Kunst & Widerstand in Eigenregie. Straßenfest trotz Regens erfolgreich. Polizei und Ordnungsamt blieben fern. – Ein Interview mit Elmar Wigand, Initiator der Restaurierung.

Zwischen 60 bis 80 Personen versammelten sich am Sonntag, 18. August 2019, ab 15:00 Uhr, in der Kölner Südstadt, um ein Straßenfest zu feiern. Währenddessen restaurierten MalerInnen ein sechs Meter hohes Kunstwerk des „Aachener Wandmalers“ Klaus Paier aus dem Jahr 1990, das an den letzten Arbeiteraufstand gegen das Nazi-Regime 1933 erinnert.

Das Besondere: Die Aktion war unangemeldet und verlief ohne Genehmigung oder Förderung – und dennoch ohne Zwischenfälle. Verantwortlich waren ein Ad hoc-Komitee „Kunst & Widerstand“, VeteranInnen der „Antifaschistischen Südstadt“(1992-94). Support kam von der „Antifa-Sülz“, dem „Hausprojekt Metzer Straße“ und vielen Einzelpersonen. Es gab Essen und Trinken und die Kölner Musiker Klaus der Geiger. Erdal Aslan und Geigerzähler Paul aus Berlin sorgten für Musik. Die Hintergründe des Bildes erläutert neuerdings eine silberne Wandtafel, auf der dessen Text ganz unten dokumentiert ist.

Was ist das Besondere an dem Bild in der Elsass-Straße?

Mein Freund Geigerzähler Paul sagte, dass es etwas Vergleichbares in Berlin nicht gäbe. Und mich würde interessieren, wo sonst in Deutschland? Es gab in Berlin bekannte und sicher auch wichtige Wandbilder, aber als sie weg waren, waren sie weg. Das Besondere an unserem Bild ist, dass wir es Anfang der 90er gegen heftigen Widerstand zweimal wieder herstellen mussten, bis das Kunstwerk einen inoffiziellen Bestandsschutz durch die Stadt erhielt. Unsere Stadtteilgruppe „Antifaschistische Südstadt“ hatte sich vorgenommen, das Bild durchzusetzen. Und das haben wir am Ende auch geschafft. Aber es war viel Arbeit. Wir mussten den öffentlichen Druck, die Empörung stetig steigern und strategisch klug vorgehen. Seit 1993 ließ die Stadt Köln das Bild zwar in Ruhe, ließ es andererseits jedoch auch verwahrlosen, während die Stadt Aachen die Bilder des „Aachener Wandmalers“ unter Denkmalschutz stellte und heute restauriert. Und während halb Ehrenfeld bald mit staatlich geförderter Street Art zugekleistert wird – bis auf einige Ausnahmen oftmals mit unpolitischem Schrott oder gar Kitsch – ist politische Kunst weiter unbequem und nur am Rande geduldet. Aber das ist auch kein Wunder….

Warum habt ihr soviel Aufwand für ein Wandbild betrieben?

Das Bild ist auf verschiedene Weisen bedeutsam: Erstens muss der Aachener Wandmaler Klaus Paier heute als wichtiger Wegbereiter der deutschen Street Art gelten. Er begann in den 1970er Jahren im Umfeld der operaistisch-revolutionären ZeitschriftAutonomie illegale Bilder zu malen. Ein Vorbild für seinen Malstil, also seine Figuren, war George Grosz. Als junger Autonomer kannte ich zwei Bilder aus Postern und linken Zeitschriften: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ – nach dem berühmten Gedicht vonn Paul Celan – und „Es herrscht immer Krieg in den Städten“. Ferner die Kölner Serie „Südafrika brennt“. Fast alles davon ist verschwunden.

Zweitens rief das Bild militanten Widerstand gegen den Faschismus als Handlungsoption ins Gedächtnis und erinnerte an ein Ereignis der Kölner Stadtgeschichte, das ansonsten vergessen wäre. Viele kennen die Kölner Edelweiß-Piraten, die gegen Ende des Krieges im zerbombten Köln aktiv wurden, aber wenige wissen, wie es zu Anfang der Nazi-Herrschaft abging. Und noch weniger wissen – nebenbei bemerkt – wie zwischen der Novemberrevolution 1918 und 1923 der Grundstein für den Faschismus gelegt wurde. Und wer dafür verantwortlich war.

Drittens ist der Hochbunker, auf dem das Bild prangt, selbst ein Erbe der Nazizeit. Was ich erst im letzten Jahr durch einen Aufsatz von Werner Rügemer über Adenauer, die Novemberrevolution in Köln und die hiesige Rüstungsindustrie gelernt habe: In Köln nahm der Bombenterror aus der Luft seinen Ausgang. Am Anfang des 1. Weltkriegs – damals noch per Zeppelin. Die deutsche Luftwaffe warf von Köln aus damals schon Bomben auf Lüttich, Antwerpen, London und öffnete so die Büchse der Pandora. Das gezielte Töten von unbeteiligten Zivilisten durch imperiale Mächte ist heute so geläufig, dass wir fast vergessen: Es ist ein Kriegsverbrechen.

