaftlich unterstützen, ihr Schweigen beenden und das Anti-Folter-Komitee CPT konnte Delegierte in die Gefängnisse schicken.

Wir wird sich dieser Erfolg auf den AKP-Faschismus auswirken?

All diese Erfolge werden im Kampf gegen den AKP-Faschismus in der nächsten Zeit eine besondere Rolle spielen. Im Allgemeinen ist das Selbstbewusstsein der antifaschistischen Bewegung gestiegen. Daran gebunden wurde die Notwendigkeit des vereinten Kampfes gegen den Faschismus noch einmal unter den gesellschaftlichen Kräften ins Bewusstsein gerufen. In den breiten Massen hat sich das Gefühl entwickelt, dass man etwas gegen das AKP-Regime sagen muss, in Bewegung treten muss. Der Widerstand des kurdischen Volkes und der Mütter sind ein Beispiel für die Bewegung in der Türkei. Angefangen von den „Zwangswahlen“ in Istanbul sind die Möglichkeiten dafür geschaffen, dass die Völker einen noch stärkeren Willen und Standpunkt gegen die Angriffe im inneren und äußeren der AKP-Diktatur schaffen können. Die nächste Zeit wird zweifellos verschiedene Formen offen legen.

Wie muss der Kampf gegen die Isolation ab heute weitergeführt werden?

Der Widerstand richtete sich, angefangen von der Totalisolation gegen Öcalan, politisch gegen die Isolation der Gefangenen und der Gesellschaft. Schließlich wurde ein erstes Stadium des Widerstandes mit dem Ende der Totalisolation erfolgreich beendet. Unter den Menschen wurde eine Sensibilität gegen die Isolation geschaffen. Natürlich müssen die Angriffe gegen die Gefangenen weiterhin im Zentrum unserer Arbeit stehen. Wir dürfen nie vergessen, dass der Faschismus seine Angriffe zur Gleichschaltung der Gesellschaft immer in den Gefängnissen startet.

Als zweites dürfen wir nicht vergessen, dass der Kampf gegen die Isolation in der Gesellschaft mit der Verteidigung und Gewinnung der politischen Freiheiten auf den Straßen verbunden werden muss. Wir können den Faschismus, der seine eigenen Gesetze bricht, nur organisiert bekämpfen. Die Zerschlagung der gesellschaftlichen Isolation kann nur mit dem Ende des Faschismus realisiert werden, und dies wird nur dann geschehen, wenn wir den vereinten Kampf gegen den Faschismus weitertragen und vergrößern.

Was kannst du zu der Zeit des Widerstandes sagen? Was hat gefehlt? Was war genau richtig? Wie sieht deine Antwort im Besonderen für Europa aus?

Unser Widerstand hat in Europa unsere Stärken und Schwächen aufgedeckt. Allen voran haben wir gesehen, dass die MigrantInnen aus der Türkei und Nordkurdistan weiterhin sensibel für die Entwicklungen in ihren Heimatländern sind. Sie sind ein Teil des Widerstandes geworden, entweder in Form von Hungerstreiks, oder auch durch Massenaktionen, Demonstrationen, Treffen, Podiumsdiskussionen und Besetzungen. Dass die Vereine und Lokale, in denen AktivistInnen im Hungerstreik sind, ständig massenhaft besucht wurden, war die Hauptquelle der Moral und Motivation für die Hungerstreikenden. Man hat versucht, das faschistische Gesicht des türkischen Staates offen zu legen und die Sensibilität für das Thema zu steigern.

Diese Zeit hat aber auch Mängel und Schwächen in sich getragen. Die Arbeit unter den MigrantInnen aus der Türkei und Kurdistan konnte nicht kontinuierlich geführt werden. Wir müssen unsere Arbeit unter den Massen, abgesehen von bestimmten Tagen im Kalender, in unsere tägliche Arbeit integrieren und die Organisierung von Menschen im täglichen politischen Kampf zu einer Gewohnheit machen. Außerdem haben wir noch einmal unsere Begrenztheit im Hinblick auf die Beziehungen mit den Völkern hier, diplomatische Arbeit und internationalistische Beziehungen erfahren. Schließlich müssen wir zugeben, dass unser Widerstand es nicht geschafft hat, das Schweigen der europäischen Imperialisten und die Medienblockade vollständig zu durchbrechen. Der einzige Weg, diese Schwächen auszubessern ist es, unsere Beziehungen mit den ArbeiterInnen und Unterdrückten zu vertiefen, kontinuierliche und praktische Verhältnisse aufzubauen und uns weiter zu institutionalisieren.

Eine letzte Frage zum Schluss. Sagt ihr: „Wir haben die AKP besiegt“?

Ja, ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass wir den AKP-Faschismus dieses Mal am Beispiel der Totalisolation besiegt haben. Ich glaube auch, dass wir mit der Kraft und dem Mut, den wir aus diesem Sieg gewonnen haben noch weitere Niederlagen für die AKP gewinnen werden. Hauptsache, die politischen führenden Kräfte glauben an ihre eigene Kraft und sind entschlossen, die vereinigte Kraft und den Willen der ArbeiterInnenklasse und Unterdrückten zu schaffen. Kein Angriff kann vor dem revolutionären Stolz, der Entschlossenheit und dem Widerstand stehen.

Als letztes; ich gedenke noch einmal der GenossInnen, die aufgrund der Selbstopferungen gefallen sind und begrüße angefangen von Leyla Güven alle revolutionären und kommunistischen Gefangenen, die uns geführt haben. Ich möchte noch einmal wiederholen, dass wir unsere Mütter, die auf den Straßen unmenschlichen Angriffen zum Trotz die Angst besiegt und uns ermutigt haben, zum Beispiel im Kampf gegen den Faschismus nehmen werden.