In den letzten zehn Jahren griffen die Jugendämter immer häufiger zur äußersten Maßnahme: Inobhutnahme des Kindes nach Paragraf 42 des achten Sozialgesetzbuchs. Demnach kann oder muss das Jugendamt ein Kind aus seiner Familie nehmen, wenn eine dringende Gefahr für das Wohl des Kindes vorliegt. Die Kinder können dann entweder in einer pädagogischen Einrichtung oder einer Pflegefamilie untergebracht werden.

Aus einer Anfrage der Partei Die Linke im Bundestag geht nun hervor, dass die Zahl der in Pflegefamilien gebrachten unter 18-Jährigen in den letzten Jahren stark gestiegen ist. Im Jahr 2017 waren es 81.000 Kinder und Jugendliche. 2008 waren es nur etwas mehr als 60.000. Das ist eine Steigerung um 35%. Die Anzahl derer, die in Heimen untergebracht wurden, stieg im selben Zeitraum sogar um 46% auf knapp 100.000.

Betroffen sind vor allem Kinder aus armen Familien. 78% der Kinder in Pflegefamilien kommen ursprünglich aus Familien, die sogenannte staatliche Transferleistungen bezogen haben. 55% haben bei Alleinerziehenden gelebt. Der kinder- und jugendpolitische Sprecher der Linksfraktion und Mitverantwortlicher für die Anfrage, Norbert Müller, sieht die Schuld für die gesteigerten Inobhutnahmen deshalb in der Armut und einer gescheiterten Sozialpolitik. Er machte auch darauf aufmerksam, dass es sein könne, dass Jugendamt-MitarbeiterInnen bei Familien mit Hartz 4-Bezug vorschnell zur Inobhutnahme greifen würden, weil sie Vorurteile hätten und den Eltern eine angemessene Erziehung nicht zutrauten.

Armut mag zwar der wichtigste Faktor dafür sein, dass ein Kind in die Lage, gerät aus seiner Familie genommen zu werden. Doch den Anstieg der letzten Jahre mag dies allein nicht erklären. Im Gegensatz zu dem rasanten Anstieg der Inobhutnahmen ist die Zahl der Armutsverbreitung in den letzten zehn Jahren relativ konstant geblieben.

Ein wahrscheinlicherer Grund ist die gestiegene Sensibilität für das Kindeswohl, nicht nur bei den Mitarbeitern des Jugendamtes, sondern gesamtgesellschaftlich. Das Bild darüber, was heute eine gute Elternschaft und Erziehung ausmacht oder was eine angemessene Umgebung für das Aufwachsen von Kindern ist, hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Auch haben öffentlichkeitswirksame Fehler des Jugendamts vermutlich dazu geführt, dass lieber einmal zu früh als zu spät gehandelt wird.

Linken-Politiker Müller fordert deshalb von der Regierung mehr Geld für präventive Arbeit, also Maßnahmen, die dazu führen sollen, dass es gar nicht erst dazu kommt, dass Familien getrennt werden müssen.