Das Bild hat inzwischen eine eigene Widerstands-Geschichte. Erzähl mal etwas dazu!

1990 feierte die Südstadt-SPD noch ihr traditionelles Straßenfest in der Elsass-Straß – ein Relikt aus der Zeit, als die Straße eine rote, rebellische Hochburg war. Immerhin war damals noch eine eigene Polizeiwache dort stationiert, obwohl das Polizeihauptqaurtier unweit am Waidmarkt lag. Der Ortsverein galt als links und Klaus Paier hatte dorthin wohl Verbindungen. Er malte das Bild also im Kielwasser und Schutz des SPD-Straßenfests. Es ist heute kaum mehr vorstellbar, dass die SPD überhaupt für so etwas in Frage käme. Aber damals schon unternahmen die Spezialdemokraten nichts, als die Stadt Köln das ungenehmigte, also illegale Bild entfernen ließ. Kämpfen für Sachbeschädigung? Gott bewahre! Wir hingegen als Antifaschistische Südstadt waren schockiert. Der Neonazi-Terror rollte damals über das Land, Häuser von türkischen NachbarInnen brannten, „Asylantenheime“ wurden angegriffen.

Wir meldeten ebenfalls ein Straßenfest an und malten das Bild am 6. März zum 60. Jahrestag des Aufstands neu. Wir mussten damals tatsächlich mit über 100 Leuten die Polizei davon abhalten, Personalien der MalerInnen festzustellen. Das Bundesvermögensamt und die Stadt übermalten das Bild ausgerechnet an Hitlers Geburtstag, am 20. April 1993. Das war eine Kampfansage. Wir sammelten Unterschriften, protestierten vor dem Bundesvermögensamt in Köln-Deutz und machten ordentlich Tamtam. Dann entschieden wir uns, offen und öffentlich zur Wiederbemalung im Oktober 1993 zu mobilisieren. Wenn die Staatsmacht hier wieder eingeschritten wäre – ich weiß nicht was passiert wäre! Womöglich hätte es gar ein Reenactment (Neuinszenierung) des historischen Aufstands vom 3. März 1933 gegeben. Genug Wurfmaterial war jedenfalls da: Flaschen, Geschirr, Kuchen und Bratwurst. Wie es in Köln so üblich ist: Bei genug Druck sucht die Obrigkeit den Weg des geringsten Widerstands.

Und wie klappte es bei der Restaurierung?

Es ließ sich kein Polizist und kein Ordnungshüter blicken. Denn auch jetzt war das Straßenfest unangemeldet. Wir hatten Diskussionen, ob wir die Stadt nicht zu einer Restaurierung drängen oder Fördergelder beantragen sollten. Mit City-Leaks und ähnlichem Förderkunst-Kram sind ja heutzutage reichlich Töpfe vorhanden. Ich meine aber, dass gute, rebellische Kunst unangemeldet sein muss. Dass der Entstehungsprozess in die Aura des Bildes einfließt. Der Aufstand 1933 war schließlich nicht nur unangemeldet, sondern die Kölner Polizei folgte der SA sogar mit einem Maschinengewehrwagen. In Köln war die Polizei der bewaffnete Arm der Nazis. Klaus Paier malte das Bild auch ohne Genehmigung. So sollte es bleiben.

Inzwischen hatte sich die rechtliche Grundlage zwar geändert – von Sachbeschädigung konnte keine Rede mehr sein. Statt dessen haben wir ja Sachaufwertung und -wiederherstellung betrieben. Aber da die Kölner Polizei und das Ordnungsamt unberechenbar auftreten, mitunter als militanter Arm der CDU, manchmal auch der AfD, waren wir dennoch vorsichtig. Ich erinnere an eine Privatparty eines ZDF-Reporters in Köln-Widdersdorf, die am 10. Juni 2019 brutal durch eine Hundertschaft überfallen wurde. Da reichten ein paar BMWs, Freunde mit Migrationshintergrund und ein Nachbar, der sich über Ruhestörung beschwerte, um den Beiß-Reflex der Freunde und Helfer auszulösen. Sie dachten sofort, da seien „kriminelle Familien-Clans“ am Werk.

Uns hätte man dementsprechend vielleicht als „gewaltbereite G 20-Chaoten“ – oder was einem Ordnungshüter bisweilen durch den Schädel brummt – sehen können. Wir haben deshalb nur per Mundpropaganda, E-Mail und Flyer mobilisiert. Kein Facebook, keine Plakate oder öffentlichen Aushänge.

