Die (verständliche) Reaktion vieler Menschen auf die Angriffe in Halle – sei es in sozialen Medien oder in persönlichen Gesprächen – war nicht selten: „Was für ein kranker Psycho-Typ“. Mag sein, dass ihm ein Arzt eine psychologische Störung attestieren kann. Doch rechter Terror lässt sich nicht dadurch erklären. Rechter Terror ist Teil des Faschismus, ein Herrschaftsinstrument und eine Bewegung mit bewussten Zielen. – Ein Kommentar von Tim Losowski

„Gamification“ – dieses neue englische Wort schlängelt sich gerade durch die Medienlandschaft. Der Begriff versucht, den rechten Terror von Halle damit zu erklären, dass der Attentäter sich wie in einem Computerspiel bewegt habe, sich quasi von der Realität entkoppelt habe. Dass er seine Tat auf „twitch“ gestreamt hat, wird so zum Erklärungsmuster für rechten Terror. Der Subtext: Stephan B. war ein psychisch kranker „einsamer Wolf“, radikalisiert wegen der schrecklichen Neuheiten des Internets. Diese Erklärung ist brandgefährlich.

Rechter Terror ist nicht neu…

Um es platt zu sagen: rechten Terror gab es schon vor dem Internet – und zwar massenhaft. So hatte Hitlers „Schutzstaffel“ (SS) auf ihrem Höhepunkt über 500.000 Mitglieder. Es ist klar, dass das nicht alles „Psychos“ waren. Sie waren ideologisch überzeugte Faschisten – genauso wie der Attentäter von Halle.

Stephan B. hatte ein geschlossenes neonazistisches Weltbild: Hass auf Nicht-Weiße, Feministinnen, Linke – und hinter all dem stehen „die Juden“. Das ist natürlich ein absurder Verschwörungswust, doch es ist die Ideologie, die in Deutschland schon einmal Millionen Menschen mobilisiert hat.

und hat Ziele

Sie haben sich hinter die Welteroberungspläne der deutschen Nazis Richtung West und Ost gestellt – genauso wie die deutschen Kapitalisten. Diese haben den Faschismus gefördert, weil sie sich durch ihn eine deutsche Großmacht und die Niederschlagung der ArbeiterInnenbewegung erhofften. Nazis – ob mit Gewehr oder mit dem Geldbündel in der Hand – hatten bewusste Ziele.

Dafür haben sie den rechten Terror gezielt gegen Millionen Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Menschen mit Behinderung, KommunistInnen und Partisanen sowie gegen gegnerische Militärs eingesetzt.

Natürlich muss uns diese menschenverachtende Herrschaftspolitik widerlich und fremd sein – und doch dürfen wir den Faschismus nicht einfach zu einer psychischen Krankheit erklären. Wir müssen ihn ernst nehmen.

Rechte Terrornetzwerke existieren seit langem

Diese ernst zu nehmende Macht wurde nach dem zweiten Weltkrieg aufrecht erhalten. Geheimdienst, Militär, Polizei, Justiz – all diese Organe wurden von Personen aufgebaut, die gerade eben noch unter Hitler führend an Kriegsverbrechen und Völkermord beteiligt waren. Diese Leute haben rechte Terrorstrukturen seitdem aufgepäppelt und am Leben gehalten. Beste Beispiele dafür sind die „Stay-Behind“-Geheimarmeen, die „Wehrsportgruppe Hoffmann“, der „NSU/Combat 18“ oder das „Kreuz“-Netzwerk, das in den letzten zwei Jahren aufgedeckt wurde.

Mittlerweile hat sich das „Staatsstreichorchester“ zum Terror von Halle bekannt. Ob da was dran ist, kann man noch nicht sagen. Doch egal, ob Stephan B. direkter Teil eines Netzwerks war oder tatsächlich vor allem „allein gehandelt“ hat – er hat nur das ausgeführt, was Tausende planen und Hunderttausende in Deutschland denken.

AfD als Brandstifter

Maßgeblichen Anteil daran hat die AfD als parlamentarischer Arm des Faschismus. Sie hat durch strategische Tabuverletzungen die „Grenze des Sagbaren“ immer weiter nach rechts verschoben. Das Ergebnis dessen sehen wir im Internet. Für den rechten Terror von Halle gibt es nicht nur Verachtung sondern auch Unterstützung. Die „Alternative für Deutschland“ hat durch systematische Hetze über einen „Bevölkerungsaustausch“ ein Klima der Angst geschaffen, in dem das Konzept des „Rassenkriegs“ auf fruchtbaren Boden fällt. Der Attentäter von Halle stellte sich in genau diese Tradition.

Der Faschismus besteht nicht aus einzelnen Psychopathen,die sich zufällig treffen. Er ist eine Bewegung und ein Herrschaftsinstrument, das bewussten Zielen dient. Für uns kann das nur bedeuten, dass wir uns ebenso bewusst Gedanken darüber machen, was wir dieser Macht entgegensetzen können.