Am 01.07.1999 wurde Erol Ispir in Köln-Kalk in den Vereinsräumen der Föderation der ArbeitsmigrantInnen in Deutschland (AGIF) von zwei türkischen Faschisten ermordet. Wir haben ein Interview mit Deniz Boran von der Initiative „Gerechtigkeit für Erol Ispir“ geführt.

Was war das Motiv der Ermordung und wie war die politische Situation zu der Zeit?

In der zweiten Hälfte der 1990er spitzte sich die politische Situation in der Türkei und in Kurdistan enorm zu. Während die kurdische Revolution weiterhin einen Aufschwung erlebte, der den Guerillakrieg mit den Kämpfen in den Städten verband, die revolutionäre kommunistische Bewegung der Türkei ihre Krise seit dem Militärputsch 1980 überwand und immer mehr mit ArbeiterInnen, Frauen und Jugendlichen in Berührung kam, hat das kolonialistische und faschistische Regime in der Türkei den schmutzigen Krieg weiterentwickelt. Folter, Verschwinden lassen, die gezielte Ermordung von kommunistischen und kurdischen Kadern und leitenden RevolutionärInnen gehörten zum Alltag.

Diese Situation erreichte mit dem internationalen Komplott gegen den Führer der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Abdullah Öcalan, einen Höhepunkt. Nach der Festnahme und der Überführung Öcalans in die Türkei machten sich auch faschistische und rassistische Strukturen in Deutschland auf die „Jagd gegen KurdInnen“. Die demokratischen, revolutionären und kommunistischen Kräfte hingegen leisteten Widerstand. Türkische Cafes wurden regelrecht als Stützpunkte dieser paramilitärischen Banden genutzt. Die zwei Mörder Erol Ispirs gehörten ganz offen dem faschistischen und rassistischen Lager der türkischen „Grauen Wölfe“ an. Das erkannte auch das Gericht später an.

Wer war Erol Ispir?

Erol Ispir ist 1966 als Kind einer armen Familie in Elbistan, einer Stadt in Nordkurdistan (Türkei), geboren worden. Wegen der kolonialistischen Angriffe und der nationalen Unterdrückung durch den türkischen Staat musste die Familie nach Deutschland fliehen. In Deutschland war Erol Mitglied der Föderation der ArbeitsmigrantInnen in Deutschland (AGIF) und arbeitete in deren Kölner Verein.
Ihn machte vor allem sein grenzenloses Engagement aus. Er war es, der den Verein morgens öffnete und abends wieder schloss. Er kochte den Tee und machte das Essen. Er ging mit den Kindern des Vereins auf den Spielplatz und organisierte Veranstaltungen.

Wahrscheinlich wurde Erol Ispir nicht gezielt als Opfer der Faschisten ausgewählt. Trotzdem war seine Ermordung kein Zufall. Denn die Mörder planten, jemanden dann zu töten, wenn die Person allein im Verein war. Und aufgrund seiner revolutionären Verantwortung war das immer Erol.

Wie ging das Verfahren aus? Wurden die Täter bestraft?

Obwohl die KommunistInnen noch am Tag seiner Ermordung eine starke Gegenreaktion zeigten, praktisch und legitim die Stützpunkte und Treffpunkte der Faschisten angriffen und so ein Zeichen setzten, schafften es die beiden Täter, in die Türkei zu fliehen.

Einer der beiden Täter hat sich später der deutschen Polizei gestellt. Seine Frau hatte die Polizei auf ihn hingewiesen. Es begann ein Verfahren, das 2003 schließlich vor dem Bundesgerichtshof beendet wurde. 18 Monate Gefängnis zur Bewährung ausgesetzt, dass war die Strafe für den politischen Mord an Erol Ispir. Der andere Täter, der die Türkei nicht verließ, wurde gar nicht bestraft. Das Gericht verwies zwar auf die Nähe der beiden Täter zu einer „kurdenfeindlichen politischen Gesinnung“, hat dies aber für unzureichend erklärt, um den Mord zu einer politischen und organisierten Tat zu machen. Um es kurz zu sagen, der Fall Erol Ispir blieb quasi straflos.

Nun ist es 20 Jahre her. Was fordert ihr?

Wir wollen erinnern und fordern Gerechtigkeit. Vor 20 Jahren wurde mitten in Köln-Kalk ein Mensch ermordet und die Täter mussten nicht in Haft, sind mit Bewährung bzw. vollkommen ohne Strafe davon gekommen. Das Gericht entpolitisierte das Verfahren und ließ ganz offensichtlich Beweise unter den Tisch fallen.

Es ist an Heuchelei nicht zu überbieten, dass das Innenministerium von NRW genau diesen Fall 15 Jahre nach der Urteilsverkündung dazu genutzt hat, um auf die Gewaltbereitschaft der „Grauen Wölfe“ aufmerksam zu machen, damit sie vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Wir fordern heute noch Gerechtigkeit.

Außerdem stehen die Cafés und die Lokale von rassistischen und faschistischen Strukturen immer noch dort, wo sie vor 20 Jahren standen. Die Grauen Wölfe gibt es weiterhin. Faschistische und paramilitärische Strukturen mit Bezug zur AKP gibt es ebenso. Sie sind in unseren Stadtteilen. Sie organisieren sich in Cafés, in Vereinen und in Moscheen.

Wir werden weitermachen, bis der Fall Erol Ispir vollständig aufgeklärt ist, bis die faschistischen Strukturen zerschlagen sind und Gerechtigkeit erkämpft wurde. Wir rufen alle dazu auf, sich an unserer Demonstration am 01.07.2019 von Köln-Kalk Kapelle zur Taunusstraße, dem Ort des Geschehens, zu beteiligen.