Wichtig für den Erfolg war auch professionelles Auftreten: Selbstbewusst, überzeugend, selbstverständlich. Wir hatten eine freundliche Straßensperre mit Warnweste, Absperrband, selbst gebastelten Ausweisen. Viele AnwohnerInnen und PassantInnen dachten, es handle sich um Filmaufnahmen. Ferner dürfte auch der nagelneue profi-mäßige Elektro-Wagen mit Hebebühne zum überzeugenden Bild beigetragen haben. Niemand hat sich beschwert. Warum auch? Die Leute haben sich gefreut. Schließlich gehört das Bild laut Buchautor Bernd Imgrund zu einem der 101 Orte Kölns, die man gesehen haben muss, dauernd halten Stadtführungen davor.

Das Bild wurde ausgerechnet an deinem 50. Geburtstag restauriert, warum das?

Ich wollte etwas Sinnvolles tun, anstatt mir Reden über mein Leben anzuhören und mit alten Säcken von damals zur Musik von damals zu tanzen und zu saufen. Ich habe mich schon vor einem Jahr gefragt: Was habe ich bisher in einem halben Jahrhundert geleistet? Was hat irgendwie Bestand? Nun, vielleicht unser Verein „aktion ./. arbeitsunrecht“ – Möge er lange leben und gedeihen! Das Wandbild gehörte auf jeden Fall zu meinen positivsten Erinnerungen, was Selbstorganisation und politische Aktionen angeht. Ich bin zwar 1996 aus der Südstadt weg gezogen, habe mich aber persönlich weiter mit dem Bild identifiziert und mich jedes Mal geschämt, wie es über die Jahre verfiel. Zuletzt war die untere Bildhälfte fast vollständig mit Graffiti übermalt. Ich folge dem Motto: Es gibt nichts Gutes, außer Du tust es! Zum Glück haben sehr viele mitgemacht. Insgesamt waren wohl über ein Dutzend Leute direkt aktiv, alle mit eigenständigen Aufgaben und Bereichen. Das lief alles wie am Schnürchen – ganz toll!

Wie geht es weiter?

Ich überlege, ob wir die Bunkerwand nicht stilvoll ergänzen und ausbauen sollten – zu einer Art Fresko des Kölner Widerstands. Aber da gehen die Meinungen in meinem Umfeld, das in der Elsass-Straße aktiv wurde, auseinander… Auf der Luxemburger Straße am ehemaligen Arbeitsamt hat ein anderes Bild von Klaus Paier überlebt – es zeigt einen Bettler. Eine Art Punker im Trenchcoat, der die „Haste-mal-ne-Mark“-Geste macht. Vielleicht restaurieren wir das auch…

Ach ja: Das Ganze kostete auch Geld -vor allem die Hydraulik-Bühne, das Bier und so weiter. Wir brauchen noch ein paar Spenden, um nicht drauf zu zahlen. Hier könnt ihr online überweisen: aktion.arbeitsunrecht.de/de/kunst-und-widerstand


Text der angebrachten Wandtafel

Woran erinnert das Bild in der Elsass-Straße?

Dieses Wandbild hat das letzte öffentliche Aufbegehren der historischen Kölner Arbeiterbewegung gegen den Faschismus am 3. März 1933 zum Thema.
Anwohner*innen der Elsass-Straße bewarfen die SA, als die Nazis in Marschformation von der Bonner Straße in die rote Hochburg eindringen wollten; Boxer und Turner verdroschen die ersten Reihen.

Es war nicht mehr als ein kurzer Moment des Triumphs. Die Kölner Polizei nutzte den Anlass und schoss mit einem Maschinen-Ggewehrwagen in die Häuser, verhaftete rund 70 Personen und misshandelte sie.

Die Arbeiterbewegung war unfähig, organisiert Widerstand zu leisten. Sie konnte die Mordmaschine nie ernsthaft behindern. Die „Machtergreifung“ der NSDAP war im Kern ein Staatsstreich, den Kölner Behörden, große Teile der „Elite“, führende Industrielle und ihre Medien begeistert unterstützten.

Der „Aachener Wandmaler“ Klaus Paier (*8.11.1945, † 9.7.2009) hat das Bild im August 1990 geschaffen. Die Stadt Köln ließ es zweimal übertünchen, weil es stets ohne Genehmigung entstand. Das Verhalten der Obrigkeit rief breite Empörung hervor. Die Stadtteilgruppe „Antifaschistische Südstadt erneuerte das Wandbild im März und Oktober 1993.

Das Gebäude selbst ist ein Erbe der Nazizeit – ein Hochbunker aus dem Jahr 1942. Er bot nur einem Bruchteil der Bevölkerung Schutz, dem etwas zuvor kommen sollte: die völlige Zerstörung der Kölner Innenstadt und der meisten Arbeiterstadtteile. Der Bombenterror kehrte zurück an seinen Ursprung: Der Zeppelin „Cöln“ war am 14.8.1914 vom Butzweilerhof gestartet, um die ersten Bomben auf eine europäische Stadt zu werfen. Sie trafen Lüttich im neutralen Belgien.

Der Aufstand in der Elsass-Straße mahnt uns –  zu Wachsamkeit und Einigkeit im Widerstand.